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Bayreuther Festspiele:Ermittlungen hinter den Kulissen

"Dubiose" Kartenvergabe bei den Wagner-Festspielen: Mehr als die Hälfte aller Bayreuth-Karten gehen nicht in den freien Verkauf. Fragwürdig ist vor allem, dass mehrere private Reiseveranstalter Tickets erhielten - und sie später zu horrenden Preisen im Internet verkauften. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Hof wegen des Verdachts der Untreue.

Olaf Przybilla, Bayreuth

Die Festspiele sind gerade zu Ende gegangen, es waren die 100. in Bayreuth. Im Nachhinein wird man die Entscheidung der Festspielleiterinnen, den Geburtstag weithin zu ignorieren, als ausgesprochenen Glücksgriff werten dürfen, denn diese Festspielsaison brachte viel Ungemach und sehr wenig Erfreuliches am Grünen Hügel. Man ist dort Kritik gewöhnt, natürlich, aber die Premiere des Tannhäuser fiel schon gewaltig durch. Noch unerfreulicher aber dürfte die vornehme Reserviertheit wirken, mit der das Publikum auf die letzte Spielzeit der Meistersinger reagierte.

Auch die 100. Bayreuther Festspiele sorgen für Zündstoff

Der "Alkoholator" im Tannhäuser sorgt nicht für freudentrunkenes Publikum. Die Kartenvergabe ebenfalls nicht.

(Foto: dpa)

Ausgerechnet die Inszenierung der Festspielchefin Katharina Wagner trat den Beweis an, dass Karten in Bayreuth nicht automatisch Mangelware sind - bei Wagner blieb mancher Platz leer. Und dann der Zoff um die Kartenvergabe, losgetreten vom Bundesrechnungshof. Nun ist Betriebsurlaub am Hügel, Ruhe aber dürfte kaum einkehren. Denn jetzt interessiert sich auch noch die Staatsanwaltschaft für die Kartenvergabe in Bayreuth.

Wie der Leitende Oberstaatsanwalt in Hof, Gerhard Schmitt, der Süddeutschen Zeitung bestätigte, wurde inzwischen ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Es geht um den Verdacht der Untreue. Gegen wen genau ermittelt wird, soll erst das Verfahren zeigen. Im Visier dürfte sich zunächst die Bayreuther Festspiele GmbH befinden, auch der Verwaltungsrat der Festspiele und möglicherweise einzelne Mitarbeiter der Gesellschaft. Hintergrund der Ermittlungen sind zwei Strafanzeigen, die bei der Staatsanwaltschaft in Hof eingegangen sind.

Sie ist zuständig für Wirtschaftssachen in Bayreuth, es ist dieselbe Staatsanwaltschaft, die momentan auch noch in der Causa Karl-Theodor zu Guttenberg ermittelt, ebenfalls wegen eines mutmaßlichen Wirtschaftsdeliktes in Bayreuth.

"Den Wahrheitsgehalt der Strafanträge unterstellt", sagt Oberstaatsanwalt Schmitt, "rechtfertigen sie unsere Ermittlungen." Eine der Anzeigen ist bereits Anfang Juli bei den Anklagebehörden in Oberfranken eingegangen - dass sie noch nicht zu den Akten gelegt wurde, lässt darauf schließen, dass die Ermittler die Sache nicht als Lappalie ansehen.

Staatsanwalt Schmitt verweist auf die Berichte des Bayerischen Obersten Rechnungshofes, vor allem aber auf den im Juli öffentlich gewordenen Bericht des Bundesrechnungshofes, der die Kartenvergabe in Bayreuth schwer gerügt hatte. "Der Bundesrechnungshof hält die hohe Kontingentierung der Eintrittskarten mit den Förderzielen des Bundes für nicht vereinbar", lautete dessen Resümee.

Die Liste der Abnehmer von Freikarten ist lang

Mehr als die Hälfte der Karten, bis zu 60 Prozent, gehen demnach nicht in den freien Verkauf, sondern werden über spezielle Kontingente für besondere Abnehmer bereitgehalten - oder gleich verschenkt. Die Liste der Abnehmer von Kontingenten oder gar Freikarten ist lang: Die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth (GdF) hat Zugriff auf den satten Anteil von 14 000 der insgesamt 57 000 Karten, bevorzugt oder belohnt werden auch Firmensponsoren, Richard-Wagner-Verbände und Vertreter der Stadt Bayreuth.

Am meisten allerdings - neben den mehr als 2000 Freikarten - dürften sich die Ermittler nun für die Kartenkontingente interessieren, aus deren Herkunft am Hügel seit jeher das größte Geheimnis gemacht wird. Laut Rechnungshof verteilte die Festspiel-Gesellschaft Kartenkontingente an "mehr als 20 Reiseveranstalter". Im Jahr 2009 soll es sich dabei um Kontingente zwischen zehn und 516 Karten gehandelt haben, eine schriftliche Vereinbarung darüber aber habe lediglich in einem einzigen Fall bestanden. Diese Karten werden dann im Internet zu horrenden Preisen verkauft, nicht selten im Gesamtpaket mit Obstkorb, Sektempfang und Hotel-Bademantel.

Wie bestimmte Reiseveranstalter immer wieder an Kontingente gelangen, gilt am Hügel offiziell als nicht bekannt. Man wisse nicht, wie diese "Veranstalter an Karten kommen", sagte Festspielsprecher Peter Emmerich zum Rechnungshof-Bericht. Genauso unbekannt ist damit, wer daran verdient. "Das muss sich jetzt unbedingt ändern", fordert der GdF-Vorsitzende und frühere bayerische Finanzminister Georg von Waldenfels im SZ-Gespräch. Dass es Kartenkontingente für Reiseveranstalter geben soll, sei ihm vor dem Prüfbericht "gar nicht bekannt" gewesen. Darüber werde nicht öffentlich geredet am Hügel, möglicherweise hätten "da manche ein schlechtes Gewissen", vermutet er.

Die Kartenvergabe insgesamt hält Waldenfels für "dubios", bei der nächsten Verwaltungsratssitzung werde er "Aufklärung einfordern". Möglicherweise kommt diese bis dahin bereits von der Staatsanwaltschaft.

© SZ vom 02.09.2011

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