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Bayreuther Festspiele:Die Meisterbesucherin

Es ist schon schwer genug, überhaupt mal eine Karte für die Bayreuther Festspiele zu bekommen. Doch Lilo Heuberger hat es geschafft, jede Inszenierung seit 1951 zu sehen - oftmals auch ohne Karte.

Wer Lilo Heuberger besuchen will, muss am Schaufenster eines Antiquariats vorbei, das Preziosen wie "Der Ring des Nibelungen im Lichte des deutschen Strafrechts" anbietet. In diesem Haus fährt man hinauf in den vierten Stock, blickt von dort hinüber auf das Festspielhaus und kann erleben, wie die 85 Jahre alte Hausherrin fast wie nebenbei allerlei Wagner-Enthusiasten empfängt. Gerade ist ein junger Theatermann aus London in der Wohnung, er kommt stets zur Premiere nach Bayreuth und besucht dort immer: Lilo Heuberger, jene Frau, die seit 1951 jede Bayreuther Inszenierung gesehen hat - und Besucher am Hügel mit Operngläsern versorgte.

Bayreuther Festspiele

In diesem Jahr finden die 100. Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth statt - und auch heuer war es schwierig, an Karten zu kommen.

(Foto: dpa)

Vielleicht sollte man die Geschichte von Lilo Heuberger und dem Grünen Hügel im Jahr 1943 beginnen. Wilhelm Furtwängler dirigiert die Meistersinger, und auf der Bühne steht eine 17 Jahre alte Schülerin aus Bayreuth, Lilo Heuberger. Es wird das einzige Mal bleiben, dass sie eine Aufführung aus dieser Perspektive sieht. Heuberger ist musikalisch, für die Festspiele aber, "oh je, da langt es bei mir beileibe nicht", sagt sie. Heuberger gab den Schusterjungen, ihren dunklen Mezzosopran konnten sie gerade gut gebrauchen im Jahr 1943. Schusterjungen gab es damals wenige, "die meisten lagen ja im Schützengraben", sagt Heuberger.

Eine Szene von damals ist ihr im Gedächtnis geblieben, und wer der 85-Jährigen so zuhört, wie sie erzählt und dabei immer wieder in ein sehr helles Lachen ausbricht, wundert sich nicht, was das für eine Szene ist. Der Schusterjunge soll in der Prügelszene seines Amtes walten, er soll zuschlagen, aber Lilo Heuberger traut sich nicht recht. Bis das Opfer sie anraunzt: "Jetzt hau halt mal richtig hin, man spürt ja nix." Und das auf der Bühne, in der Premiere? "Die Musik aus dem Orchestergraben ist da laut genug", sagt Heuberger, sowas bekomme keiner mit.

1951, als die Festspiele wieder beginnen, hilft Heuberger bereits mit in der Funktion, die ihr am Hügel 58 Jahre lang zugedacht sein soll: Sie verleiht Operngläser für die vorderen Reihen, Feldstecher für die weiter hinten. Und sie eignet sich in der Zeit ein fast enzyklopädisches Wissen an. In den Pausen muss Heuberger in der Wandelhalle stehen, die Operngläser ihres Vaters, eines Bayreuther Optikers, wollen verteilt sein. Danach aber hat sie Zeit für die Inszenierungen - auch wenn sie keine Karte bekommen hat.