Corona-Pandemie:Thesen vom Amtsarzt

Lesezeit: 2 min

Leiter des Gesundheitsamtes Pürner

Friedrich Pürner wurde als Leiter des Gesundheitsamtes Aichach-Friedberg abberufen.

(Foto: Stefan Puchner/dpa)

Der ehemalige Leiter des Gesundheitsamts Aichach-Friedberg hat nun ein Buch geschrieben. Dafür bekommt Friedrich Pürner Beifall von Querdenkern und der AfD. Verharmlost er Corona?

Von Thomas Stöppler, Aichach

"Hallo, hier ist der Oberschwurbler", sagt Friedrich Pürner am Telefon. Der ehemalige Leiter des Gesundheitsamts Aichach-Friedberg kümmert sich nun in Oberbayern um die Approbation ausländischer Ärzte: "Eine reine Verwaltungstätigkeit und nicht das, was ich als Arzt und Epidemiologe gelernt habe." Wie lange er dort noch bleibt, ist unklar, denn er hat gegen die Abordnung, die inzwischen eine Versetzung geworden ist, geklagt. Das Verfahren ist noch anhängig. Seit gut einem Jahr dauert nun die Posse um den 54-Jährigen, der im November 2020 abgeordnet wurde und dagegen klagte.

Die Abordnung folgte unmittelbar einer Kritik Pürners an den Corona-Maßnahmen und an Ministerpräsident Markus Söder. So zweifelte er am Sinn von Community-Masken und auch am Inzidenz-Maßstab von 30 beziehungsweise 50. Eine "Strafversetzung" nannte der Mediziner das damals. Er klagte gegen die Abordnung; kurz bevor es zum Prozess kam, zog das Landesgesundheitsamt die Abordnung zurück und schickte ihn auf seinen Posten in Oberbayern. Zwischen der Arbeit und den Klagen hat Pürner Zeit gefunden, ein Buch zu schreiben und mehr als 35 000 Twitter-Follower mit oft sehr provokanten Posts zu füttern. Am Montag postete er: "Das Problem ist die Unglaubwürdigkeit der Politik. Seit 2020 wurden die schlimmsten Szenarien beschrieben. Sie trafen nicht ein."

Applaus aus dem Querdenkerlager

Im Gespräch gibt sich Pürner betont sachlich und bemüht, nicht als Querdenker dazustehen. Ihm gehe es um grundsätzliche Fehler im Gesundheitssystem. Auch äußert er Unverständnis dafür, dass der Karneval stattfinde oder bei "Wetten, dass?!" Menschenmengen auf engstem Raum und ohne Maske zusammenkamen. Dennoch erhält Pürner viel Applaus aus dem Querdenkerlager und von der AfD. Verharmlost er Corona? "Covid 19 ist auf gar keinen Fall zu unterschätzen, besonders für ältere und Menschen mit Vorerkrankungen", sagt er und fügt hinzu: "Aber wir müssen wieder lernen, Gefahren einzuschätzen."

Er verlangt eine andere Herangehensweise im Kampf gegen die Pandemie. Weil Corona in der Regel für Kinder und Jugendliche ungefährlich sei, dafür aber umso mehr für die von ihm beschriebenen vulnerablen Gruppen, müssten Letztere geschützt werden, die anderen hätten dann mehr Freiheiten. Der Immunologe Reinhold Förster von der Medizinischen Hochschule in Hannover versteht zwar den Ansatzpunkt, aber hält dies für nicht umsetzbar: "Es wären zu viele Menschen betroffen." Die Infizierten würden eben auch die vulnerable Gruppe anstecken - trotz Impfungen.

Experten widersprechen

Er sei nicht grundsätzlich gegen das Impfen, sondern er habe als Amtsleiter schon seit Jahren auf mehr Impfungen gedrängt. Pürner behauptet: Die Corona-Impfstoffe seien neu und unerprobt, Langzeitfolgen immer noch zu großen Teilen unbekannt und ältere Zellen könnten nicht mehr lernen, die Antikörper zu produzieren.

Auch hier widerspricht Förster: "Bei älteren Menschen funktionieren die Impfungen in der Tat schlechter, aber das ist bei allen Impfungen." Schlicht, weil das Immunsystem nicht mehr so gut funktioniere. Genauso antwortet auch der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek: "Das Problem bei älteren Menschen ist generell, dass das Immunsystem nicht mehr so gut arbeitet. Das bedeutet aber nicht, dass die Proteinbiosynthese ausgerechnet im Hinblick auf die Bildung des Spike-Proteins nicht funktioniert."

Mit seiner Impfkritik macht Pürner aus Perspektive der Staatsregierung eine Rückkehr schwer. Sein Posten ist übrigens unbesetzt, die kommissarische Leitung pausiert gerade.

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