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Ausgrabung:Als die Römer kamen

25 Jahre nach dem Fund sind die Zeugnisse einer Schlacht bei Oberammergau ausgewertet. Sie dokumentieren, wie die Raeter unterworfen wurden

Seit dem Sensationsfund von Oberammergau sind 25 Jahre vergangen, doch jetzt erst sind alle Spuren ausgewertet und dokumentiert. Sie belegen nicht nur, dass die Gegend um den Passionsspielort Oberammergau schon zur Zeit von Christi Geburt besiedelt war. Sie sind auch Zeugnisse einer dramatischen Schlacht: Im Jahr 15 vor Christus schickten sich die Römer an, dieses Land, in dem die Raeter hausten, gewaltsam in ihr Weltreich zu integrieren. Kaiser Augustus hatte seine Stiefsöhne Drusus und Tiberius beauftragt, in das nördliche Alpenvorland vorzurücken und die dort lebenden Stämme zu unterwerfen.

Bislang war der große Alpenfeldzug der Römer nur literarisch dokumentiert. Der Fund auf der in der Nähe von Oberammergau gelegenen Flur namens Döttenbichl liefert eine archäologische Bestätigung dieser Ereignisse. Das spätere Bayern war von da an eine römische Provinz und sollte es fast fünf Jahrhunderte lang bleiben. Bayerns antike Vergangenheit glänzt noch heute in Dialektwörtern (Semmel, simila), Ortsnamen (Augsburg, Augusta vindelicorum) sowie im Brauchtum (heilige Quellen).

Passionsspiele in Oberammergau (1930).

Wie bei der Schlacht auf dem Döttenbichl im Jahre 15 v. Chr. spielen die Römer beim Passionsspiel in Oberammergau eine dominierende Rolle. Hier eine Szene aus den Dreißigern mit Pontius Pilatus, der Christus befragt.

(Foto: Scherl / SZ Photo)

Der im Dienst der Bayerischen Akademie der Wissenschaften stehende Archäologe Werner Zanier hat in den Neunzigerjahren die Ausgrabungen auf dem Döttenbichl geleitet. Nach einem zufälligen Metallfund im Jahr 1991 wurde dieses Areal systematisch durchkämmt. Dabei kamen etwa 1200 antike Gegenstände zum Vorschein. Sie waren aus Eisen, Bronze, Silber und Blei gefertigt, und zwar vom Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. bis zum ersten nachchristlichen Jahrhundert (50 n. Chr.). Über die Ergebnisse der Grabungen erschien vor kurzem eine dreibändige Monographie (Werner Zanier, Der spätlatène- und frühkaiserliche Opferplatz auf dem Döttenbichl südlich von Oberammergau, München 2016). Damit stand fest, dass hier in der Zeit um Christi Geburt eine ortsansässige Bevölkerung lebte. Bei dem Areal auf dem Döttenbichl habe es sich um einen Kultplatz gehandelt, sagt Zanier. "Hier stand ein Naturheiligtum."

Beim Römerfeldzug des Jahres 15 v. Chr. kam es zur Katastrophe. "Die raetischen Kämpfer zogen sich damals in ihren heiligen Hain auf dem Döttenbichl zurück, um dort den Angriff der Römer zu erwarten", vermutet Zanier. Römische Bogenschützen rückten dann von Westen her vor, die schwer zugängliche Ost- und Südseite des Döttenbichls wurde von einer Artillerieabteilung der 19. römischen Legion mit Pfeilkatapulten unter Beschuss genommen, wie Zanier und das Grabungsteam rekonstruiert haben. Die Einheimischen waren bei dem Gefecht hoffnungslos unterlegen. Schon nach wenigen Stunden hatten die Römer den Döttenbichl erobert, wobei sie den Kultplatz nicht zerstörten. Dass hier die 19. Legion angerückt war, beweisen die mit einem einschlägigen Stempel versehene Katapultpfeilspitzen. 23 Jahre nach dem Alpenfeldzug sollte diese Legion in der berühmten Varusschlacht des Jahres 9 n. Chr. endgültig untergehen.

Bereits 1901 wurde südlich vom Döttenbichl dieser römische Eisendolch gefunden.

(Foto: Bayerische Akademie der Wissenschaften)

Neben Schmuck, Schlüsseln und Werkzeugen fanden die Archäologen auf dem Döttenbichl auch Waffen, Pfeilspitzen und sonstige Militärutensilien. Das wirkt auf den ersten Blick erstaunlich, aber Zanier hat eine Erklärung parat. Nach wenigen Tagen erlaubten die Römer den Raetern, die Kampfspuren in dem Heiligtum zu beseitigen. Durch das Verbrennen der Waffen wollten die Raeter ihr geschändetes Heiligtum säubern und die Götter besänftigen. Danach habe die Bevölkerung den Opferplatz noch ein halbes Jahrhundert benützt. Das Feuer half, diese Relikte zu bewahren. Es bildete sich an Eisenobjekten eine Brandpatina, die wie ein Korrosionsschutz wirkte. Die Gegenstände sind zum Teil so gut erhalten, dass sogar Hammerschläge und Feilspuren noch zu erkennen sind.

Am Ende dieser Geschichte weist Werner Zanier noch auf eine verblüffende Parallelität hin. Seit 1633 werden in Oberammergau Passionsspiele aufgeführt, bei denen sich viele einheimische Bürger als jene Römer verkleiden, wie sie im Jahre 15 v. Chr. der Oberammergauer Urbevölkerung auf dem Döttenbichl großes Leid zufügten. Viele der am Kampf beteiligten Soldaten dürften noch Zeitgenossen von Jesus Christus gewesen sein, vermutet Zanier. "Zwischen den Ereignissen auf dem Döttenbichl und den Passionsspielen im nur 1,6 Kilometer entfernten Passionstheater ergeben sich für Oberammergau überraschende Bezugspunkte, wenngleich kein historischer Zusammenhang besteht."