Adel in Bayern:Ein Stauffenberg gegen "alle Extremisten"

Adel in Bayern: Karl Schenk Graf von Stauffenberg wird politisch aktiv.

Karl Schenk Graf von Stauffenberg wird politisch aktiv.

(Foto: Olaf Przybilla)

Karl Schenk Graf von Stauffenberg lebt mit Familie in einer "Doppelschlosshälfte" im unterfränkischen Irmelshausen. Seinen Namen empfindet er oft als Bürde - doch jetzt will er ihn nutzen.

Von Olaf Przybilla, Irmelshausen

Wie das so ist, auf den Namen Stauffenberg zu hören? Karl Schenk Graf von Stauffenberg ist der Enkel des Mannes, der am 20. Juli 1944 versucht hat, die Welt von Adolf Hitler zu befreien. Stauffenberg, 45, ist mit der Frage konfrontiert, seit er denken kann, klar. Und er hat sich angewöhnt, darauf mit einer Geschichte zu reagieren.

Sie spielt in der Bundeswehr-Kaserne, in der er seinen Wehrdienst abgeleistet hat. Stauffenberg war Leistungssportler zu der Zeit, Fechter. Er trainierte so viel, dass sein Knie zu Schaden ging. Als er es nicht mehr aushielt, teilte er seinem Kompaniefeldwebel mit, er werde sich operieren lassen müssen. Darauf antwortete der: "Schütze Stauffenberg! Wenn Ihr Großvater das mitbekommen würde, er würde sich im Grabe herumdrehen."

Stauffenberg hat nicht geantwortet damals. So gerne er dem Mann auch gesagt hätte, dass es so was leider nicht gibt, ein Grab seines von den Nazis ermordeten Großvaters. Aber gut, sagt Stauffenberg: "Es gibt Leute, die können mit meinem Namen einigermaßen umgehen. Und leider auch andere." Fluch oder Segen? Auf jeden Fall Bürde, sagt Stauffenberg. Als Schüler wurde er drei Jahre hintereinander immer wieder aufs Neue aufgefordert, ein Referat über den 20. Juli zu halten. Die Noten waren regelmäßig mau. Man erwartete sich irgendwie mehr von einem Stauffenberg.

Vor zwei Jahren ist er mit Frau und Kindern ins unterfränkische Irmelshausen gezogen. In eine, könnte man sagen, Doppelschlosshälfte. Geerbt hat er den "Kasten", wie er es nennt, ums Jahr 2000 herum, dort aber auch einzuziehen, davor scheute er lange zurück. Das Schloss liegt kaum zwei Kilometer von Thüringen entfernt, vor der Wende war das äußerstes Grenzland, direkt am Zaun. Und nach der Wende blieb die Grenzlandförderung aus. Viele in der Region finden, dass sie im Grunde zweimal im Schatten der Geschichte standen.

Nach der Einheit floss das Geld dorthin, wo man es noch dringender brauchte, im Osten waren die Straßen irgendwann topp. An der Nordgrenze Frankens aber blieb vieles, wie es war. Was optisch seine Reize hat: Es gibt in Deutschland wenige Regionen, in denen Dorfgrenzen so idyllisch in Wiesen übergehen: keine Tankstelle, kein Gewerbegebiet, kein Großraumsupermarkt. Dafür bekommt man den Eindruck, dass in jedem zweiten Dorf ein Schloss steht. Ja, sagt Stauffenberg, nur Arbeit müsse man halt auch irgendwo finden.

Andererseits: Den geerbten Kasten von München oder Hamburg aus zu verwalten, kam auf Dauer auch nicht in Frage. Also auf nach Irmelshausen im Grabfeld, 460 Einwohner, ein Badesee, ein Schloss. Anna, seine Frau, ist gelernte Modedesignerin, "seither bin ich nebenher Elektriker, Maler, Verputzer", sagt sie.

Beide machen keinen Hehl daraus, dass der Anfang auch sonst nicht leicht war im Ort. "Wir heißen komisch, wir wohnen in einem Haus, das anders aussieht, alles wirkt bei uns auf den ersten Blick anders", sagt Stauffenberg. Inzwischen aber glaubt er, reinschauen zu dürfen in die Dorfgemeinschaft, "zumindest am Rande". Vieles gefalle ihm.

Der Anlass ist da, politisch aktiv zu werden

Aber er beobachte auch Dinge, gerade auf dem sogenannten strukturschwachen Land, die ihm regelrecht Angst machten. In einem Nachbarort ist gerade die Debatte entbrannt, inwieweit man sich die Jugendarbeit noch leisten kann. Auf der anderen Seite erodiere die bürgerliche Mitte, "die politischen Ränder werden stärker und Demagogen von allen Seiten haben leichtes Spiel", beobachtet Stauffenberg.

Er sei sein Leben lang kein politischer Aktivist gewesen. Momentan aber sehe er Anlass, aufzustehen und aktiv zu werden. "Und zwar gegen alle Extremisten", sagt Stauffenberg: "Religiöse Fundamentalisten, Linksextremisten, Rechtsextremisten." Lokale Initiativen gegen Nazis gebe es viele. Aber einen Verein gegen Extremismus im Allgemeinen habe er nirgends gefunden. Deshalb hat er ihn jetzt selbst gegründet.

Adel in Bayern: Im Wasserschloss Irmelshausen lebt der Graf in einer "Doppelschlosshälfte".

Im Wasserschloss Irmelshausen lebt der Graf in einer "Doppelschlosshälfte".

(Foto: Olaf Przybilla)

Stauffenberg nennt sich selbst Nikotin- und Kaffee-abhängig, wer ihn einen Vormittag lang beobachtet, wird das nicht für einfach so dahingesagt halten. Allerdings könnte es derzeit etwas ärger sein als gewöhnlich, denn demnächst will Stauffenberg trommeln für seinen Verein "Mittendrin statt extrem daneben". Die Auftaktveranstaltung ist am 28. Mai in Mellrichstadt, etwa 20 Autominuten von Irmelshausen entfernt.

Sie soll sich vor allem an Jugendliche und junge Erwachsene wenden, etliche Bands von Rang werden auftreten. "Wir wollen da sozusagen den säkularen Rechtsstaat feiern", sagt Stauffenberg. Politiker sollen auch mitdiskutieren. Dass es ihm aber - der sich selbst tief im konservativen Milieu verwurzelt sieht - über Wochen nicht gelungen ist, auch einen Spitzenvertreter der CSU zu einem Auftritt zu bewegen, mache ihn wütend.

Stauffenberg macht kein Geheimnis daraus, dass er der CSU nahesteht. Dass dann aber keiner komme, wenn ein Verein die Zivilgesellschaft in ihrer Mitte zu stärken versuche - das halte er für "eine Form von Arroganz".

Stauffenberg holt sich noch eine Tasse Kaffee. Keine Angst, dass der Name noch mehr zur Bürde werde könnte? Das sei er ja ohnehin, sagt Stauffenberg, wenn er den Namen jetzt womöglich einmal auch als "Türöffner und Schwert für so eine Sache" nutzen könne, so solle ihm das recht sein. Die Leute würden dann schon merken, dass er nicht die wandelnde Verkörperung eines "Aufrichtigkeitsmythos" sei, sondern ein "ganz normaler Mensch, mit labiler Psyche, Familie und zwei Hunden".

Seine beruflichen Geschäfte liegen bis zu der Sache in Mellrichstadt brach, seine Frau muss das mit übernehmen. Beide haben eine Firma gegründet, die Hochzeiten in einer Region ausrichtet, in der das Wort "naturbelassen" mal keine Werbelyrik ist. Kästen zum Feiern gibt es da genug.

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