17. Februar 2011, 11:46 Ettal: Untersuchungsbericht 5000 Euro für ein zerbrochenes Leben

An diesem Donnerstag stellt Ex-Verfassungsrichter Jentsch den Untersuchungsbericht zu den Vorfällen im Kloster Ettal vor. Die ehemaligen Schüler, die damals missbraucht wurden, sollen entschädigt werden. Doch der Graben bleibt.

Von Matthias Drobinski

Sie sitzen auf den ledernen Schwingstühlen der Anwaltskanzlei von Stephan Lang, ihrem Klassenkameraden. Männer Mitte 40, mit bürgerlichen Existenzen. Doch wenn Robert Köhler, Roman Hofer und Bernd Maier (die in Wahrheit anders heißen) erzählen, sind sie wieder Schüler.

Lange hat es gedauert, bis die Mönche in Ettal begriffen, welches Leid einige Patres ihren Schülern antaten.

(Foto: dapd)

13-jährige Internatskinder, die einsam sind, die Angst haben vor den Schlägen, sich bedrängt fühlen von den feuchten Gutenachtküssen des Paters M., der dabei den Jungs schon mal in die Hose griff, der mit seinen Lieblingsschülern morgens schwimmen ging und dann mit ihnen Sex hatte. Dann ist die Zeit in Ettal wieder da, im Internat des Benediktinerklosters.

Seit einem Jahr ist an der Oberfläche, was sie verdrängt hatten und doch immer im Leben war, sich zwischen sie und ihre Partnerinnen, Kinder, Freunde stellte. Sie hatten ja immer wieder mal davon geredet, wenn sie sich trafen, hatten sogar ans Kloster geschrieben. Doch es geschah nichts, also drückten sie das Unglück der Schulzeit wieder weg.

Bis jener Februar 2010 kam, als zwei Mails die Redaktion der Süddeutschen Zeitung erreichten: Auch in Ettal gab es Schläge und sexuelle Gewalt, nicht nur in Berlin am Canisiuskolleg. "Es war eine Befreiung", sagt Robert Köhler, der Sprecher der Ettaler Missbrauchsopfer. Auch wenn sie seitdem nicht mehr schlafen, ihre Berufe vernachlässigen, und ihre Frauen sagen: Es muss bald aufhören.

"Ganz wird sich die Wahrheit nie herausfinden lassen"

An diesem Donnerstag wird Hans-Joachim Jentsch, der ehemalige Verfassungsrichter, einen Bericht vorstellen, den er selber nach drei Monaten Arbeit eine "Zwischenorientierung" nennt; er hat Gespräche geführt, die Akten durchforstet und sagt: "Ganz wird sich die Wahrheit nie herausfinden lassen." Warum konnte sich über Jahrzehnte ein solches System von Prügel und sexueller Gewalt etablieren, das bis zu Beginn der 90er Jahre bestand?

Jentsch ist der erste Vermittler, den das Kloster und die Opfer gleichermaßen akzeptieren, "der erste, der dem Kloster nahebringen konnte, dass wir keine Feinde sind", wie Köhler sagt. Rechtsanwalt Thomas Pfister, der den ersten Untersuchungsbericht geschrieben hat, schied im Unfrieden mit dem Kloster.

An diesem Donnerstag wird das Kloster auch erklären, wie es die Opfer entschädigen möchte. Nach SZ-Informationen lehnt sich das Angebot an das der Jesuiten an; es umfasst Hilfen für Therapie und eine Zahlung von 5000 Euro - bei ungefähr 100 Opfern müsste das Kloster also rund 500.000 Euro zur Verfügung stellen. Für Härtefälle soll zusätzlich Geld bereitstehen.

Für die Mönche ist das viel Geld, ohne den Verkauf von Grundstücken, die Auflösung von Rücklagen dürfte es kaum verfügbar sein. Zusätzlich - und hier gehen die Ettaler weiter als die Jesuiten - soll ein unabhängiges Institut die Geschichte der Gewalt gegen die Schüler erforschen: Welche Struktur im Kloster, welche Pädagogik, welche Grundhaltung ermöglichte den Missbrauch, die Vertuschung? Der Vorschlag kommt von den Missbrauchsopfern, das Kloster hat ihn aufgegriffen.

Sie erkennen das an, die drei Männer auf den Lederstühlen in der Kanzlei. Ja, das Kloster hat sich bewegt in diesem dramatischen Jahr. Und doch sagt Robert Köhler: "Emotional hat uns das Kloster nicht erreicht." Zu tief ist der Abgrund, zu sehr haben die Benediktiner geschwankt zwischen ehrlich betroffener Einsicht, Hilflosigkeit und Abwehr.

Der Abgrund, die Hilflosigkeit, die Abwehr. Immer wieder war der pädophile Pater M. aufgefallen, doch bis zum Tod blieb er anerkanntes Mitglied der Klostergemeinschaft. Die Männer, die da Tür an Tür in geistlicher Gemeinschaft lebten, redeten nicht über Sexualität, ob einer keusch lebte, eine Frau hatte oder einen Mann - oder Kindern sexuelle Gewalt antat. Nie wurde das Prügelsystem des Internatsleiters G. hinterfragt, von dem Schüler berichten, er habe sich verhalten "wie der coole Chef einer Gang im Ghetto".

Kleinkrieg zwischen Kloster und Erzbistum

Und als 2010 die Journalisten recherchierten, war Abt Barnabas hilflos, erst an jenem Montag, als die ersten Meldungen im Radio liefen, informierte er das Münchner Ordinariat. Als Generalvikar Peter Beer den Abt dringend zu sprechen wünschte, war kein Auto im Kloster verfügbar; ein Wagen des Ordinariats fuhr die Mönche nach München.

Es war der Beginn eines furchtbaren Kleinkrieges zwischen Kloster und Erzbistum. Als Beer erfuhr, dass die Mönche ihm einen aktuellen Übergriffsverdacht verschwiegen hatten, drängte er Abt Bögle und Schulleiter Maurus Kraß zum Rücktritt, zu Unrecht, wie später eine vom Vatikan entsandte Untersuchungskommission feststellte, die allerdings ein Benediktiner leitete.

Strittig sind bis heute die Fälle zweier Patres, denen Übergriffe aus neuerer Zeit vorgeworfen werden und die ins sächsische Wechselburg versetzt wurden; in einem Fall hat die Staatsanwaltschaft am 20. Januar Anklage erhoben. Das Kloster geht davon aus, alles Mögliche getan zu haben, ein Gutachten des forensischen Psychologen Friedemann Pfäfflin aus Ulm inklusive - das Erzbistum wirft den Ettalern vor, das Gutachten falsch zu interpretieren.

So bleibt das Misstrauen der Internatsschüler von einst. Wie viele Opferberichte hat das Kloster nicht weitergeleitet? Erst jetzt ist eine Mail aufgetaucht, die, im Februar 2010 geschrieben, einen der nach Wechselburg abgeschobenen Patres belastet; dem Opferverein liegen zwei Berichte vor, die von nächtlichen Zweiergesprächen berichten, von Rotwein und "Kitzelattacken" in der Unterhose.

Wie viele Patres und Brüder tragen den Aufklärungskurs mit, zu dem sich Abt Bögle und sein Stellvertreter Kraß durchgerungen haben? Es gibt schonungslos selbstkritische Interviews von Kraß - Insider sagen aber auch, dass längst nicht alle Ettaler Mönche hinter diesem Kurs stehen und wünschen, dass das Kloster hart gegen Kritiker vorgeht. "Als würden wir dem Ruf des Klosters schaden", sagt Robert Köhler, "dabei helfen wir ihm - ehrenamtlich."

5000 Euro also wird das Kloster wohl anbieten. Ja, das ist besser als nichts, sagen die Männer, sie wollen konstruktiv sein. Aber, so sagt Roman Hofer, "um den wirklichen Schaden zu heilen, bräuchte ich viel mehr." Dafür, dass sein erstes sexuelles Erlebnis der Samenerguss eines Paters auf seinem Rücken war. Für die Zusammenbrüche, dafür, dass er das Studium hinwarf, weil er zwei Jahre lang nicht mehr aus seinem Zimmer kam.

"Was können wir Ihnen Gutes tun?" hat der Abt gefragt, als er seine Geschichte erzählte, und Hofer war sehr gerührt, als sie ihm den Urlaub finanzierten, für den er seit Jahren weder Zeit noch Geld hat. Doch als das Schreiben kam, dass ihm die Kosten von einer möglichen Entschädigung abgezogen würden, wäre er am liebsten daheimgeblieben.

"Das möchte man nicht mit den Eltern erörtern"

So wird er bleiben, der Graben. Zwischen dem Kloster, das - aus seiner Perspektive gesehen - schmerzhaft Buße tut. Und den Kindern von einst, die das nicht versöhnen wird. Auf zehn DIN-A4-Seiten hat Robert Köhler seine Schulerinnerungen aufgeschrieben, "jeden Morgen Messe, stumpfe Lernzeiten, Gehorsam, Bestrafung, Disziplin, Drill."

Pater G. mit dem Ford Capri, der die Kinder schlägt und auf Wanderungen mit Brennnesseln antreibt, der übergreifende Pater M. "Vertrauenspersonen gibt es nicht, Mädels auch nicht. Die Jungs erkunden sich untereinander, die machen dasselbe, was der Herr Pater auch macht. Das möchte man nicht unbedingt mit den Eltern erörtern." Lange habe er gedacht, er sei schwul, erzählt Köhler. Weil er ja nichts anderes kannte.

Erinnerungen, die 5000 Euro nicht ungeschehen machen können. So sehr die Ettaler sich das wünschen mögen.