25. Todestag Alfons Goppel: Vater aller Reformen

Die Kombination aus Alfons Goppel (rechts) als Ministerpräsident und Franz Josef Strauß, in Bonn tätig, gilt in der CSU als Beispiel für die gute alte Zeit.

(Foto: SZ-Photo)
  • Alfons Goppel war der am längsten amtierende Ministerpräsident Bayerns.
  • 1962 wurde der damalige Innenministerzu seiner Überraschung zum Landesvater gekürt und blieb 16 Jahre im Amt.
  • Vor 25 Jahren starb Goppel - nun haben Parteigranden an den ehemaligen Ministerpräsidenten erinnert.
Von Hans Kratzer und Wolfgang Wittl

Am 17. September 1962 geschieht etwas, was nach heutigen politischen Maßstäben undenkbar erscheint: Die CSU sucht händeringend einen Ministerpräsidenten - und derjenige, der es am Ende machen soll, denkt überhaupt nicht daran, sich in Stellung zu bringen. Wochenlang hatten sich der katholisch-konservative Landwirtschaftsminister Alois Hundhammer und der evangelisch-liberale Finanzminister Rudolf Eberhard beharkt. Auch Parteichef Franz Josef Strauß hatte kurz sein Interesse aufblitzen lassen.

Doch festlegen wird sich die CSU im Parteivorstand auf Alfons Goppel, den Innenminister. Der Landtagsfraktion wird Strauß wenig später mitteilen, dass durch den Vorstandsbeschluss "niemand verdutzter" gewesen sei als Goppel selbst: "Nicht weil er die Voraussetzungen nicht mitbrächte, sondern weil er immer im zweiten Glied bei Nennung der Namen gestanden habe."

CSU Soll der CSU-Chef gleichzeitig Ministerpräsident sein?
CSU

Soll der CSU-Chef gleichzeitig Ministerpräsident sein?

Diese Frage gehört zur Partei wie der Knödel zum Schweinebraten. Horst Seehofer erwägt nun wieder die Ämtertrennung. Das ging schon manches Mal gut - und manches nicht.   Von Wolfgang Wittl

Goppels interne Wahl zum Ministerpräsidenten und seine Reaktion darauf sind bezeichnend für einen Mann, der Bayern geprägt hat wie kaum ein anderer Politiker. Und der doch stets im Schatten anderer CSU-Größen steht. Dabei war kein bayerischer Ministerpräsident länger im Amt (16 Jahre), kein CSU-Kandidat erzielte bei Landtagswahlen ein besseres Ergebnis als Goppel anno 1974 (62,1 Prozent).

An Heiligabend 1991, vor einem Vierteljahrhundert, ist Goppel 86-jährig gestorben, am Montag erinnerte Ministerpräsident Horst Seehofer am Münchner Waldfriedhof an ihn. Gut 80 Menschen sind gekommen, darunter CSU-Granden wie Edmund Stoiber, Wirtschaftsministerin Ilse Aigner, Fraktionschef Thomas Kreuzer. Ob klarer Kompass in Zeiten der Veränderung; großes Herz für die Menschen; Lordsiegelbewahrer für den Föderalismus; Politik als Dienst an der Bevölkerung; die Zukunft im Blick, Bayern im Herzen - man konnte meinen, der Bürgerkoalitionär Seehofer spreche von sich oder davon, was er eines Tages gerne über sich hören würde.

Goppels Rolle in der Geschichte ist unstrittig: "Er war der Landesvater", sagt Stoiber - "ein Begriff, der zwar dem monarchischen Erbe entsprungen war, aber wie für ihn erfunden schien", wie der Historiker Stefan März in seinem Buch nun geschrieben hat ("Alfons Goppel, Landesvater zwischen Tradition und Moderne", Pustet-Verlag). März zeichnet Goppels Weg kenntnisreich nach: Kindheit in bescheidenen Verhältnissen in Regensburg-Reinhausen, Studium zum Rechtsanwalt, Familienvater, Politiker. Erst mit 49 Jahren zog Goppel in den Landtag ein, kurz zuvor und danach verlor er krachend die Oberbürgermeisterwahlen in Aschaffenburg und Würzburg. Trotzdem wurde er der am längsten amtierende Ministerpräsident.

Der gravierendste Strukturwandel der Geschichte

Die erste Regierungserklärung Goppels im Landtag am 19. Dezember 1962 ging wegen ihrer Folgewirkung und wegen ihrer schon im ersten Satz zum Ausdruck kommenden Programmatik in die Geschichtsbücher ein: "Im Mittelpunkt aller staatlichen Tätigkeit steht der Mensch." Diese Formulierung war für eine Regierungserklärung bis dahin beispiellos. "Für Goppel, dem es stets um eine Personalisierung der Politik ging, war sie aber typisch", sagt die Historikerin Claudia Friemberger.

Bayern stand bei Goppels Regierungsantritt vor dem gravierendsten Strukturwandel seiner Geschichte. In der Ära Goppel passierten insgesamt 507 Gesetze den Landtag, die das Gesicht Bayerns nachhaltig veränderten. Damals gab es auf dem Land kaum asphaltierte Straßen, die Zahl der Gymnasien war noch sehr überschaubar, die Emanzipation der Frau hatte erst das Entwicklungsstadium eines zarten Pflänzchens erreicht. Es kommt nicht von ungefähr, dass die großen Gewinner der Bildungsentwicklung in den Sechziger- und Siebzigerjahren jene vielen Mädchen waren, die von da an aufs Gymnasium geschickt wurden.

Der Aufbruch katapultierte das ärmliche Agrarland auf die Ebene eines führenden Industriestandorts. Bayern konzentrierte sich auf zukunftsträchtige Entwicklungen wie Fahrzeug- und Maschinenbau, Luft- und Raumfahrt, Freizeit und Sport. Goppel ließ Schulen und Universitäten bauen, aber auch Atomkraftwerke. Der Freistaat wurde vom Almosen empfangenden Armenhaus der Republik zum Leistungsträger und Geberland Nummer eins.

Ein streitbarer Mann des Ausgleichs

"Die Grundlagen für den prosperierenden Erfolg des Freistaats wurden nicht zuletzt in der Ära Goppel gelegt", sagt Ferdinand Kramer, Ordinarius für Bayerische Geschichte in München. Gleichwohl musste Goppel erhebliche Widerstände überwinden. Zum Beispiel, als er trotz massiven Gegendrucks aus seiner Partei die Olympiabewerbung Münchens unterstützte. Es zählt zu den großen Leistungen Goppels, dass er den Menschen trotz gravierender Veränderungen das Gefühl vermitteln konnte, die Identität ihrer Heimat werde darunter nicht leiden. Wahrscheinlich war es gerade diese Integrationsfähigkeit, die den Jahren von 1962 bis 1978 angesichts der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüche eine zusammenhaltende Klammer gab, resümiert Kramer.

Obwohl ein Mann des Ausgleichs, bot Goppel sogar dem dominanten Strauß die Stirn. So übte er trotz Strauß' Drängens sein Amt bis zum letzten Tag aus, ehe er 1978 ins Europaparlament wechselte. Von seinen sechs Söhnen zog es nur den späteren Minister und CSU-Generalsekretär Thomas in die Politik. Was vom Vater geblieben ist? "Mit ihm war die Politik auf dem Höhepunkt der Menschlichkeit."

CSU Wie sich Horst Seehofer die Zukunft der CSU vorstellt

CSU

Wie sich Horst Seehofer die Zukunft der CSU vorstellt

Die strategischen Überlegungen des Ministerpräsidenten nerven die Söder-Anhänger. Denn es geht wieder nur darum, wer wann wo welchen Job haben könnte.   Von Wolfgang Wittl