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Volvo-Autos abgeregelt:Eingebautes Tempolimit

Welchen Unterschied macht eine Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h? Ein Praxistest zeigt, dass der Alltagsverkehr vielerorts gar kein höheres Tempo erlaubt.

Von Joachim Becker

Die Faustformel für Tempolimits lautet 60-30-60: Mehr als 60 Prozent der deutschen Autobahnkilometer sind ohne Tempolimit befahrbar. Beinahe jeder dritte Verkehrstote geht auf überhöhte Geschwindigkeit zurück. Ein Großteil aller tödlichen Verkehrsunfälle (knapp 60 Prozent) passiert allerdings auf Landstraßen. Durch "nicht angepasstes Tempo" starben im vergangenen Jahr 963 Menschen, 53 687 wurden verletzt, 13 769 davon schwer. Im Vergleich zum Jahr 2010 ging die Zahl der Verkehrstoten zwar um 16,5 Prozent auf insgesamt 3064 zurück. Doch der europäischen Vision des sicheren Straßenverkehrs kommt Deutschland nicht wie geplant näher.

Die Bundestagsfraktion der Grünen fordert daher eine Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h für Autobahnen und 80 km/h auf Landstraßen. CSU-Chef Markus Söder hat seine ablehnende Haltung jüngst relativiert: "Ich bin kein ideologischer Gegner beim Tempolimit, weil ich glaube, Tempobegrenzung kann an vielen Stellen helfen. Aber ich bin auch kein wirklicher Befürworter wie die Grünen." Damit schwenkt er auf die neutrale Position vieler Verkehrsverbände ein: Der ADAC will sich in der Frage nicht mehr festlegen, da 50 Prozent seiner 21 Millionen Mitglieder ein Tempolimit ablehnen, 45 Prozent würden es allerdings begrüßen. Deutlich mehr sind es im bundesdeutschen Durchschnitt: Laut einer repräsentativen Umfrage, die Autoscout 24 vor kurzem veröffentlichte, halten 60 Prozent der privaten Fahrzeughalter eine Geschwindigkeitsbegrenzung für sinnvoll.

Nach der ergebnislosen Debatte schafft Volvo jetzt Fakten

Ausgerechnet ein Autohersteller geht nun mit einem freiwilligen Tempolimit voran: Alle neuen Volvo-Fahrzeuge laufen bei 180 km/h in den Begrenzer. "Wir wollen dazu beitragen, dass sich die Verkehrssicherheit weiter verbessert und noch weniger Menschen bei einem Unfall ums Leben kommen", sagt Thomas Bauch, Chef von Volvo Deutschland. Das Tempolimit auf vergleichsweise hohem Niveau (in allen anderen Ländern Europas gelten maximal 130 km/h als Höchstgeschwindigkeit) hat dem Autohersteller nicht nur Lob eingebracht. Thomas Bauch spricht von "einer ausschließlich emotionalen Diskussion" und versucht, mit einem Praxistest gegenzusteuern.

Im Juli starteten zwölf Motor-Journalisten zu einer Vergleichsfahrt mit dem beliebtesten Modell der Marke: Der Volvo XC 60 erreicht mit dem 235 PS starken Benziner eine Höchstgeschwindigkeit von 220 km/h, wird aber jetzt ab Werk auf 180 km/h abgeregelt. Auf einem 458 Kilometer langen Autobahn-Rundkurs traten der "alte" und der "neue" Mittelklasse-SUV gegeneinander an. Die Zeitersparnis unter typisch deutschen Autobahnbedingungen an einem Werktag auf der Strecke von Köln über Frankfurt, Aschaffenburg und zurück war allerdings gering. Im Durchschnitt erreichten die ungezügelten Modelle vier Minuten früher das Ziel, allerdings waren der Verbrauch sowie der Stresspegel der Fahrer in der "Vollgasversion" etwas höher. "Meines Erachtens war es den Fahrerinnen und Fahrern aufgrund der Verkehrsbedingungen auf deutschen Autobahnen überhaupt nicht möglich, dauerhaft an die Grenzen des 220 km/h schnellen Fahrzeugs zu gehen", sagt der Internist Ulf T. Esser, der den Fahrversuch medizinisch begleitete: "Ich bin der Überzeugung, dass dann die Stressreaktionen signifikant erhöht gewesen wären, somit wäre auch der Einfluss auf das Befinden des Fahrers am Zielort, sowohl in geistiger als auch körperlicher Hinsicht, deutlicher spürbar.

Mythos "German Autobahn": Die deutschen Hersteller setzen weiter auf Vollgas

Volvos Vorstoß hat bei den deutschen Autoherstellern keinen Anklang gefunden. Sie verdienen viel Geld mit Hochgeschwindigkeitsmodellen - und dem Mythos "German Autobahn". Auch bei ihnen werden Elektrofahrzeuge diese Vollgas-Mentalität aufgrund ihres geringeren Energievorrats zügeln. Und beim automatisierten Fahren macht Rasen erst recht keinen Sinn mehr: Die Fahrzeuge sind vollvernetzt und kooperativ unterwegs. Nur diese defensive Fahrweise kann die Unfallzahlen auf längere Sicht deutlich reduzieren.

© SZ vom 08.08.2020

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