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Urwahn Platzhirsch im Test:Das Fahrrad aus dem 3-D-Drucker

Die Fahrräder von Urwahn wie das Pedelec Platzhirsch sind leicht am markanten Knick im Rahmen zu erkennen.

(Foto: Urwahn)

Die ungewöhnlichen Rahmen des Magdeburger Fahrradunternehmens sehen nicht nur gut aus, sie sind auch bequem. Doch die ungewöhnliche Fertigung hat einen Nachteil: Sie ist deutlich teurer.

Von Thomas Hummel

Der erste Blick auf das Fahrrad der Firma Urwahn hinterlässt das Gefühl, da fehlt etwas. Die hintere Diagonale des Rahmens, die Sattelstange, führt nicht bis hinunter zur Kurbel, sondern biegt vor der Hälfte des Weges in Richtung hintere Achse ab. Wo sonst bei einem Rad zwei Stangen laufen, reicht hier eine.

Der gebogene Stahlrahmen ist das Herzstück des Konstrukteurs Sebastian Meinecke. Der Urwahn-Chef hat damit Design-Preise gewonnen und sich in Fachkreisen einen Namen gemacht. Seit Jahren tüftelt der Ingenieur für Sportgeräte am Bau von innovativen Fahrrädern, zuerst erstellte er unter dem Namen SME Bicycles Auftragsarbeiten. Dann hat er für seine Firma Urwahn unter anderem den neuartigen Rahmen entwickelt, der nicht nur gut aussehen, sondern auch bequem sein soll. Co-Firmengründer Ramon Thomas erklärt: "Ähnlich der Hinterläufe eines Fuchses garantiert der elastische Hinterbau dynamische Wendigkeit und gleicht Fahrbahnunebenheiten aus."

Nach dem ersten Modell mit dem passenden Namen "Stadtfuchs" bringt Urwahn nun ein Pedelec auf dem Markt. Sieht fast genauso aus wie der Stadtfuchs, heißt aber "Platzhirsch". Der hält zunächst, was Thomas verspricht. Die typischen Unebenheiten im Stadtverkehr, von Fahrbahnkanten bis Kopfsteinpflaster, fallen nicht unangenehmer auf als bei einem Rad mit konventioneller Federgabel. Die Dämpfung über das gekrümmte Hinterrohr funktioniert.

Eine veränderte Statik eines Rahmens führt bei Fahrrad-Liebhabern zu interessierten Blicken, denn diese ist äußerst selten. Die Rahmen der in Deutschland verkauften Räder kommen zu weit über 90 Prozent aus Fernost, selbst hochpreisige Marken bestellen sie vor allem in Taiwan. Sie kommen sozusagen von der Stange, das hält die Preise tief, sorgt aber auch für eine gewisse Eintönigkeit. Hierzulande werden zumeist die Komponenten an- und zusammengebaut. Dass die kleine Firma Urwahn nun einen neuen Ansatz wählen kann, hängt mit der Herstellung zusammen: Der Rahmen kommt aus dem 3-D-Drucker.

Urwahn Team

Die beiden Urwahn-Geschäftsführer Sebastian Meinecke (links) und Ramon Thomas.

(Foto: Stefan Deutsch / Urwahn)

Das Verfahren war in der Branche unbekannt

"Durch den 3-D-Druck konnte das Urwahn-Bike ohne Kompromisse an Design und Funktionalität realisiert werden", sagt Ramon Thomas. Doch es dauerte, bis ein fertiges Produkt erschien. Thomas erzählt, das Unternehmen habe auf keine Erfahrungswerte aufbauen können, weil das Verfahren in der Branche unbekannt gewesen sei. 3-D-Druck mit Metallen ist eher in der Luft- und Raumfahrt oder in der Medizintechnik bekannt, andere Industrien nutzen ihn bei der Herstellung von Prototypen. Urwahn kämpfte mit finanziellen Problemen, konnte dann aber, so Thomas, von Mitteln der Wirtschaftsförderung des Landes Sachsen-Anhalt profitieren und erhielt Geld von Investoren.

Mehrere Einzelteile des Stahlrahmens werden nun mittels "generativen Laserschmelzverfahrens" aus Metallpulver schichtweise aufgebaut. Anschließend werden sie bei der Firma Rotor Bikes in Leipzig zusammengeschweißt, die Nähte in Handarbeit so geschliffen, dass am Ende nichts mehr davon zu sehen ist.

Die Sache mit dem Knick: Fahrräder aus der additiven Fertigung können mit Hilfe des Rahmens federn, ohne dass der Werkstoff ermüdet.

(Foto: Felix Meyer / Urwahn)

So können die Magdeburger ihre exklusiven Modelle fertigen, der Stahlrahmen ist relativ dünnwandig, wodurch der "Platzhirsch" mit 14,5 Kilogramm für ein Pedelec wenig Gewicht hat. Das Rad wird vollständig in Deutschland gefertigt, es entfallen Kosten für Logistik aus Fernost. Dennoch zeigt der Preis, dass das Verfahren nicht billig ist. Knapp 4500 Euro kostet das Pedelec aus dem 3-D-Drucker, was die Kundenzahl deutlich einschränken dürfte. "Günstig ist das Verfahren in der Tat nicht. Die Kosten eines Urwahn-Rahmens übersteigen die eines in Taiwan oder China gefertigten Standardrahmens um ein Vielfaches", sagt Thomas. So koste allein der Drucker, der bei einer Firma in Dresden steht, bis zu 400 000 Euro plus Nebenkosten, etwa für qualifiziertes Personal. Urwahn teilt sich die Maschine mit anderen Unternehmen.

Dennoch sagt David Eisenberger, Sprecher des Zweirad-Industrie-Verbands ZIV: "Die Technologie ist sehr interessant für die Zukunft." Die Branche rechnet mit zunehmend sinkenden Kosten, wodurch die Vorteile des 3-D-Drucks attraktiver werden. Dadurch ließe sich vor allem Zeit in der Herstellung sparen, sagt Eisenberger, zudem würden die Räder leichter und es gebe, wie bei Urwahn, Möglichkeiten für Innovationen im Fahrradbau. Warum dennoch kein großer Hersteller darauf setzt? "Manchmal ist es einfacher, wenn man sich Neuheiten erst einmal anschaut und dann zugreift, wenn die Entwicklung weit genug fortgeschritten ist." Die Magdeburger haben sich entschlossen, das Risiko einzugehen. Neben Urwahn gilt nur die australische Firma Bastion Cycles als 3-D-Druck-Pionier, der Räder in Serie herausbringt. Zuletzt hat die US-Firma Arevo ein Pedelec aus dem Drucker aus Kunststofffasern vorgestellt.

Kein Display am Lenker

Urwahn gibt an, in diesem Jahr 200 Räder verkaufen zu wollen. Da auch das Modell "Stadtfuchs" in der Grundausstattung 3650 Euro kostet, sucht das Unternehmen Enthusiasten, die sich ein futuristisches Rad etwas kosten lassen wollen und auf puristisches Design wertlegen. Das Pedelec dürfte eines der wenigen sein, die auf ein Display verzichten, auf dem Geschwindigkeit und Akku-Stand angezeigt werden. Letzteres muss man sich über einen Schalter am Lenker erschließen, an dem vier Farben aufleuchten, je nach Ladezustand. An dem Schalter regelt der Fahrer zudem, wie viel Power von der Batterie zugeschaltet wird und ob das in den Lenker und die Sattelstange eingebaute Licht leuchtet. Der Motor kommt von Mahle Ebikemotion aus Stuttgart, wobei das Zusammenspiel zwischen Muskelkraft und Elektronik gut, aber nicht immer perfekt ist. Ein Kunststoffriemen statt einer Metallkette gehört zum Zeitgeist, genauso wie das Ein-Gang-Single-Speed-Modell und ein eingebauter GPS-Tracker als Diebstahlsicherung. Der kostet 180 Euro extra, ist aber bei dem Gesamtpreis vermutlich keine schlechte Idee.

Hinweis der Redaktion

Ein Teil der vorgestellten Produkte wurde der Redaktion von den Herstellern zu Testzwecken zur Verfügung gestellt und/oder auf Reisen präsentiert, zu denen Journalisten eingeladen wurden.

© SZ vom 01.08.2020/reek

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