Unterwegs Beschleunigte Entschleunigung

Manchmal darf es ruhig weniger Gas sein auf dem Pedal. Denn alles andere würde nur dieses blöde Gefühl vermitteln, man habe es eilig. Und dann ist weniger schlicht mehr: Mehr Eindruck, mehr Erlebnis, mehr Genuss.

Von Richard Christian Kähler

Es gibt sie noch, die hochgemuten Auto-Erlebnisse. Die Ferienzeit muss ja nicht immer gleich im Stau enden. Manchmal hat man Glück und gutes Wetter. Im offenen Mietwagencabrio am frühen Morgen in Sonne und Wind über eine schon magisch stille, weil so menschen- wie wagenleere Landstraße zwischen wunderbaren Wiesen und Wäldern zu fahren - das ist nach 1000 Autostunden in der Stadt ein überraschend beeindruckendes Erlebnis. Völlig allein und in vollkommen eigener Entscheidungsfreiheit dahinzurollen unter weitem blauweißen Himmel - ist das schön.

Und weil tatsächlich keiner von hinten kommt und drängt, und voraus auch nichts als freie Sicht ist bis zum Baumhorizont, fährt man nach ersten, leicht irritierenden Momenten irgendwann genau so schnell, wie man Lust hat. Weil man sich eben gerade so fühlt. Und schaut man dann auf den Tacho und denkt: "Was ist denn mit dir los?", dann fühlt man sich gut.

Und nichts ist los. Man verspürt nur einfach nicht einen einzigen Grund, schneller als mit 50, höchstens 55 Kilometer pro Stunde durch dieses unerwartet friedlich stille Verkehrsparadies zu rollen. Alles darüber in gasgebender Forciertheit gibt einem ja doch nur wieder das blöde Gefühl, man habe es eilig. Wie sonst immer. Hat man aber nicht. Doch nicht im Urlaub. Deshalb biegt man auch hier und da in Unbekanntes ab, weil es auf so einer herrlich trödeligen kleinen Rundfahrt fern der Tretmühle auf eine Stunde mehr oder weniger nicht ankommt. Und das hatte man sich von so einem Retreat doch erhofft: Das ganze Leben wird auf den Kopf gestellt! Und weniger Tempo ist auf einmal mehr: Mehr Eindruck, mehr Erlebnis, mehr Genuss.

Das langsame Brubbeln des Motors spielt die Seelenfriedenmusik dazu, und wer dann mit nur noch knapp mehr als Standgasdrehzahl über den sanft knirschenden Kies in sein Quartier zurückgerollt kommt voll entspannter Gelassenheit, der ist angekommen. Da, wo er immer hinwollte: Wo er seine ganz eigene Ruhe findet. Das geht Wanderern und Fahrradfahren ja kein bisschen anders. Deshalb kann man sich abends auch ganz entspannt unterhalten, statt sich im Gedränge der Stadt anzufluchen.