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Gravelbike im Test:Rollende Sänfte mit Tempobolzer-Optik

Das Trek Domane SLR 7 eTap sieht sehr sportlich aus, ist aber bequem und praktisch: Im Unterrohr befindet sich ein Fach, das sich per Hebel öffnen lässt und Platz für Ersatzteile bietet.

(Foto: Jim Carman/Trek)

Das neue Trek Domane SLR 7 sieht aus wie eine auf Tempo getrimmte Wettkampfmaschine - ist aber bequem und alltagstauglich. Das zeigt sich an einigen cleveren Ideen.

Von Sebastian Herrmann

Das Leben auf dem Rennrad bleibt eine ewige Suche. Es ist die Suche nach der Freiheit, die Suche nach der perfekten Strecke, nach einer Route, auf der sich kleine, autolose Straßen durch liebliche Landschaften schlängeln, die den Alltag und drückende Gedanken aus dem Kopf wehen lassen. Und, weniger schwärmerisch, dafür konsumistisch formuliert: Es handelt sich auch stets um eine Suche nach dem perfekten Fahrrad. Es ist nämlich so, dass sich der Wunsch nach Abgeschiedenheit und Verkehrsarmut selten mit dem Wunsch verträgt, dass die Räder zugleich über glatten, geschmeidigen Asphalt rollen. Wer die einsamsten Routen sucht, rumpelt mit seinem Rennrad dann gelegentlich über geschotterte Abschnitte - und das tut weh. Die steifen Rahmen, die hart aufgepumpten Reifen lassen einen jeden Kiesel spüren. Zugleich schmerzt es, weil einen Angst um das filigrane Material plagt: Ist es wirklich eine gute Idee, hier auf dünnen Reifen entlang zu schlingern oder hätte man doch für ein paar Kilometer die viel befahrene Bundesstraße in Kauf nehmen sollen?

An dieser Stelle kommt nun das neue Trek Domane SLR 7 eTap ins Spiel, ein Rennrad, das auf den ersten Eindruck ein etwas seltsamer Kompromiss und auf den zweiten eine doch spannende Mischung ist. Das Rad in Turbo-Lila sieht aus wie eine aggressive Rennmaschine. Die Felgenflanken der Aeolus Pro 3v Karbonlaufräder sind hoch, alleine das verleiht dem Rad eine Aura von Aerodynamik und Geschwindigkeit. Aber, und das ist vermutlich der Knackpunkt am neuen Trek Domane, auf den Felgen sitzen in der Serienausstattung 32 Millimeter breite Reifen, die mit maximal vier Bar Luftdruck gefahren werden. Der Rahmen lässt sogar die Montage von mindestens 38 Millimeter breiten Reifen zu. Beides sind für klassische Rennräder, an denen gegenwärtig 25 Millimeter Reifenbreite so etwas wie Standard sind, außerordentlich ausladende Mäntel. Mit dieser Bereifung ist das Trek Domane eigentlich so etwas wie ein Gravelbike im Rennradgewand: Touren auf unbefestigten Wegen, auf denen man sonst mit dem Schotterrad unterwegs ist, lassen sich mit verblüffendem Komfort fahren. Die breiten Reifen schlucken Stöße gründlich weg.

Dazu kommt der Rahmen, an dem Trek sowohl an der Verbindung zwischen Ober- und Sitzrohr als auch vorne in der Nähe des Vorbaus das dämpfende IsoSpeed-System eingebaut hat. Die Technik entkoppelt quasi die Verbindungspunkte dieser Rahmenteile, so dass dort Bewegungsenergie absorbiert werden kann. Die hintere IsoSpeed-Einheit lässt sich sogar nach Wunsch an der Unterseite des Oberrohrs einstellen, jedoch braucht es schon enorm viel Gespür, um wesentliche Unterschiede festzustellen. Als Gesamteindruck bleibt so oder so vor allem hängen, dass das neue Trek Domane eines der komfortabelsten Rennräder ist, die derzeit zu haben sind. Wird man vor die Wahl zwischen einsamer Schotterstraße und gut geteerter, dafür stark befahrener Bundesstraße gestellt, ist die Entscheidung selbstverständlich: Natürlich rollt man mit dem Domane über den unbefestigten Weg, sorgenlos, fröhlich und gut gefedert.

Eher behäbiges Fahrgefühl

Aber wie immer im Leben gibt es auch in diesem Fall nichts umsonst. Die aggressive Tempobolzer-Optik des Domane SLR 7 führt nämlich in die Irre. Die Rad vermittelt ein etwas behäbiges Fahrgefühl. Gut möglich, dass die breiten und schweren Reifen dafür der wesentliche Faktor sind. Gewiss trägt auch das recht hohe Gewicht von 8,75 Kilogramm bei Rahmengröße 56 (Herstellerangabe) dazu bei: Im Antrieb ist das Domane etwas träge oder zumindest weniger spritzig als klassische Rennräder. Hat man es auf Tempo gebracht, dann rollt es jedoch gut und flott dahin, als handele es sich um eine Sänfte.

Das Domane ist ja auch nicht als Rennmaschine konzipiert, ließe sich einwenden. Ja,es handelt sich um ein sogenanntes Endurance- oder Marathon-Modell. Komfort steht hier also im Vordergrund. Doch das Domane, erstmals wurde es 2012 vorgestellt, hat sich in dieser neuen und dritten Überarbeitung im Fahrgefühl noch einmal deutlich vom klassischen Rennrad entfernt. Der Rahmen fällt eher klein und kurz aus. Man sitzt in sehr aufrechter Position, was das Komfortgefühl verstärkt. Die Sattelstrebe aus Karbon verläuft über das Oberrohr hinaus, was bei der Größenwahl eine Rolle spielt: Die Sattelstütze selbst ist recht kurz und lässt wenig Spielraum zu: So kann es sein, dass einem das Rad in der eigenen Rahmengröße mit der verbauten Sattelstütze zu klein ist und eine längere nötig ist, die es natürlich gibt.

Ausgestattet ist das Domane SLR 7 mit einer elektronischen Sram eTap Force 12-fach Schaltgruppe, mit einer sehr geländegängigen Übersetzung: Die Kurbel hat 46/33 Zähne, die Kassette am Hinterrad 33-10 Zähne, auch das ist Gravelbike verdächtig. Das Domane ist ausschließlich mit Scheibenbremsen zu haben und bietet ein kleines Gimmick, das Dank Carbonrahmen möglich ist: Im Unterrohr lässt sich an einer Flaschenkäfig-Positionen per Hebel ein Deckel öffnen, in dem man einen Ersatzschlauch und ein kleines Werkzeug verstauen kann. Das Domane SLR 7 eTap soll etwa 7600 Euro kosten, der üblich heftige Preis für hochwertige Rennräder. Die Carbon-Einstiegsversion SL 4 dieses Radchamäleons ist für etwa 2200 Euro zu haben.

Hinweis der Redaktion

Ein Teil der vorgestellten Produkte wurde der Redaktion von den Herstellern zu Testzwecken zur Verfügung gestellt und/oder auf Reisen präsentiert, zu denen Journalisten eingeladen wurden.

© SZ vom 11.07.2020/reek
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