Jubiläum in München "Die Debatte hatte etwas Apokalyptisches"

Die Grenzen des Wachstums sind Drabinioks Lebensthema. Genau wie für Ernst Fiala. Nur dass diese Grenzen für Drabiniok längst erreicht sind, während es sie für Fiala überhaupt nicht gibt. 16 Jahre lang leitete Fiala die Forschungsabteilung von Volkswagen. Wenn der Golf einen Vater hat, dann ist es Fiala. Und wenn Zimmermann in seinem Kampf gegen das Blei einen Gegenspieler hatte, dann ist es auch Fiala. Ihm sei es nie darum gegangen, den Umweltschutz aufzuhalten, sagt Fiala, im Gegenteil. Nur sei er der Meinung, dass man Vernünftiges tun und Unvernünftiges lassen solle. Die Einführung des bleifreien Benzins hielt er damals für unvernünftig. Weil der Verzicht auf das Blei den Verbrauch erhöht habe statt ihn zu senken. Weil nicht klar gewesen sei, ob die Motoren das bleifreie Benzin auch vertragen würden. Weil es das Waldsterben ohnehin nie gegeben habe.

Fiala, 85, lebt wieder in seiner Geburtsstadt Wien. Er hält Vorlesungen an der Technischen Universität und hat einige Bücher geschrieben. "Wachstum ohne Grenzen" heißt eines davon. Es ist seine leicht verspätete Antwort auf den Club of Rome, der das Wachstum in die Schmuddelecke verbannt habe, in der es bis heute stehe. Unter der Rubrik Provokation hat er auf seiner Homepage Thesen zusammengestellt, die dem Zeitgeist vors Schienbein treten. Dass es genug Rohstoffe für alle Menschen und Generationen gebe, dass die Energie unerschöpflich sei. "Ich provoziere gern", sagt Fiala, "weil ich auf Widerspruch hoffe." Zimmermann tat ihm den Gefallen. Dafür hat Fiala auf seine Art sogar Verständnis. "Ein Politiker muss sich profilieren. Wie kann er das tun? Indem er in das allgemeine Geheul einstimmt", sagt er und schiebt charmant hinterher: "War das jetzt zu provokant?"

Zimmermann kündigte seine Umwelt-Offensive 1983 mit den Worten an: "Der Patient Wald ist krank. Wir müssen mit der Behandlung beginnen, ohne die Ursache der Krankheit genau zu kennen." Ob es dem Wald heute besser geht als vor dreißig Jahren, ist eine Frage, über die noch immer gestritten wird. Dass die Debatte um das Waldsterben etwas Apokalyptisches hatte, dürfte dagegen niemand bestreiten.

So brachial Zimmermann über die Einwände der Auto-Industrie hinwegging, so fest saßen sie in den Hinterköpfen der Autofahrer. Im Zweifel, ob das eigene Auto dem neuen Sprit gewachsen sei, entschieden sich die meisten für das Altbekannte; dass das Benzin ohne Blei bis 1986 teurer war als das Benzin mit, tat ein Übriges. Es dauerte noch Jahre, bis eine Tankstelle, die das Bleifreie einführte, keine Meldung in der Zeitung mehr wert war. Auch die Gesetze, die den Katalysator vorschrieben und das Blei endgültig aus dem Benzin vertrieben, mussten sich etappenweise durch mühsame EG-Verhandlungen kämpfen. Europaweit wurde das bleihaltige Benzin erst im Jahr 2000 verboten.