Fahrverbote "Dieselfahrer werden alleingelassen"

Flächendeckend wird eine Nachrüstung von betroffenen Dieselfahrzeugen nicht möglich sein.

(Foto: AP)

Ein Fahrverbotsurteil jagt das nächste, heute wird über Darmstadt entschieden. Warum Motoren-Experte Christian Beidl Dieselfahrern trotzdem zu Gelassenheit rät.

Interview von Christina Müller

Ein paar Straßen, ganze Zonen und nun die erste Autobahn: Im Wochentakt verhängen Gerichte neue Fahrverbote in deutschen Städten. Teilweise bleiben nur noch wenige Monate bis zur Umsetzung. Am heutigen Mittwoch verhandelt das Verwaltungsgericht in Wiesbaden, ob bald auch in Darmstadt ältere Diesel draußen bleiben müssen. Zurück bleiben ratlose Autofahrer.

Christian Beidl, Institutsleiter am Institut für Verbrennungskraftmaschinen und Fahrzeugantriebe der TU Darmstadt, war selbst an einer Studie zur Dieselnachrüstung beteiligt. Er erläutert, warum die Situation so verfahren ist und was er betroffenen Autofahrern jetzt rät.

SZ: Ist es realistisch, dass jeder Dieselbesitzer bis zum Fahrverbot die Chance hat, sein Auto nachzurüsten?

Das ist absolut unrealistisch. Vielleicht wird es bei einzelnen Fahrzeugtypen möglich sein, aber nicht flächendeckend. Bis einbaufertige Lösungen entwickelt, zertifiziert und verfügbar sind, rechne ich mit einem Zeitraum von etwa zwei Jahren.

Also ist der Dieselfahrer am Ende der Dumme?

So sieht es leider aus. Der Käufer hat ein behördlich zugelassenes Fahrzeug erworben und wird jetzt im Angesicht von drohenden Fahrverboten mit der Situation alleingelassen. Hersteller und Zulieferer bemühen sich zwar, Lösungen anzubieten, die aber in diesem engen Zeitrahmen nicht umzusetzen sind, zumal die Rahmenbedingungen noch nicht geklärt sind. Auch von Seiten des Verbraucherschutzes fehlt die Unterstützung für den Kunden.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Fahrverbote treffen nicht nur Privatleute. Was ist zum Beispiel mit Handwerksbetrieben, die oft gleich mehrere Dieselfahrzeuge haben?

Für solche Fälle muss es Ausnahmegenehmigungen geben. Alles andere kann ich mir nicht vorstellen. Wenn Betriebe nicht mehr arbeiten können, weil sie mit ihren Autos nicht mehr zum Kunden fahren dürfen, dann ist der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit, der auch bei der Umsetzung der Fahrverbote gilt, definitiv nicht mehr gewahrt.

Wo liegen die Knackpunkte bei der Nachrüstung? Fehlt es an vernünftiger Hardware oder eher am Willen der Industrie?

Es ist für mich der völlig falsche Ansatz, dass jetzt alles auf Hardware-Nachrüstungen fokussiert wird, die im Moment weder verfügbar noch technisch ausgereift sind. Von den Softwareupdates, die immerhin eine Verbesserung des Stickoxidausstoßes von zumindest zwanzig Prozent im Schnitt bringen, ist auf einmal gar keine Rede mehr. In diesem Punkt haben die Fahrzeughersteller eine schnell wirksame Maßnahme mit erheblichem Aufwand entwickelt, die jetzt aber komplett aus der Diskussion verschwindet. Ich kann Autofahrer verstehen, die gar nicht erst in die Werkstatt fahren, weil ihnen das Update bei den Fahrverboten nicht hilft.

Was würden Sie einem Dieselfahrer aktuell raten?

Die Sachlage ist vielerorts noch unklar und ich rate, nichts zu überstürzen. Wer sich sowieso überlegt, ein neues Auto anzuschaffen, kann natürlich jetzt die Umtauschprämien der Hersteller nutzen. Aber auch da sollten sich die Autofahrer genau ihr Nutzungsprofil anschauen. Wenn ich regelmäßig lange Strecken zurücklege, dann ist auch in Zukunft der Diesel der beste Antrieb. Denn bei den neuesten Dieselmotoren (gekennzeichnet als "EURO 6 d-Temp") sind sämtliche Probleme mit einem zu hohen Stickoxidausstoß gelöst.

Hat der Diesel überhaupt noch eine Zukunft?

Absolut. Der Diesel ist immer noch die effizienteste Antriebsmethode, die wir insbesondere auf Langstrecken haben. Deshalb ist es fatal, dass diese Technologie jetzt von Seiten der Politik so schlecht geredet wird. Das hat auch Folgen für die Umwelt: Wir sehen bereits einen deutlichen Anstieg der CO₂- Emissionen durch die rückläufigen Dieselanteile. Es muss einen Mix aus verschiedenen Antriebstechnologien geben, je nachdem, wie das Fahrzeug genutzt wird.

Der Dieselskandal ist in erster Linie ein Informatik-Problem

100 Millionen Zeilen Programmcode stecken in einem modernen Auto. Die Debatte um Fahrverbote muss daher endlich technologiekritisch geführt werden. Von Adrian Lobe mehr...