Mobilität Der Dieselskandal ist in erster Linie ein Informatik-Problem

Man müsste Autos eigentlich mit Warnhinweisen versehen wie Zigarettenschachteln: Fahren gefährdet die Gesundheit.

(Foto: Markus Scholz/dpa)
  • Laut einer Studie der Organisation Environmental Health Analytics (LLC) sterben jährlich weltweit 107 000 Menschen durch Abgase von Dieselfahrzeugen.
  • Die Bundesregierung erwägt, den Grenzwert für Stickstoffdioxid zu erhöhen, um Fahrverbote in Städten vermeiden zu können.
  • Doch da das Auto von heute ein rollender Hochleistungsrechner ist, muss der Dieselskandal als Informatik-Problem begriffen werden.
Von Adrian Lobe

Erinnert sich noch jemand? Am Anfang der Diskussion über Fahrverbote stand eine illegale Abschaltvorrichtung, die VW und andere Autobauer "serienmäßig" in Dieselfahrzeuge verbauten und die mit einer Betrugssoftware Abgaswerte manipulierte. Wenn die Politik heute über "Hardware-Nachrüstungen" und "Software-Updates" diskutiert, deutet sie zwar an, dass Fahrzeuge ein funktionales Äquivalent zu Computern sind, doch denkt sie die Computerisierung der Gesellschaft nicht konsequent zu Ende.

Smartphones, Türsysteme, Kühlschränke oder Autos sind Computer. In einem modernen Fahrzeug stecken durchschnittlich 100 Millionen Zeilen Programmcode. Zum Vergleich: Das Weltraumteleskop Hubble kommt mit etwa 50 000 Zeilen Code aus. Ein Auto ist ein rollender Hochleistungsrechner, auf dem unter anderem die Applikation Fahren vorinstalliert ist. Die Politik muss den Dieselskandal daher als das begreifen, was er in erster Linie ist: ein Informatik-Problem, bei dem der Code als Aktant eine Schlüsselrolle einnimmt.

Was ist der Nutzen einer Technik, die Mobilität ermöglicht, aber Tausende Tote fordert?

Man könnte jetzt lange darüber diskutieren, ob man auch Fahrzeuge einem Algorithmen-TÜV unterziehen müsste, wo nicht nur die Hardware, sondern auch die Software, sprich die Zahlenreihen, auf den Prüfstand gehoben werden. Doch indem die Regierung die Rhetorik der Industrie wie "Hardware-Nachrüstungen" und "Software-Updates" reflexionsfrei übernimmt, suggeriert sie dem Wähler und Kunden, dass die manipulierten Geräte nicht mehr auf dem neuesten Stand seien - und bagatellisiert damit den Betrug. Der Betrug wird zum Bug, zum Programmfehler, den man mit der richtigen Software überspielen und korrigieren kann. Der Code des Rechtsstaats (Recht/Unrecht) wird vom binären Machtcode überwölbt.

Es geht hier, philosophisch wie informatisch, um Ontologie: Das Auto wird noch immer als zweites Wohnzimmer imaginiert, als Design-Objekt mit gediegenem Interieur, Sitzkomfort und edler Haptik - kurz: als Immobilie. Wenn man einen Neuwagen "konfiguriert", ist das so, als wenn man im Möbelhaus eine neue Wohnung einrichtet. Man hat in den mit Technik vollgestopften Vehikeln das Gefühl, im Cockpit eines Flugzeugs zu sitzen. Allein, an den Schalthebeln sitzen andere. Man sieht unter den Bedienelementen nicht die CPU, den faulen Code, die Datenspuren, welche die Überwachungsmaschinerie durch diverse Steuergeräte erzeugt, die Emissionen, die als Ergebnis tausendfacher Rechenoperationen hoffentlich gesetzeskonform aus dem Auspuff gejagt werden. Man kann nicht einfach die Motorhaube öffnen und in den Maschinenraum schauen. Moderne Fahrzeuge sind eine Blackbox.

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Vielleicht liegt es an der libidinösen Verbindung der Deutschen zum Automobil, am Mythos eines Freiheitsvehikels, dass das Auto noch immer romantisch verklärt wird. Doch Autos sind bei Licht betrachtet Todesmaschinen. Jedes Jahr kommen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO 1,2 Millionen Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben. Laut einer Studie sind seit 1950 auf Deutschlands Straßen bei Verkehrsunfällen fast 780 000 Menschen umgekommen - das entspricht etwa der Einwohnerzahl von Frankfurt.

Der kürzlich verstorbene französische Philosoph Paul Virilio, der mit seiner Theoriefigur des "rasenden Stillstands" berühmt wurde, gab dem Magazine Littéraire 1995 ein bemerkenswertes Interview, in dem er den Autounfall als Zeichen eines Bürgerkriegs deutete. Wenn man sieht, wie SUVs wie Panzerfahrzeuge über den Asphalt brettern und die Fahrer das Recht des Stärkeren beanspruchen, könnte man tatsächlich an Bürgerkriegsszenen denken, wobei der Ursprung nicht allein in der Beschleunigung liegt, sondern in einer allgemeinen Militarisierung von Städten. Der "rasende Stillstand" zeigt sich nirgendwo so plastisch wie im Stau: Laut ADAC standen deutsche Autofahrer 2017 457 000 Stunden im Stau - das entspricht 52 Lebensjahren. Die Zeit rast, aber im Stau herrscht Stillstand.