Fahrbericht VW Golf R Der Wolf im Golfpelz

Die 300 PS des VW Golf R lassen sich am Polarkreis kaum ausfahren. Spaß macht es trotzdem.

Eiseskälte und Schnee so weit das Auge reicht: beste Bedingungen, um den kräftigen Bruder des GTI zu testen. Bei einer Probefahrt im 300-PS-starken VW Golf R auf einem zugefrorenen See am Polarkreis haben unserem Autor die Wangen geglüht.

Von Georg Kacher

Der starke Bruder des GTI heißt Golf R, hat 300 PS und treibt alle vier Räder an. Wir haben den mindestens 38.325 Euro teuren Überflieger dort Probe gefahren, wo es am meisten Spaß macht: auf einem zugefrorenen See in Nordschweden.

Zuerst die schlechte Nachricht: Bedingungen wie diese - fast blankes Eis und Spikesreifen - sind in unseren Breiten längst Vergangenheit. Jetzt die gute Nachricht: Allradantrieb hilft auch bei Nässe und Schnee, und die 300 PS lassen sich am Polarkreis, wo hinter jedem zweiten Rentier eine Radarfalle lauert, ohnehin nicht ausfahren. Trotzdem freuen wir uns, dass es den Golf R gibt. Zu diesem Tarif ist er das einzige Auto, das in nur 4,9 Sekunden von null auf 100 km/h beschleunigt - der doppelt so teure 911 Carrera 4 kann das auch nicht besser. Das zugkraftverlustfreie Hochschalten der DSG-Variante (ab 40.250 Euro) bringt allein zwei Zehntel von null auf 100 km/h.

6,9 Liter Super auf 100 Kilometer

VW Design Vision GTI

GTI-Prototyp mit 503 PS

Im Vergleich zum 45 Kilo schwereren Vorgänger konnte der Verbrauch um 20 Prozent reduziert werden, obwohl die Leistung um 30 PS stieg. Mit DSG bescheidet sich der Power-Golf im Schnitt mit 6,9 Liter Super auf 100 Kilometer. Das Drehmoment kletterte von 350 auf 380 Nm. Die entsprechende Kurve ist nun so lang und flach wie eine Hochzeitstafel, denn die Kammlinie verläuft von 1800 bis 5000/min absolut waagrecht. In der Praxis noch wichtiger ist die Tatsache, dass der Drehmoment-Höhenflug schon 800/min früher beginnt und deutlich steiler ansteigt.

Das bringt mehr Dynamik nicht nur in den unteren Gängen und ein prompteres Ansprechverhalten: Der aufgeladene 2,0-Liter-Vierzylinder hängt beinahe bis zum roten Bereich bei 7000 Touren besser am Gas. Beim Handschalter wurden die Wege zwischen den sechs Gängen verkürzt und die Kupplung verstärkt. Erst bei Bedarf wird die Kraft stufenlos auch an die Hinterachse verteilt, und zwar in Abhängigkeit von Lenkwinkel, Raddrehzahl und der angeforderten Leistung. Während die Lamellenkupplung auch als Längssperre funktioniert, übernimmt die ABS/ESP-Elektronik per Bremseneingriff die Aufgaben der Quersperre. Durch kurze Verzögerungsimpulse der kurveninneren Räder gewinnt der Golf R bei schneller Fahrt spürbar an Traktion und Richtungsstabilität.

Die Stabilitätskontrolle lässt sich in zwei Stufen ausschalten. Unter extremen Bedingungen erweist sie sich aber als äußerst hilfreich.

(Foto: WGO)

Die Wangen glühen vor Spaß

Die Stabilitätskontrolle lässt sich in zwei Stufen teilweise beziehungsweise komplett deaktivieren. Das braucht man zwar nur auf dem zugefrorenen Spielplatz von Mutter Natur. Aber dort hilft es eben dabei, das sauber ausbalancierte Handling zu erleben und den Grenzbereich des Fahrwerks auszuloten. Das macht so viel Spaß, dass die Wangen glühen. Der wilde Ritt demonstriert aber auch die Ausgewogenheit der um 20 Millimeter tiefergelegten Aufhängung, die Kompetenz der verstärkten, innenbelüfteten Bremsen und das subtile Ansprechverhalten der serienmäßigen Progressivlenkung. Dank variabler Übersetzung reduziert sich der Lenkaufwand von Anschlag zu Anschlag auf nur mehr 2,1 statt 2,75 Umdrehungen.

Beim Einparken arbeitet der Richtungsfinder spürbar leichtgängiger, auf kurvenreichen Landstraßen wirkt die Lenkung dagegen schneller und agiler. Gegen Zuzahlung von 1000 Euro installiert VW verstellbare Dämpfer (mit den Kennungen Sport, Normal, Komfort) und eine Fahrprofilauswahl, die für den Golf R um einen Race Modus erweitert wurde. Wer das entsprechende Symbol antippt, darf sich auf ein strafferes Fahrwerk, noch promptere Gaspedalreaktionen, schnellere Gangwechsel und einen selbstbewussteren Auspuffklang freuen. Der Gegenpol zu Race heißt Eco und beinhaltet eine spritsparende Segelfunktion.

Ein naturbelassenes Auto

Von außen erkennt man den Über-Golf an maßgeschneiderten Stoßstangen, Schwellern, Rädern und Schürzen. Markant sind außerdem die vier Endrohre, die verchromten Spiegelkappen und das LED-Tagfahrlicht. Innen gibt's tadellose Sportsitze, spezielle R-Applikationen und leicht modifizierte Instrumente. Volksnah eingepreist haben die Wolfsburger den Strauß an Assistenzsystemen, aus dem wir die Kombi aus Abstandsregelung, Tempomat und City-Notbremsfunktion (560 Euro) hervorheben möchten.

Kostenneutral fix eingebaut ist die Fahrspaßgarantie, die auf niedrigen Reibwerten schon bei geringem Tempo Wirkung zeigt, und zwar in Form eines ungewöhnlich transparenten Dialogs zwischen Mensch und Maschine. Der Golf R ist nämlich ein absolut naturbelassenes Auto, frei von Filtern, Weichzeichnern, Verstärkern und Zusatzstoffen. Die Elektronik arbeitet im Hintergrund, der Bewegungsfluss bleibt bis in den Grenzbereich intakt, die drei Einflussgrößen Gas, Lenkung, Bremse funktionieren in Summe als vertrauensbildende Maßnahme.

Diese nachgeschärfte und trotzdem ausgewogene DNA ist schon heute kompetent genug für den hinter vorgehaltener Hand avisierten Golf RS, der mit dann 400 PS unter anderem dem Mercedes A45 AMG und dem Audi RS3 Paroli bieten möchte.