Blaue Plakette Der saubere Diesel ist möglich

Noch ist es nur ein Werbegag: Ein Hersteller wirbt mit dieser überdimensionalen blauen Plakette dafür, dass das Auto die Euro 6-Norm erfüllt.

(Foto: dpa)

Wenn Politiker suggerieren, nur ältere Selbstzünder seien problematisch, wirken sie weiter mit an der großen Täuschung. Sie müssen darauf hinwirken, dass auch neuere Diesel nachgerüstet werden. Und dass klar getrennt wird zwischen sauber und dreckig.

Kommentar von Joachim Becker

Im Streit um die drohenden Fahrverbote für Dieselfahrzeuge hat Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) wieder einmal einen Schuldigen gefunden: die Kommunen. Die hätten nämlich keine aktuellen Luftreinhaltepläne vorliegen. Der Zweck des Arguments jedoch offenbart sich schnell - Scheuer will von den eigenen Versäumnissen und denen seiner Vorgänger ablenken.

Seit mehr als zehn Jahren hat die Politik in Berlin und Brüssel deutliche Hinweise, dass Dieselmotoren mehr als nur ein Partikelproblem haben. Nicht nur unter Fachleuten war längst klar, dass der spritsparende Antrieb seine Effizienz mit hohen Stickoxidwerten im Abgas erkauft. Die Politik hat alle Belege ignoriert, dass es mit den Abgasnormen Euro 5 und Euro 6 Probleme gibt. Sie hat Autokäufer und Kommunen mit den Versprechen des sauberen Diesels getäuscht. Es war kein Zufall, dass der Dieselbetrug von VW in den USA aufgedeckt wurde.

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Jetzt steckt Scheuer in der Klemme. Mit einer blauen Plakette könnte er für jedermann sichtbar zwischen schmutzigen und sauberen Dieseln unterscheiden. Das Problem ist nur: Die allermeisten Euro-6-Diesel stoßen auf der Straße mindestens fünf Mal so viele Stickoxide aus wie im Prüflabor. Scheuer fürchtet den Zorn der Wähler, wenn er mit einer blauen Plakette mehr als 95 Prozent aller Dieselfahrzeuge aussperrt.

Stattdessen legt er sich nun mit den Daten- und Verbraucherschützern sowie mit den Städten an, weil er die automatische Erfassung von Autokennzeichen einführen will. Damit soll überprüft werden, welche Emissionsstufe ein Dieselmodell erfüllt. Aber ein Abgleich mit den Datenbanken des Kraftfahrtbundesamtes hilft wenig, wenn dort lediglich die realitätsfernen Laborwerte hinterlegt sind.

Wenn Politiker nun suggerieren, nur ältere Selbstzünder seien das Problem, wirken sie weiter mit an der großen Täuschung. Guten Glaubens schaffen sich Autokäufer weiterhin Euro-6-Diesel an, die das Reinheitsgebot nach der inzwischen gültigen, strengeren Norm Euro 6d temp nicht einhalten. Bei dieser Norm sind nun Testfahrten im Straßenverkehr mit mobilen Messgeräten vorgeschrieben - solche Tests müssen künftig die Faktengrundlage für die Einstufung aller Diesel werden. Mit welchem Recht sollen relativ junge Euro-5-Fahrzeuge bei Fahrverboten ausgesperrt werden, wenn Euro-6-Modelle mit ähnlichen Abgaswerten weiter freie Fahrt haben? Hier könnte bald eine riesige Klagewelle heranrauschen.

Es muss klar gekennzeichnet werden, welches Auto die Abgasnorm erfüllt

Auch bei der technischen Nachrüstung, die bei einer Reihe von Euro-5-Dieseln möglich wäre (und die auch bei vielen Euro-6-Modellen schon bald ein Thema werden wird), spielt Scheuer auf Zeit. Ein nachträglich eingebauter Harnstoffkatalysator könnte den Stickoxid-Ausstoß spürbar reduzieren. Doch noch immer fehlen wichtige technische Zulassungsbedingungen, etwa eine Warnleuchte im Cockpit bei leerem Harnstoff-Tank mitsamt einer Zwangsstilllegung des Wagens, wenn der Tank nicht nachgefüllt wird. Der Gesetzgeber müsste hier endlich rechtliche Klarheit schaffen.

Tests der neuesten Modelle, die den Euro 6d temp-Standard erfüllen, zeigen: Saubere Diesel sind möglich, es gibt sie. Statt die Schuld weiterzuschieben, müsste die große Koalition jetzt den Mut aufbringen, sauber und schmutzig klar zu trennen: mit einer blauen Plakette auf der Basis realer Messwerte.

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