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BMW-Designchef Hooydonk:"Die Kunden erwarten, dass das Leben auch im Auto weitergeht."

SZ: Das hört sich an, als würde sich das Auto in ein Wohnzimmer verwandeln?

Van Hooydonk: Zum Teil ist das ja so, vor allem in den großen Städten, wo die gefahrenen Geschwindigkeiten sehr niedrig sind. Aber ganz allgemein ist es natürlich der Trend, dass man die digitalen Kommunikationsmittel, die man sowieso dabei hat - mit den eigenen E-Mails, den Adressen und der runtergeladenen Lieblingsmusik - mit dem Auto einwandfrei kombinieren kann. Die Kunden erwarten, dass das Leben auch im Auto weitergeht.

SZ: Vielleicht sogar geräumiger als bisher, schließlich brauchen Elektroantriebe nicht mehr so viel Platz?

Van Hooydonk: Das glaube ich schon. Beim i3 zum Beispiel, der 2013 auf den Markt kommt, haben wir die Architektur komplett verändert. Die große Batterie ist im Unterboden untergebracht, und obendrauf sitzt die Passagierzelle. Das führte zu einem flachen Boden ohne Mitteltunnel und drei Sitzen vorne, wo man durchrutschen kann, weil der Instrumententräger nicht mit dem Boden verbunden ist. Das alles hat eine sehr große Raumwirkung und bietet viel Platz. Mit einem konventionellen Antriebskonzept wäre das nicht möglich gewesen.

SZ: Bedeutet das vielleicht, dass Autos auch außen nicht immer weiter wachsen, so wie momentan?

Van Hooydonk: Als Designer hoffe ich, dass die Autos nicht weiter wachsen. Andererseits gibt es Märkte außerhalb Europas, in denen man das Wort Parklücke gar nicht kennt. Und das Wachstum der letzten Jahre resultiert ja eher aus der internationalen Sicherheitsgesetzgebung wegen Crashverhalten und Fußgängerschutz.

Ist das nicht auch eine Ausrede?

Van Hooydonk: Heute hat ein Auto zum Beispiel bei uns allein sechs Airbags, das sind einfach Dinge, die mehr Platz für die Konstruktion verlangen. Außerdem muss jedes Modell inzwischen in einem Dachdrucktest das Fünffache seines Eigengewichts aushalten. Kein Kunde weiß das, aber es sind einfach Gründe, die zu mehr Technik führen.

SZ: Also: Schlechte Aussichten, dass die Autos wieder kleiner werden?

Van Hooydonk: Natürlich muss man die Vorgaben erst mal erfüllen, danach, so ist es immer im Automobilbau, geht das Optimieren los. Da geht immer noch was, und vielleicht dreht sich das Größenwachstum sogar um. Aber so einfach und schnell wie in der Halbleiterindustrie wird es nicht gehen.

SZ: Da wir schon bei den kleineren Autos sind: Bei Mini herrscht der Eindruck von Stagnation im Design - immer mehr optisch ähnliche Modelle. Damit können Sie nicht zufrieden sein.

Van Hooydonk: Ich finde, dass die Marke in den letzten Jahren Gewaltiges geschafft hat. Sie ist zwar klein, aber sie ist ausbaufähig. Und außerdem arbeitet die Zeit für sie . . .

SZ: Wie das?

Van Hooydonk: Wir leben in einer Zeit, in der kleine Autos angesagt sind - zumindest in großen Teilen der Welt. Auch Luxus ist nicht mehr größenabhängig, und da liegt eine gewaltige Chance für Mini.

SZ: Aber im Design herrscht Stillstand.

Van Hooydonk: Wir werden natürlich auch das Design weiterentwickeln. Aber die Marke hat inzwischen - und das ist eine echte Kunst, dass man das hinbekommt - nicht nur Kunden, sondern echte Fans. Das hat dann vielleicht auch den Nachteil, dass die Kunden einem sagen, wie das Auto zu sein hat. Eine erfolgreiche Marke gehört einem nicht mehr, die gehört dem Kunden.

SZ: Das klingt nach: weiter so.

Van Hooydonk: Ich glaube trotzdem, dass es möglich - und notwendig ist - die Marke weiter zu entwickeln, einfach weil jede Marke fast wie ein lebendiges Wesen ist: Man muss es füttern, sonst stirbt es. Und eine Marke mit Tradition muss man vorsichtig füttern.

SZ: Und was bedeutet das fürs Design?

Van Hooydonk: Wir haben letztes Jahr in Genf ein Concept Car gezeigt, den Mini Rocketman, da waren schon ein paar Ideen drin, die wir verwenden können. Mini muss jedenfalls immer clever sein auf kleinstem Raum, das war auch der Ursprung. Es bedeutet aber nicht, dass das Design überladen sein darf, oder zu poppig. In den nächsten zwei, drei Jahren wird man die Richtung erkennen.

Adrian van Hooydonk, Jahrgang 1964, steht seit 2009 an der Spitze aller Designteams der BMW Group. Der stets lässig auftretende Holländer mit ausgeprägtem Sinn fürs Business, der sich mehr als Kosmopolit versteht, studierte Industriedesign an der TU Delft, später am Art Center College of Design in Vevey. Seit 1992 ist er bei BMW.

© SZ vom 06.08.2012/goro/rus
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