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Autobahn:Das große Gefälle

Der Drackensteiner Hang zwischen Ulm und Stuttgart, die "schönste Autobahnstrecke Deutschlands", ist ein technisches Meisterwerk. In Zukunft könnten dort Radfahrer statt Autos rollen.

Von Claudia Henzler

A8 am Albaufstieg

Dieses Bild kennen viele Autofahrer: Auf der A8 von Ulm kommend Richtung Stuttgart geht es den Albtrauf hinab – zweispurig, ohne Standstreifen, die Kurven sind relativ eng.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Es wirkt wie ein absurder Scherz: Ausgerechnet an einem der staureichsten Abschnitte der A 8 zwischen Stuttgart und München werden die Autofahrer von diesem Hinweis begrüßt: "Schönste Autobahnstrecke Deutschlands" behauptet ein 3,60 Meter breites und 2,40 Meter hohes Schild bei der Ausfahrt Mühlhausen. Von hier aus müssen die Autofahrer etwa 250 Höhenmeter überwinden, um auf die Hochfläche der Schwäbischen Alb zu kommen. Es ist eine der wenigen Stellen auf Deutschlands Autobahnen, an denen sich die Richtungsfahrbahnen trennen, und schon deshalb eine Besonderheit: rauf geht es rechtsrum über den sogenannten Albaufstieg. Runter führt die Trasse nach Stuttgart über den berühmt-berüchtigten Drackensteiner Hang, auf dem Lastwagen höchstens 50 fahren dürfen, weil die Straße sich in engen Kurven an den Hang schmiegt und um bis zu sechseinhalb Prozent abfällt. Meist sind sie ohnehin noch langsamer unterwegs: Etwa 70 000 Fahrzeuge quälen sich jeden Tag durch diesen zweispurigen Flaschenhals - da kommt es häufig zu Staus und Unfällen.

Bei Stau weichen viele auf die umliegenden Orte aus. "Dann ist es schwer, über die Straße zu kommen", sagt der Bürgermeister.

Auf der Werbetafel für die "Schönste Autobahn Deutschlands" sieht das indes ganz anders aus: Dort braust ein Pärchen gemütlich über die fast leere Straße und scheint die Aussicht zu genießen. In der Realität ist die Fahrt auf der zweispurigen Strecke ohne Sicherheitsstreifen oft nervenaufreibend. Man muss sich darauf konzentrieren, die Geschwindigkeit trotz der Kurven zu halten, weil man andernfalls auf der rechten Fahrspur zwischen den Lastwagen verhungern würde. In einigen Jahren aber könnte das anders sein: Ingenieure tüfteln an einem neuen Albaufstieg. Für 600 Millionen Euro könnte in Zukunft eine neue Trasse entstehen.

Normalerweise präsentieren die touristischen Tafeln an Autobahnen in ihrem typischen braun-weißen Design Dinge, die es tatsächlich gibt. Lag der Schwerpunkt dabei anfangs auf der Beschreibung der Landschaft, an der man gerade vorbeifährt, wurden in den vergangenen Jahren immer mehr Schilder platziert, die auf Museen oder Freizeitparks hinweisen. Sie sollen auch ein Trostpflaster für Gemeinden sein, die stark vom Verkehr tangiert werden. Mit Tourismuswerbung sollen sie auch einen gewissen positiven Nutzen aus der Nähe zur Autobahn ziehen dürfen.

600 Millionen Euro für eine neue Trasse

Drei Fahrspuren plus Standstreifen in jeder Richtung und eine maximale Steigung von dreieinhalb Prozent: So hat das Land Baden-Württemberg die neue Trasse der A 8 zwischen Mühlhausen und Merklingen geplant. Knapp drei von insgesamt 7,6 Kilometern sollen im Tunnel verlaufen.

Seit den Siebzigerjahren wird darüber diskutiert, wie man den Albaufstieg an den zunehmenden Verkehr anpassen könnte. Vor etwa 20 Jahren hat sich die Idee durchgesetzt, nicht dem bisherigen Straßenverlauf zu folgen, sondern die kürzeste Verbindung zwischen der der Hochfläche der Schwäbischen Alb und Mühlhausen zu wählen. Ein Problem blieb die Finanzierung: Zwischenzeitlich dachte der Bund sogar darüber nach, am Albaufstieg Mauthäuschen aufzustellen und alle Fahrer zur Kasse zu bitten. Stattdessen wird der Neubau nun ganz normal aus dem Bundeshaushalt finanziert. Auf gut 600 Millionen Euro werden die Kosten derzeit geschätzt.

Das Planfeststellungsverfahren beim Regierungspräsidium in Stuttgart läuft noch. Die Behörde muss sich mit den Einwänden von Bürgern und Gemeinden auseinandersetzen und entscheiden, ob die Trasse wie vom Land geplant gebaut werden darf. Änderungswünsche von Betroffenen sind zum Beispiel, einen Tunnel so zu verlängern, dass weniger Felder und Äcker zerstört werden. Außerdem wünscht man sich Lärmschutzwände für die mächtigen Landschaftsbrücken. Es ist unklar, ob die Entscheidung 2020 fällt. Anfang 2021 geht das Projekt vom Land an die neue Autobahngesellschaft des Bundes über.

Anfang der Sechzigerjahre hatte der württembergische Fremdenverkehrsverband tatsächlich mit diesem Autobahnabschnitt um Besucher geworben. In einer Broschüre zeigte er Fotos von "Deutschlands schönster Autobahnstrecke" und schwärmte vom "technischen Meisterwerk, das seinesgleichen sucht" - in der Hoffnung, damit Gäste fürs Schwabenland zu begeistern. Ungefähr diese Zeit dürften die Designer von der Stuttgarter Agentur Monopage im Kopf gehabt haben, als sie das Bild vom glücklichen Pärchen im Cabrio entwarfen. Die beiden wechseln sich übrigens gendergerecht beim Fahren ab. Am Albaufstieg sitzt die Frau am Steuer, auf dem Rückweg lenkt er.

Doch was will die kuriose Hinweistafel dem Fahrer von heute mitteilen? Die Botschaft lautet: Albaufstieg und Drackensteiner Hang stehen unter Denkmalschutz. Die Strecke, die mit zahlreichen Brückenbauwerken an die Landschaft angepasst wurde, gilt als "authentisches und zugleich solitäres Beispiel für eine Autobahnplanung der 1930er- und 1950er-Jahre in schwierigem Berggelände". Für Denkmalschützer ist sie sowohl aus verkehrs- und baugeschichtlicher Hinsicht wertvoll als auch wegen ihrer kunst- und kulturgeschichtlichen Bedeutung.

Der Drackensteiner Hang wurde 1936 und 1937 bebaut, damals noch mit einer Fahrspur in jede Richtung. Die Arbeiten an der Aufstiegstrasse begannen 1938 und wurden 1942 kriegsbedingt eingestellt. 1957 ging sie schließlich in Betrieb - mit einigen geringförmige Änderungen gegenüber der Ursprungsplanung.

Albaufsteieg Drackensteiner Hang

Unter anderem sehen die Planungen eine neue Großbrücke vor: die über das Gosbachtal.

(Foto: Regierungspräsidium Stuttgart)

Für Adolf Hitler war der Autobahnbau bekanntlich ein Propagandaprojekt. "Wer von 1933 an in Deutschland wohnte, der konnte der nationalsozialistischen Straßenpropaganda kaum entgehen", hat der Historiker Thomas Zeller 2011 anlässlich einer Ausstellung über Autobahnen in Baden-Württemberg geschrieben. "In Büchern, Filmen, Brettspielen, Gemälden, Zigarettenbildern, Theaterspielen, Radiosendungen und Romanen wurden die Autobahnen nicht nur als moderne Verkehrsform gefeiert, mit denen das Land den Herausforderungen der Zukunft begegnen konnte." Mit dem volkswirtschaftlichen Nutzen sei das gigantische Infrastrukturprojekt nicht zu rechtfertigen gewesen. "Statistisch gesehen, teilten sich 62 Deutsche im Jahr 1935 ein Auto".

Zur Inszenierung gehörte, dass die Fahrt auf den neuen Reichsautobahnen ein "Erlebnis" sein sollte. Die Straßen sollten die Landschaft, die sie durchschnitten, in Szene setzen. Um eine spektakuläre Aussicht zu eröffnen, wurde da schon mal der Umweg über eine Anhöhe in Kauf genommen. Mit dem Bau der Reichsautobahnen beauftragt hatte Hitler 1934 den Bauingenieur Fritz Todt, ein glühender Nationalsozialist aus Pforzheim, der an der Technischen Hochschule München promoviert hatte. Als "Generalinspekteur für das deutsche Straßenwesen" sah er sich als "schöpferischen Baumeister", der die Straßen "als Kunstwerk der Natur anzupassen" hatte. Das betraf nicht nur die Linienführung, auch Brücken, Tunnel und Stützbauwerke sollten die Landschaft als Kunstbauten gestalten, wobei Stilelemente vergangener Zeiten zitiert und moderne Materialien mit Naturstein verkleidet wurden. Auf der Schwäbischen Alb war dafür Paul Bonatz zuständig, den die Stuttgarter als Architekten des alten Kopfbahnhofs kennen. Seine Brückenbauwerke mit ihren parabelförmigen Bögen erinnern an römische Viadukte und bestehen aus Beton, obwohl sie aussehen wie handgemauert.

Bald wird die Strecke nur noch historische Bedeutung haben: Der Bund will die Autobahn an dieser Stelle dreispurig ausbauen und zu diesem Zweck eine komplett neue Trasse schaffen (Kasten). Derzeit läuft das Genehmigungsverfahren, mit der Fertigstellung ist frühestens 2027 zu rechnen, falls in diesem Jahr eine Entscheidung fällt. Die Gemeinden rechts und links des Albaufstiegs sehnen diesen Tag herbei - auch wenn sie sich jetzt noch darüber streiten, wo die Autobahn genau verlaufen soll: Auf der von den Behörden beantragten Trasse oder auf der Variante, für die sich eine Bürgerinitiative stark macht. Einig sind sich dabei alle, dass es bald losgehen sollte. Denn so schön die alte Strecke aus denkmalpflegerischer Sicht sein mag: Für die Anwohner bedeuten die ständigen Staus und der damit verbundene Ausweichverkehr eine enorme Belastung. "Es gibt fast keinen Tag ohne Unfall", sagt Roland Lang, Bürgermeister der Gemeinde Drackenstein, die auf einer der Ausweichstrecken liegt. "Dann ist es schwer, im Ort über die Straße zu kommen."

Die Brücken des Architekten Paul Bonatz erinnern an römische Viadukte. Sie bestehen aus Beton, obwohl sie aussehen wie handgemauert

Wenn die neue Autobahn fertig ist, soll der alte Albaufstieg zur offiziellen Umleitung werden und die Gemeinden entlasten. Die Straße am Drackensteiner Hang wird hingegen in eine Fahrradstraße umgewandelt. Schon jetzt verlaufen ja beidseits der Autobahn Rad- und Wanderwege. Nach der Stilllegung wird die Gegend wieder mehr von dem Reiz zurückgewinnen, von dem die "Schönste Autobahnstrecke Deuschlands" einst profitierte.

© SZ vom 25.04.2020

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