Alkolocks Erst pusten, dann starten

Beim Verkehrsgerichtstag diskutieren Experten, ob Alkohol-Wegfahrsperren für Promille-Sünder die Verkehrssicherheit erhöhen können.

(Foto: dpa)

"Alkolocks" sperren die Zündung des Autos, wenn ein Fahrer zu viel getrunken hat. In anderen Ländern werden solche Geräte bereits erfolgreich eingesetzt. Bald auch in Deutschland?

Von Lea Weinmann

Es waren ja nur ein paar Bier zum Feierabend, da wird man doch noch selbst nach Hause fahren können. Also rein ins Auto, Zündung an. Ein Bildschirm am Armaturenbrett leuchtet auf. "Bitte pusten" steht auf dem Display. Der Fahrer nimmt das Blasgerät in die Hand, pustet kräftig, will losfahren - doch nichts passiert. "Test nicht ok", so leuchtet es auf dem Monitor. Das waren wohl ein paar Bier zu viel. Dieses Auto wird der Alkoholisierte vorerst keinen Zentimeter bewegen können.

Solche "Alkohol-Interlock-Systeme", kurz "Alkolocks" genannt, könnten einige Autofahrer in Deutschland bald daran hindern, sich alkoholisiert hinters Steuer zu setzen. Ihre Funktionsweise ist denkbar einfach: Vor jedem Start des Motors misst das handliche Gerät den Atemalkohol des Fahrers. Ist der Wert zu hoch, blockiert eine mit dem Messgerät verbundene Steuereinheit unterhalb des Armaturenbretts den Anlasser. Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung tauchen Alkolocks als eine Möglichkeit auf, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Schon 2016 brachte der damalige Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) Alkolocks ins Gespräch. Damals verlief die Diskussion im Sande.

Nun aber könnte Bewegung in die Sache kommen: Ein Arbeitskreis aus Experten der Verkehrssicherheit, Juristen, Psychologen und Politikern wird kommende Woche auf dem Verkehrsgerichtstag in Goslar (VGT) erneut über Alkolocks diskutieren - und eine Empfehlung beschließen. Wie genau die aussehen wird, ist noch offen. Einig sind sich die Fachleute bisher nur darin, dass Alkolocks nicht zur Standardausrüstung in Autos werden sollen. Obwohl Alkoholfahrten dadurch mit einem Schlag vom Tisch wären, sei das angesichts der absolut gesehen geringen Zahl an Alkoholsündern unverhältnismäßig und zu teuer.

Vielmehr könnten die Systeme für Autofahrer eingeführt werden, die ihren Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer schon verloren haben. Sie könnten sich ein Gerät in ihr Fahrzeug einbauen lassen und damit ihre Sperrfrist verkürzen, also den Zeitraum, in dem keine neue Fahrerlaubnis beantragt werden darf. So weit die grobe Idee. Der Einbau soll mit einer verkehrspsychologischen Begleitung verknüpft werden, einer Art Rehabilitationsprogramm, an dem die Alkoholsünder teilnehmen müssen. Dafür plädieren Verkehrspsychologen wie Don DeVol, Leiter des Instituts für Verkehrssicherheit beim TÜV Thüringen und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Verkehrspsychologie (DGVP): "Ohne psychologische Begleitung bringt der Alkolock gar nichts."

In Schweden müssen Fahrer von Schulbussen und Taxis immer pusten - als Präventivmaßnahme

Der Psychologe beruft sich auf Studien aus den USA, die verschiedene Alkolock-Programme verglichen. Das Ergebnis: Nachdem das System wieder ausgebaut war, wurden Alkolock-Fahrer ohne Rehabilitationsprogramm genauso häufig rückfällig wie diejenigen Alkoholsünder, bei denen nie ein System verbaut war, sagt DeVol: "Als hätte es die Sperre nie gegeben." Nur die Kombination aus Wegfahrsperre und psychologischer Begleitung ließ die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls sinken. Denn die Technik allein bewirke noch keine Verhaltensänderung.

7,3 Prozent aller Unfälle mit Getöteten ließen sich laut Statistischem Bundesamt auf Trunkenheit am Steuer zurückführen. Insgesamt starben im Jahr 2017 bei Alkoholunfällen 231 Verkehrsteilnehmer, mehr als 4500 wurden schwer verletzt. Zwar sind die Zahlen seit Jahren rückläufig, aber "jeder Tote und Verletzte nach einer Alkoholfahrt ist einer zu viel", sagt DeVol.

Die USA und Kanada setzen Alkolocks schon seit Jahrzehnten ein. Auch in Europa ist der Begriff nicht neu. So haben Alkoholsünder in den Niederlanden die Wahl: zwei Jahre lang mit Alkolock im Auto unterwegs oder für fünf Jahre den Führerschein abgeben. Ähnliches gibt es in Schweden, Finnland, Dänemark, Belgien, Polen und Frankreich. Luxemburg, Litauen und Irland beschäftigen sich aktuell ebenfalls mit einer gesetzlichen Verankerung. In Schweden, dem Vorreiterland in Sachen Alkolock, sind die Wegfahrsperren sogar für alle Schulbus- und Taxifahrer vorgeschrieben - als Präventivmaßnahme. Auch Verkehrssicherheitsexperten in Deutschland können sich den verpflichtenden Einbau für Berufskraftfahrer und in Bereichen mit einer besonderen Verantwortung - etwa bei öffentlichen Verkehrsmitteln oder im Gefahrguttransport - gut vorstellen. Zuallererst seien aber die Alkoholsünder dran.

Christian Kellner, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR), wird den Arbeitskreis in Goslar leiten. Er ist von den Alkolocks überzeugt: "Das kann wirklich eine große Verbesserung für die Verkehrssicherheit sein, davon würden alle profitieren." Interessant sei so ein Programm vor allem für diejenigen, die sehr auf ihr Auto angewiesen sind, so Kellner. Einige Experten wünschen sich den Alkolock insbesondere für Fahrer, die mit einem Blutalkoholwert zwischen 1,1 und 1,59 Promille erwischt wurden. Das gilt laut Gesetz zwar schon als Straftat; die Fahrer verlieren auch ihren Führerschein. Eine medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU), auch "Idiotentest" genannt, ist aber erst ab einem Wert von 1,6 Promille verpflichtend. Die anderen Alkoholsünder kommen momentan noch völlig ohne präventive Maßnahmen davon - sie sitzen einfach nur ihre Sperrfrist ab.

231 Tote

gab es laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2017 in Deutschland in Folge von Alkoholfahrten, hinzu kamen mehr als 4500 Schwerverletzte. 7,3 Prozent aller Unfälle mit Getöteten ließen sich auf Trunkenheit am Steuer zurückführen. Insgesamt machte die Polizei bei mehr als 13 300 Unfällen Alkoholeinfluss als Ursache aus.

Ein Alkolock-Programm mit psychologischer Begleitung würde das ändern. Die Sache hat aber ihren Preis: Die Geräte und ihr Einbau kosten viel Geld, hinzu kommen Wartungskosten. Und auch für das Betreuungsprogramm kommen die Fahrer selbst auf. Wer früher wieder auf die Straße will, muss je nach Nutzungsdauer mehrere Tausend Euro auf den Tisch legen. Ein teurer Luxus, den sich nur Besserverdienende leisten können. Ein Blick nach Österreich zeigt, dass die hohen Kosten durchaus abschreckend wirken: Dort ist ein Alkolock-Pilotversuch im September 2017 gestartet. Ende 2018 waren 100 Alkoholsünder in das Programm integriert, 20 hatten es bis dahin abgeschlossen. Eine geringe Ausbeute - gemessen an der deutlich fünfstelligen Zahl der Alkoholsünder, die für das Programm potenziell infrage gekommen wären. "Es wird nicht so gut angenommen wie erwartet", sagt Verkehrspsychologin Bettina Schützhofer aus Österreich.

Neben der Finanzierung bleibt auch der Datenschutz ein Knackpunkt: Die Alkolock-Systeme können Fehlversuche registrieren und speichern. Auch eventuelle Manipulationen - etwa der Versuch, den Beifahrer pusten zu lassen - können Vorrichtungen, die mit einer Kamera ausgerüstet sind, aufzeichnen. "Da gibt es noch erhebliche Bedenken", sagt Jan Zopfs, Professor für Verkehrsstrafrecht an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz.

Der Jurist hat analysiert, wie sich Alkolocks ins deutsche Rechtssystem integrieren ließen. Seine Erkenntnis: Das Strafrecht lässt ein Alkolock-Programm im juristischen Sinne nicht zu. Denn wer als alkoholisierter Straftäter verurteilt wurde, gilt laut Gesetz als "ungeeignet zum Führen von Kraftfahrzeugen". Ihm dann doch mittels Alkolock das Fahren zu ermöglichen, stehe dazu im Widerspruch, sagt Zopfs. Einsatzmöglichkeiten sieht er daher allenfalls im Bereich zwischen 0,5 und 1,09 Promille, in dem Trunkenheit am Steuer noch als Ordnungswidrigkeit behandelt wird, sowie bei laufenden Strafprozessen. In anderen Ländern sei die Integration in das bestehende Gesetz einfacher gewesen, weil das Rechtssystem dort weniger stark an die Eignung und das Verantwortungsbewusstsein des Fahrers geknüpft sei.

In welchen Bereichen und für wen ein Alkolock-Programm in Deutschland möglich wird, soll ein bundesweiter Modellversuch zeigen - den zumindest werden voraussichtlich die Fachleute in Goslar dem Gesetzgeber empfehlen. DVR-Mann Kellner sagt: "Der Modellversuch wird kommen. Die Frage ist nur: Wann?" Das Bundesverkehrsministerium nennt keinen genauen Zeitplan. Aus dem Haus von Minister Andreas Scheuer (CSU) hieß es lediglich, man warte die Ergebnisse in Goslar ab.

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