15. Januar 2015, 11:23 Motorrad-Messe EICMA Mailand Die Kurve gekriegt

Mit einer Modellflut gibt die Motorradbranche auf der Mailänder EICMA einen Ausblick auf 2015. Auffallend ist: Es gibt immer mehr PS. Aber um die beherrschen zu können, ziehen Assistenzsysteme in großem Stil ein. Eine Übersicht.

Von Thilo Kozik

Nach der Einstimmung auf der Kölner Intermot gehen die Motorradhersteller auf der gerade zu Ende gegangenen Mailänder Motorradmesse Eicma endgültig in die Offensive. Die italienische Leitmesse bietet eine echte Neuheitenschau mit wichtigen Modellen. Auffallend dabei ist der Versuch nahezu aller Hersteller, das totgesagte Segment der Supersportler wiederzubeleben. Leistungsmäßig liegt die Messlatte nun um die 200 PS. Um diese Kraft beherrschbar zu machen, ziehen in großem Stil Assistenzsysteme in die Serie ein.

So legt Yamaha nach langer Zeit mit der rundum renovierten YZF-R1 ein neues Supersport-Flaggschiff auf, das mit einer Fülle edler Zutaten versehen ist: Im neu konstruierten Reihenvierzylinder sorgen Titanpleuel für satte 200 PS Leistung, ein 17-Liter-Alutank, Magnesium-Heckrahmen und gegossene Magnesiumräder halten das fahrfertige Gewicht bei 199 Kilo. Das neue, prall gefüllte Elektronikpaket umfasst unter anderem eine Traktionskontrolle mit Schräglagenerfassung, ein patentiertes Slide Control System sowie ein serienmäßiges Kombi-ABS. Polarisierend wirkt die Optik in Anlehnung an die MotoGP-Renner mit ungewohnt großen Freiflächen in der Front.

Zum Niederknien schön

Ducatis neuer Spitzensportler leistet 205 PS.

(Foto: dpa-tmn)

Die Rolle als Star der Messe muss sich die Japanerin mit einer Roten aus Bologna teilen. Die neue Ducati 1299 Panigale ist ein zum Niederknien schönes Motorrad, in dem natürlich das markentypische Desmodromik-Herz, ein 90-Grad-V2, pocht. Riesige 113 Millimeter große Kolben ergeben 1299 cm³ Hubraum, aus dem die Italienerin sage und schreibe 205 PS und 144 Nm Drehmoment schöpft. Im neuen Fahrwerk steckt alles, was gut und teuer ist - natürlich elektronisch aktiviert: Von semiaktiven Öhlins-Federelementen über einen Schaltautomaten für Hoch- und Runterschalten bis zur schräglagenabhängigen Traktionskontrolle und ABS.

Nicht weniger aufsehenerregend ist das Speedbike Kawasaki Ninja H2. Markant mit grün lackiertem Gitterrohrrahmen und einer aerodynamisch optimierten Verkleidung steckt unter der Hülle eine neue Motorentechnologie: Der Reihenvierer mit 998 Kubik verfügt über eine Kompressoraufladung, die ihn mit maximal 200 Pferdestärken und einem Drehmoment von 133 Newtonmeter ausstattet. Um diese Leistung sicher auf die Straße zu bringen, verpasst Kawasaki der H2 das komplette Elektronik-Paket mit mehrstufiger Traktionskontrolle, unterschiedlichen Fahrmodi, Launch Control und einstellbarem Motorbremsmoment. Dazu kommen ABS, Quickshifter und ein elektronisch gesteuerter Lenkungsdämpfer.

Alle Elektronikhelfer an Bord

Passend zum Gewinn der Superbike-Weltmeisterschaft am letzten Wochenende durch Aprilia kann auch die neue RSV 4 RR leistungsmäßig auftrumpfen: Ihr 65-Grad-V4-Motor bringt es auf 201 PS und 133 Newtonmeter Drehmoment. Zahlreiche Fahrwerksänderungen drücken das Trockengewicht auf 180 kg. Um die damit verbundene Dynamik überhaupt auskosten zu können, sind von der Traktionskontrolle bis zum mehrstufig agierenden Race-ABS alle Elektronikhelfer an Bord. Als besonderes Schmankerl bietet Aprilia optional eine Multimedia-Plattform an, bei der das Bike mit dem eigenen Smartphone kombiniert werden kann.

Als weltgrößter Hersteller komplettiert Honda das Superbike-Angebot. Die RC213V-S stammt aus der Feder der legendären Honda Racing Corporation (HRC) und ist ein notdürftig mit Spiegeln und Beleuchtung versehener Ableger des Weltmeistermotorrads von MotoGP-Champion Marc Marquez. Das gezeigte V4-Bike ist noch ein Prototyp, technische Informationen sind daher rar. Preislich wird das Über-Bike allerdings in Liebhaberregionen angesiedelt sein. Den neuen Trend zur Sportlichkeit belegen auch weniger PS-starke Modelle wie die supersportliche Yamaha YZF-R3, die mit 42-PS-Reihenzweizylinder die Lücke zwischen YZF-R 125 und R6 schließt und Führerschein-A2-tauglich ist. In dieser Klasse fischt auch Kawasakis Z300 mit 39 PS.

Sportliche Allrounder sind der zweite Neuheiten-Schwerpunkt in Mailand. Im Highend-Bereich beeindruckt Ducatis neue Multistrada erstmals mit variablen Steuerzeiten, die dem Desmo-Vierventiler eine besonders homogene Leistungsentfaltung mit maximal 160 PS bescheren. Die edle S-Version zeigt dazu ein hochwertiges TFT-Display, ein semiaktives Fahrwerk, Schräglagen-Licht und -ABS mit supersportlicher Auslegung.

Die Ducati 1200 Multistrada mit mehr Ausstattung und Leistung.

(Foto: dpa-tmn)

Direkter Gegner ist die neue BMW S 1000 XR in ähnlicher Offroad-Aufmachung mit angedeutetem Schnabel. Hier steckt der kräftige Reihenvierzylinder aus dem Roadster S 1000 R in einem sportlichen Leichtmetall-Brückenrahmen. Seine 160 PS dürften auch im Zweipersonenbetrieb ausreichen. KTM propagiert dagegen Downsizing für mehr Fahrspaß mit einem neuen Adventure-Einstiegsmodell. Der 75-Grad-V2 der 1090 Adventure bietet 95 PS, 212 kg Gewicht und satte 105 Newtonmeter, damit ist aktives, von Assistenzsystemen kontrolliertes Kurvenschwingen angesagt.

Duell der Dreizylinder

Yamaha erweitert die Dreizylinder-Familie um den Tourer MT-09 Tracer.

(Foto: dpa-tmn)

In der asphaltorientierten Enduro-Mittelklasse treten interessante Dreizylinder an: Yamahas MT-09 Tracer aus der beliebten MT-Familie lockt mit 115 PS, Traktionskontrolle und verstellbarer Sitzhöhe, Scheibe und Lenker bei fahrfertigen 190 kg. Dagegen tritt die neue Triumph Tiger-Baureihe an, deren verbrauchsreduzierter 800er-Drilling mit 95 PS, Ride-by-Wire-System, ABS und Traktionskontrolle kommt. Die hochwertigeren X-Versionen bieten zudem verschiedene Modi für ABS, Traktionskontrolle und Motorcharakteristik.

Klassische Zweiradgene finden sich beim italienischen Traditionshersteller Moto Guzzi. Die opulente Eldorado als luxuriöse Interpretation der legendären 850 basiert auf der California 1400. Ihr luftgekühlter, typisch längs laufender 90-Grad-V imponiert mit 120 Newtonmeter Drehmoment.