Stress auf der Insel

Wenn sich ein Kollege mitten im Gespräch plötzlich am Kopf kratzt, heißt das nicht unbedingt, dass er einen Mückenstich oder gar Läuse hat. Möglicherweise signalisiert er unbewusst, dass er unter Druck steht. "Primaten kratzen sich, wenn sie gestresst sind", schreibt Jamie Whitehouse, Psychologe an der englischen University of Portsmouth in der Fachzeitschrift Scientific Reports.

Whitehouse hat bei einer Gruppe Makaken auf Cayo Santiago - einer Insel, die zu Puerto Rico gehört - beobachtet, dass sich die Affen vor allem dann auffällig oft kratzten, wenn ein ranghöheres Tier in ihre Nähe kam. Die gängige Erklärung dafür ist, dass es sich um eine Übersprungshandlung handelt, also eine Verhaltensweise, die in dieser Situation eigentlich unpassend ist: Der Affe kratzt sich, weil er hin- und hergerissen ist zwischen zwei Handlungsoptionen - etwa Angriff und Flucht - und sich für keine von beiden entscheiden kann.

Nach Ansicht des englischen Wissenschaftlers gibt es aber noch eine andere Erklärung für das seltsame Verhalten. Er vermutet, dass das Gekratze für alle Artgenossen sichtbar macht, wenn ein Tier unter Stress steht. "Das kann dabei helfen, einen Konflikt zu vermeiden", sagt er. Von Tina Baier

Bild: imago 16. September 2017, 11:472017-09-16 11:47:50 © SZ.de/fehu