Wissenschaftshistorikerin "Es ist Zeit, die Waffen der Aufklärung zu fassen"

Und von allen, die suprastaatlicher Regulierung misstrauen. Das sind viele.

Stimmt. Aber ich sehe keine Alternative. Und die Verschwörungstheorien, dass wir alle von oben herab manipuliert werden, sind doch genau das Ergebnis des unregulierten Internets. Die Gesetzlosigkeit des Netzes wird kaltblütig ausgenützt.

Soll man Gegenstimmen verbieten? Wissen diese nicht manchmal mehr als der Mainstream?

Es gibt Beispiele hierfür. Homosexuelle Aktivisten in Europa und Südafrika waren so gut organisiert, dass sie zeitweilig mehr wussten über HIV als die akademische Welt. Sie brachten entlegene Studien zusammen und regten neue Forschung an. Auch im Bereich der Patientenrechte oder seltenen Krankheiten gibt es das. Doch die meisten Leute haben nicht die Zeit und nicht die Geübtheit im Umgang mit möglicherweise fehlerhaften Quellen. Die Anti-Impf-Bewegung etwa ist gut organisiert, aber meines Erachtens verirrt.

Sie können sie trotzdem nicht wegregulieren.

Nein, und wir dürfen kein Technokratenstaat werden, in dem die Regierung sagt: Macht euch keine Sorgen, wir schauen für euch. Die Öffentlichkeit muss Zugang zu Wissen haben. Doch es fehlt eine systematische Schulung der Öffentlichkeit. Ich selber etwa würde gern wissen: Woran liegt es, wenn etwas im Netz viral wird? Wie kann man ein Mem entschärfen? Solchen Unterricht brauchen wir. Ich bin zuversichtlich, dass die Leute Manipulationen verstehen. So wie sie verstehen, was Werbung ist.

Viele Leute blocken ab, wenn man ihre Weltsicht hinterfragt. Es herrscht ein Kult der Subjektivität: Was ich fühle, muss richtig sein.

Meines Erachtens hat dieser Kult in der Sportberichterstattung begonnen. Der arme Sportjournalist muss einen Athleten interviewen, der sich gerade verausgabt hat, vier Stunden auf dem Tennisplatz, er schwitzt und schnauft. Fragen nach einem bestimmten Set in der 37. Minute sind müßig, also fragt der Interviewer: Wie fühlen Sie sich? Irgendwie hat sich das verbreitet und den Trugschluss gestützt, dass Bauchgefühl gleich Wahrheit ist.

Was ist es stattdessen?

Ein Gefühl. Im Bauch. Nach der Trump-Wahl habe ich mich gefragt: Wie können so viele Leute einen Mann wählen, der so oft beim Lügen erwischt worden ist? Aber vielen Wählern geht es nicht darum, was er sagt, sondern darum, wie er es sagt: aufrichtig, von Herzen. Sie kommen zum falschen Schluss, dass eine aufrichtige Aussage auch wahr ist. Mich schockiert auch, wenn vor den deutschen und französischen Wahlen sich die Debatte nicht mehr um politische Positionen dreht, sondern um die Art, wie diese Positionen verkauft werden.

Wie begegnen Sie als Bürgerin der USA einer Regierung, die "alternative Fakten" ersinnt?

Mit Gelächter. Es ist Zeit, die Waffen der Aufklärung zu fassen, und das waren keine Waffen der Empörung. Philosophen wie Voltaire haben verstanden, dass Empörung ermüdet. Wir brauchen Gelächter, Satire, Spott. Deshalb hasst Donald Trump die Comedysendung "Saturday Night Live" so sehr.

Genügt Spott?

Der beste Weg, die Legitimität eines Herrschers zu untergraben, ist, ihn lächerlich aussehen zu lassen. Es gab nie ein besseres Ziel als Donald Trump.

Ein Forscher aus Berkeley will Politiker werden mit dem Motto "Liberty, Equality, Reality".

Ja, und im April organisieren Wissenschaftler einen "Marsch für die Wirklichkeit". Vielleicht gehe ich hin.

Sollten sich Wissenschaftler so einmischen?

Wissenschaftler können helfen. Ihre Studien dienen etwa Bürgerrechtsorganisationen, wenn diese die Regierung verklagen. Problematischer wird es, wenn Akademiker sich als Kulturträger verstehen. Wir sind Bürger wie alle anderen auch. Aber wir können helfen. Und natürlich müssen wir einstehen gegen falsche Behauptungen. Das betrifft nicht nur Klimaforscher, sondern auch Historiker, etwa der afroamerikanischen Geschichte.

Viele Firmen finanzieren Forschung. Können wir akademischen Fakten noch trauen?

Das ist eine Gefahr, vor allem im Bereich der Biomedizin. Große Pharmafirmen pumpen viel Geld in die Forschung, manche fabrizieren fertige Studien und fragen prominente Forscher an, ob sie ihre Namen dazusetzen wollen. Das Misstrauen ist berechtigt, und es ist höchste Zeit, dass die Universitäten hier durchgreifen, ihren Ruf retten.

Ist die Wissenschaft in den USA gefährdet?

Ja. Durch die Tatsache, dass viele Universitäten ihre Ausbildung heute wie Produkte anbieten. Es ist fatal, wenn Orte wie Yale und Harvard ein Ausdruck der Marktkultur sind statt ein Gegengewicht zu ihr.

Das hat mit Trump aber nichts zu tun.

Nein. Viele US-Regierungen waren wissenschaftsfeindlich. Wir sind eine eher antiintellektuelle Kultur. Das hat den Vorteil, dass Akademiker bei uns, anders als in Europa, seltener versucht sind, sich aufzublasen und über Dinge zu predigen, von denen sie nichts verstehen.

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