Wissenschaftshistorikerin "Die Gesetzlosigkeit des Netzes wird kaltblütig ausgenützt"

Was tun gegen Lügen im Internet?

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Lorraine Daston, Direktorin am MPI für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, plädiert für eine Regulierung von Informationen - damit Lügen und Propaganda nicht weiter überhandnehmen.

Interview von David Hesse

SZ: "Postfaktisch" war das Wort des Jahres 2016. Gab es Propaganda nicht schon immer?

Lorraine Daston: Das Phänomen ist alt, ja, hat aber mit dem Aufstieg des Mediums Internet neue Intensität angenommen. Es gab eine ähnliche Phase im Jahrhundert nach der Verbreitung des Buchdrucks. Da war mindestens so viel Desinformation wie Information im Umlauf. Denken Sie an die Flugblätter der Reformation und Gegenreformation. Jede Medienrevolution bringt eine Periode der Anarchie und des Experimentierens. Aber die Wogen werden sich wieder glätten.

Zur Zeit des frühen Buchdrucks herrschte auch Verwirrung darüber, was Fakten sind?

Absolut. Tatsächlich ist die Idee der Fakten und was sie sein sollen eine Errungenschaft der frühen Neuzeit. Und damit meine ich nicht den Anspruch, dass eine Behauptung der direkten Erfahrung standhalten soll, das ist eine uralte Idee, in allen Kulturkreisen verbreitet, sondern die Forderung, dass man gewissenhaft versuchen soll, ein Stück Erfahrung von seiner Interpretation zu lösen.

Nackte Erfahrung - geht das?

In Zeiten, da keiner Quelle mehr vertraut werden konnte, kam die Idee auf, gewisse 'Nuggets' der Erfahrung möglichst ohne Interpretation darzustellen, damit alle über dasselbe sprechen. Das sind Fakten. Sobald ein Nugget für eine politische Sache oder wissenschaftliche Theorie eingespannt wird, verliert er seinen neutralen Charakter. Es ist kein Zufall, dass dies erstmals im 17. Jahrhundert artikuliert wurde, als die Propaganda blühte.

Könnte die heutige Fakten-Anarchie eine Chance für neue Standards sein?

Ja. Wir müssen unsere Ideale bestätigen und vielleicht neu schreiben. Es gibt keinen Grund, weshalb unser Nachdenken über Fakten und Wahrheit im 17. Jahrhundert hätte aufhören sollen. Wir brauchen neue Theorien für die Herausforderungen, die uns neue Medien bescheren.

Spannt den Lügnern das Publikum aus!

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Ist die Postmoderne Ursache der vielen Zweifel? Manche Gelehrte sagen, es gebe nicht eine Vergangenheit, sondern nur subjektive Erzählungen davon.

Das wäre akademischer Größenwahn. Wir sollten einen Ausweg finden aus der binären Opposition von objektiv/subjektiv - und einen Raum dazwischen auftun. Wenn alles subjektiv sein soll, was nicht von Maschinen gemessen und registriert werden kann, wie eine Ballposition im Fußballspiel, dann haben wir keinen Platz mehr für Urteilsvermögen. Wenn man die wahre Aussage macht, dass jede Aussage über die Vergangenheit eine Erzählung ist, dann heißt das nicht, dass alles bloß erfunden ist. Dazwischen ist ein weiter Raum.

Wie sieht dieser Raum aus?

Wir kennen ihn bereits. Nehmen Sie einen Termin vor Gericht: Wir erwarten von einem Richter, dass er seinen Handlungsrahmen den vorliegenden Beweisen anpasst, aber dennoch ein eigenes Urteil fällt und seine Entscheidung mit einer nachvollziehbaren Erzählung rechtfertigt. Ein Richter ist keine Maschine, und soll keine sein. Wir sollten so ein Konzept der Unparteilichkeit auch jenseits der Gerichte wiederbeleben. Ein Richter ist eine Autorität.

Was ist Herz, was ist Hirn? Illustration: Stefan Dimitrov

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Autoritäten werden rar, Wikipedia ist kein Brockhaus.

Die Frage ist: Wie bilden sich neue Autoritäten heraus? In Europa dauerte das nach der Verbreitung des Buches im 16. Jahrhundert recht lange. Und gewisse Mechanismen der Qualitätskontrolle sahen aus wie Zensur. In Leipzig haben Forscher der Gruppe "Geschichte des Buches" untersucht, wie die Jesuiten im Süden Deutschlands einst Texte kontrollierten. Dabei klangen sie häufig wie heute Wissenschaftler im Gutachter-Verfahren für Fachzeitschriften: Kann die These etwas klarer herausgeschafft werden? Ist das Latein hier korrekt? Die Jesuiten übten öfter hilfreiche Kritik, als dass sie nach Verletzungen der Glaubensdoktrin suchten.

Autoritäten müssen Zensur üben können?

Ein Problem heute ist die gut gemeinte Doktrin des freien Internets. Ich habe viel Verständnis für Parolen wie "Information will frei sein". Doch damit einher geht oft Widerstand gegen jegliche Form von Regulierung. Das ist bedenklich. Es war noch nie der Fall, dass etwas so mächtig, omnipräsent und zunehmend unverzichtbar ist wie das Internet, aber nicht reguliert. Das Internet wird zur Spielwiese derer, die das meiste Geld haben. Sehen Sie sich Einträge umstrittener Personen auf Wikipedia an. Da schreibt jemand einen Text - und dann wird er umgeschrieben und abgeändert von jenen Kräften, die ein starkes ideologisches Interesse sowie Zeit und Geld haben. Am Schluss gewinnt die Kraft mit dem meisten Geld oder der meisten Sturheit. Das ist weder im Interesse der Öffentlichkeit noch der Wahrheit. Es braucht eine Form der Regulierung.

Wer soll tätig werden? Etwa der Staat?

Es wäre sicher besser, wenn die Regulierung international geschähe. Aber die UN können ja nicht einmal das Format der Netzstecker weltweit vereinheitlichen. Die Europäische Union wäre in einer guten Position. Sie hat eine überraschende Vorreiterrolle eingenommen, als es um Big Data und Konsumentenrechte ging. Leider wird jeder Plan zur Regulierung von den Internetideologen bekämpft werden.