Weltklimagipfel in Kopenhagen Das vergebliche Ritual

Alle flehen um Regen, keiner hat einen Schirm dabei: Die Macht der Menschen über das Klima reicht gerade weit genug, dass sie ihre Ohnmacht zu fühlen bekommen.

Von Burkhard Müller

Es ist noch gar nicht so lange her, da wusste die Menschheit vom Klima nichts. Das Wetter galt ihr als das schlechterdings Hinzunehmende. Für Krankheiten ersann man Kuren (wenn auch nicht alle halfen), der Tod kam nur einmal und ließ sich vielleicht hinausschieben.

Aber das Wetter hatte man, so oder so, jeden Tag und konnte nicht mehr unternehmen als eine Blume, die, wenn es regnet, nass wird. Zwar hatte man es schon immer mit magischen Praktiken versucht; in trockenen Gegenden gab es die Regentänze, die indoeuropäischen Religionen erhoben den Gott, der über das Wetter gebot, zum obersten Himmels-Chef, und als Jupiter weichen musste, reichte er den Himmelsschlüssel an Petrus, den Apostelfürsten, weiter; an ihn durfte man fortan die Bittgebete richten.

Doch musste selbst dem Frömmsten auffallen, dass, um es vorsichtig zu formulieren, die Korrelation zwischen Gebet und Wetterereignis schwach war. Es gibt die Geschichte von dem italienischen Pfarrer, der seine Gemeinde andonnerte, als sie sich in einem besonders dürren Sommer, um Niederschläge flehend, auf dem Platz des Dorfes zusammenfand: "Ihr Kleingläubigen! Ihr ruft zu Gott um Regen - aber keiner von euch hat einen Schirm dabei!"

Das Wetter stellte den Glauben, insofern er das Wünschen einschloss, auf eine harte Probe. Manche Dinge mochten der Menschheit ihre Ohnmacht krasser vor Augen stellen - aber keins so dauerhaft und kontinuierlich wie die tägliche Erfahrung des ewig unbeständigen Wetters, zu dessen Symbol man das sich drehende Fähnchen auf dem Turm nahm.

Wetter war Schicksal, unmittelbar und allgemein, und ist es in gewissem Maß bis heute. Ob ein Tag ein guter oder schlechter wird, hängt von keinem anderen Einzelfaktor so sehr ab wie von diesem. Selbst Leute, die solche Wetterwendischkeit für unter ihrem Niveau halten, merken doch, wie sich unwillkürlich ihre Stimmung hebt, sobald die Sonne durchkommt.

Einst aber ging es bei diesen Fragen um Leben und Tod. Ein verregneter Sommer bedeutet in unseren Breiten eine verdorbene Grill- und Badesaison, ein kalter Winter erhöhte Heizkostenabrechnungen. Wenn aber früher der Sommer kalt war, reifte das Getreide nicht aus, Hunger war die Folge; kam noch ein böser Winter hinzu, mussten viele sterben. Uns hierzulande kann das Wetter, wie ein zahnlos gewordener Hund, nur noch lästig, aber nicht mehr gefährlich werden.

So dachte man lange. Nur sehr allmählich begann sich durch das, was jeden Tag und im Jahreskreis am Himmel geschieht, eine zweite, überwölbende Kategorie hervorzuarbeiten, die all diese Wechselfälle in sich einbegreift und das Bild ihrer Verteilung liefert: das Klima. Das Klima steckte im Wetter verborgen wie die Mode in den Kleidern, das große Muster in seinen vielen kleinen Konkretionen.

Der Eiszeit auf der Spur

Und das Wort "Klima" zeigt im Deutschen seine Verspätung darin, dass man hier zum Griechischen griff, denn eine altheimische Vokabel gab es dafür nicht. "Klima" bedeutet ursprünglich "Neigung" (nächstverwandt ist "Klimax", die Leiter, die man anlehnt) und bezieht sich auf die Erdachse; denn dass die regionalen Großwetterlagen auf dem Globus etwas mit dem Winkel der eintreffenden Sonnenstrahlen zu tun haben, war schon der antiken Wissenschaft klar, die spätestens seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. von der Kugelgestalt der Erde wusste.

Lange schienen die klimatischen Unterschiede ausschließlich im Raum stattzuhaben, den man dank der Forschungsreisen der Neuzeit immer besser kennenlernte. Dass sich hier auch in der Zeit etwas zu verschieben vermochte: Diese Erkenntnis reifte spät.

Die mutigen Fahrten der Entdecker von Kolumbus bis Amundsen, die zu den Bezirken der Palmen und des Packeises vorstießen, sind Allgemeingut der Bildung geworden; weniger weiß man von dem Scharfsinn, der seit dem 19. Jahrhundert aufgeboten worden ist, um die Schwankungen in der Zeit zu erkunden.

Als detektivischen Geniestreich muss man es zum Beispiel bezeichnen, wie es gelang, der Eiszeit auf die Schliche zu kommen. Wie fanden die riesigen Brocken skandinavischen Granits, die doch nicht schwimmen konnten, über die Ostsee nach Norddeutschland? Warum sind die Alpentäler zu U-förmigen Trögen ausgestaltet statt zu der typischen V-Form, wie die Erosion der Flüsse sie hervorbringt? Woher die merkwürdige girlandenartige Anordnung der Hügelketten in Pommern und Mecklenburg?

Alle diese scheinbar separaten Rätsel klärten sich mit einem Schlage auf, als man die Existenz riesiger Gletscher postulierte; ihr Eis war vergangen, aber die Massen an Material, die sie gehobelt, geschoben und getragen hatten, blieben zurück und ließen sich als Spuren lesen.

Dauerhafter Niederschlag

Den ersten Wissenschaftler, der sie vor seinem geistigen Auge ganz anzuschauen vermochte, muss ein Schauder überkommen haben, der noch von etwas anderem als bloß dem Frosthauch herrührte. Es war eine grässlich erhabene Vorstellung, wie sich hier die Wettersumme langer Zeit zum tödlichen kontinentalen Block aufsummiert hatte.

Seither haben wir immer genauer erfahren, welchen Variationen das Klima der Erde in der Vergangenheit unterworfen war. Das Luftigste, Vergänglichste überhaupt, der Regen, dem der Sonnenschein folgte, und diesem wieder der Regen - es hatte doch, wie in Geheimschriften, seinen dauerhaften Niederschlag gefunden.

Die Jahresringe der Bäume begannen von nassen und trockenen, warmen und kalten Epochen zu erzählen, der Schlamm der Binnenseen, schichtweise gesichtet, gab in den eingebetteten Pollenkörnern Auskunft über den mit den Zeitaltern wechselnden Pflanzenbewuchs, Bohrkerne im arktischen Eis verrieten die Zusammensetzung der Luft durch die Jahrtausende.

Es war unglaublich, dass sich so das Verhauchte rekonstruieren ließ. Unheimlich war es auch, denn man sah nunmehr deutlich, wie flatterhaft nicht etwa nur das Wetter war (das wusste man längst), sondern wie sich in relativ kurzen Zeiträumen sein ganzer Rahmen verschob, in einer Weise, der die Daseinsbedingungen aller Lebewesen von Grund auf verändern musste.

Schon bei dieser Erkenntnis von der historischen Veränderlichkeit des Klimas mischt sich in den Triumph des menschlichen Intellekts, der sich des Verschollenen zurückholend bemächtigt, der Schreck: Auf so dünnem Boden stehen wir mit unseren heutigen zuträglichen Klimaten! Es kann über uns jederzeit hereinbrechen; und wenn das bislang nicht geschehen ist, haben wir einfach Glück gehabt.

Wunsch erfüllt

Dem ersten Schreck folgte der zweite auf dem Fuß, nämlich die unabweisliche Einsicht, dass wir selbst es sind, die diesen Wandel verursachen. Es heißt, wenn die Götter den Menschen Böses wollen, erhören sie deren Wünsche. In diesem Sinn ist der alte Menschheitswunsch, die atmosphärischen Geschehnisse zu beeinflussen, in Erfüllung gegangen.

Es hilft uns wenig, dass wir es nunmehr wissen und zu uns kommen wie ein Schlafwandler auf dem First des Dachs. Hinter dem, was passiert ist, stand kein Masterplan, sich die Erde untertan zu machen. Wir müssen uns selbst erkennen als kraftvollen, aber blinden Faktor, der über die Erde hinweggeht wie ein Gletscher der Vorzeit.

Unsere Vernunft reicht eben aus, um unsere Unvernunft, und unsere Macht, um unsere Ohnmacht zu begreifen: Wir wirken stark, aber anders, als wir uns das vorgestellt haben. Der klimatische Wandel, Nebenprodukt und Hauptkonsequenz der gesammelten menschlichen Aktivitäten auf dem Erdball, wird, das setzt man ohne weiteres voraus, unbedingt einer zum Schlimmeren sein.

Der Wille ist da - doch er wird nichts bewirken: Warum die Menschheit zum Klimaschutz geschubst werden muss, lesen Sie auf der nächsten Seite.

Windelweiche Pläne

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