Verhaltensbiologie Mensch, Kaninchen!

Norddeutschlands Tierheime sind zur Urlaubszeit ueberfuellt Die Hauskaninchen (Oryctolagus cuniculus forma domestica) Lulatsch und Bigfoot schmusen am Donnerstag (21.07.11) im staedtischen Tierheim in Hamburg. Beide Kaninchen wurden am Anfang der Sommerferien von ihrem Besitzer ausgesetzt. Jedes Jahr aufs Neue melden die Tierschutzvereine in Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bremen einen rapiden Anstieg ausgesetzter Haustiere zur Urlaubszeit, was eine Ueberlastung der Tierheime zur Folge hat. Foto: Axel Heimken/dapd

(Foto: dapd)

Hat sich die Mama gekümmert? Waren die Geschwister gemein? Gab es Gewalt in der Familie? All das hat Folgen für die Entwicklung der Persönlichkeit bei Tieren. Und auch beim Menschen.

Von Irene Habich

Kleinigkeiten waren es, die das Kaninchen einst in den Stall gebracht haben. Erst vor etwa 1400 Jahren wurden die Tiere domestiziert, damit einher gingen zahlreiche Änderungen in ihrem Erbgut. Diese waren, jede für sich genommen, nicht nur vergleichsweise klein, sondern sie betrafen in der Mehrzahl auch sogenannte regulatorische Gene (Science, Bd. 345, S. 1074, 2014). Dieser Typ von Erbanlagen steuert wiederum andere Gene, hat also nur einen indirekten Einfluss. Dennoch kann er entscheidend sein für die Domestikation einer Tierart, hat das Team um Miguel Carneiro von der portugiesischen Universität Porto gezeigt.

Doch auch jenseits solcher genetischer Unterschiede ist kein Kaninchen wie das andere, egal ob es sich um die Wild- oder Haustierform handelt. Jedes Tier hat einen eigenen Charakter - und dieser entwickelt sich nach den gleichen Mustern wie der des Menschen. Neuere Studien zeigen: Wie eng die Bindung zu den Eltern ist, ob es sich gut mit den Geschwistern versteht oder sie nur als Rivalen betrachtet, entscheidet mit darüber, was aus einem Kaninchen später wird - oder aus einer Ratte. Auch bei ihnen entwickelt sich die Persönlichkeit nach ähnlichen Mustern wie beim Menschen.

Das zeigten zum Beispiel Forscher um Áron Tulogdi vom Budapester Institut für experimentelle Medizin im Fachmagazin Developmental Psychobiology (online). Die Forscher versuchten, aggressive Ratten friedfertiger zu machen. Die eigentlich sozialen Tiere werden angriffslustig, wenn sie in früher Kindheit einzeln leben müssen. Lässt sich diese Fehlprägung durch Gruppenhaltung rückgängig machen?

Ein menschliches Gehirn ähnelt in seinen Grundmustern dem eines Tieres

Um das zu klären, setzen die Wissenschaftler zunächst drei Wochen alte Rattenbabys in Einzelhaltung. Das hinterließ Spuren: Die isoliert aufgewachsenen Tiere waren später aggressiv, reagierten ängstlich auf ihre Käfiggenossen und schliefen getrennt von ihnen. Die Forscher sahen darin Gemeinsamkeiten mit Menschen, die in der Kindheit Schlimmes erleben.

Innerhalb weniger Tage in der Gruppe aber änderte sich etwas im Verhalten der isoliert aufgezogenen Ratten. Schon bald legten sie sich doch zum Schlafen zu den anderen Tieren. Allerdings blieben sie aggressiver als normal sozialisierte Artgenossen. Was ihr Gruppenverhalten betraf, ließen die Ratten sich also resozialisieren, in Bezug auf ihre Aggression jedoch nicht, folgerten die Forscher. Die Angriffslust war damit Teil des Charakters der Tiere geworden. Wieder erkannten die Wissenschaftler erstaunliche Parallelen. Während sich soziale Phobien bei Menschen ebenfalls gut therapieren ließen, falle die Therapie aggressiven Verhaltens schwerer.

Verblüffende Ähnlichkeiten wie diese kristallisieren sich in der Tierpersönlichkeitsforschung immer stärker heraus. "Wir entwickeln Hypothesen, die in vieler Hinsicht ebenso für den Menschen zutreffen können", bestätigt Norbert Sachser, Professor für Verhaltensbiologie an der Universität Münster. "Obwohl menschliche Charaktere natürlich wesentlich komplexer sind - unsere Gehirne folgen ähnlichen Grundmustern wie die von Tieren."

Neben Eltern bestimmen auch Geschwister die Persönlichkeitsentwicklung von Tieren

So prägen frühe Bindungen den Charakter von Tieren und Menschen. Das Verhältnis eines Menschen zu seinen Eltern, Brüdern und Schwestern entscheidet mit darüber, welchen Charakter er entwickelt. Das Gleiche gilt bei Tieren; die Beziehungen zu Familienangehörigen bestimmen deren Persönlichkeitsentwicklung, sagt Sachser. Ratten, deren Mütter weniger Brutpflege betrieben, seien später anfälliger für Stress. Entscheidend ist jedoch nicht nur die Zuwendung durch das Muttertier. "Selbst Geschwister haben bei Tieren Einfluss auf das Verhaltensprofil", sagt Sachser.

Das bestätigt eine Untersuchung von Forschern der Universität Bayreuth und der University of California (Behavioral Ecology, online). Darin zeigten sich Wildkaninchen mit hohem Geburtsgewicht in Verhaltenstests mutiger und viel entdeckungsfreudiger als ihre leichteren Wurfgeschwister. Das galt auch noch Monate später, wenn sich das Gewicht der Tiere angeglichen hatte. Einen möglichen Grund sahen die Forscher in der Rollenverteilung innerhalb der Kaninchenfamilie. Die kräftigeren Neugeborenen hätten gegen leichtere Geschwister in Spielen und Rangkämpfen öfter gewonnen. Dadurch entwickelten sie vermutlich forschere Charakterzüge, die sie auch später behielten. Die leichteren und schwächeren Kaninchenbabys hingegen hätten öfter einstecken müssen und seien darum wohl ängstlich geblieben.

Gibt es womöglich noch weitere entscheidende Phasen für die Persönlichkeitsentwicklung von Ratte und Kaninchen? "Einiges deutet darauf hin, dass die Persönlichkeit auch noch rund um die Geschlechtsreife geprägt werden kann", sagt Sachser. Möglicherweise könnten dann unvorteilhafte Eigenschaften korrigiert werden, die ein Tier in frühen Lebensphasen erworben hat.