Kooperation im Tierreich Der nette Vampir

Der "gemeine Vampir" (Desmodus rotundus) hilft seinen Artgenossen mit Blut.

(Foto: Uwe Schmidt / Wikimedia / CC-by-SA)

Altruismus im Tierreich: Warum Vampirfledermäuse sich gegenseitig Blut spenden.

Von Tina Baier

Es gibt sympathischere Tiere als Vampirfledermäuse, die sich ausschließlich vom Blut anderer Lebewesen ernähren. Doch möglicherweise ist der schlechte Ruf zumindest des Gemeinen Vampirs (Desmodus rotundus) nicht ganz gerechtfertigt. Die Tiere sind nämlich erstaunlich sozial. Weibliche Vampirfledermäuse würgen einen Teil ihrer Blutmahlzeit wieder heraus, um Freunde zu füttern, die in der Nacht kein Opfer gefunden haben.

Damit retten sie hungrigen Artgenossen unter Umständen das Leben, denn die Fledermäuse sterben, wenn sie zwei Nächte hintereinander keine Blutmahlzeit zu sich nehmen. Selbstlos ist dieses Verhalten allerdings nicht, wie Gerald Carter vom Smithsonian Tropical Research Institute in Panama herausgefunden hat (Proceedings of the Royal Society B, online). In seinen Experimenten setzte der Biologe Fledermausweibchen 24 Stunden lang auf Diät. Dann brachte er die hungrigen Tiere in die Gruppe zurück, die zuvor ausgiebig gespeist hatte und beobachtete, welche Tiere ihre Mahlzeit mit ihren ausgehungerten Artgenossen teilten. Dieses Experiment wiederholte er viele Male, wobei er diejenigen Individuen, die nichts zu fressen bekamen, austauschte. Nach einiger Zeit ergab sich ein klares Bild: Fledermäuse, die in Not waren, bekamen mehr Hilfe von der Gruppe, wenn sie in vorangegangenen Fällen selbst einen Teil ihrer Mahlzeit an hungrige Artgenossen abgegeben hatten. Für Carter ist dieses Verhalten ein klarer Fall von "reziprokem Altruismus" - nach dem Motto "Hilfst du mir, helfe ich dir".

Manche Tiere weigerten sich, Artgenossen zu füttern, die ihnen zuvor nichts abgegeben hatten

Manche Fledermäuse weigerten sich sogar, andere zu füttern, die ihnen nicht geholfen hatten, als sie selbst Hunger hatten. In der Spieltheorie bezeichnet man ein solches Verhalten als "Tit for Tat": Ein Spieler, der diese Strategie anwendet, beginnt zunächst mit einem freundlichen Zug. Danach macht er jeweils den Spielzug seines Gegners nach.

Carter beobachtete außerdem, dass manche Fledermäuse einen besonders großen Anteil ihrer Blutmahlzeit hervorwürgten, wenn sie ihren Freunden schon länger nicht mehr helfen konnten, etwa weil sie selbst einen leeren Magen hatten. Die Tiere scheinen also aktiv an ihren "Freundschaften" zu arbeiten. Carter vermutet sogar, dass sie ständig den Überblick darüber haben, wer aus der Gruppe ihnen noch etwas schuldet, und an wen sie sich in der Not wenden können.

Ein derart komplexes Sozialverhalten hatte man den Vampirfledermäusen bislang nicht zugetraut. Allerdings gab es schon zuvor Hinweise, dass die Tiere mehr sind als schmarotzende Blutsauger. Seit längerem ist bekannt, dass Individuen der Art Desmodus rotundus in Gruppen zusammenleben, obwohl sie nicht miteinander verwandt sind. Weibliche Fledermäuse schließen sich wahrscheinlich zusammen, um ihre Jungen sowie sich selbst gegenseitig zu wärmen. Außerdem sind sie in der Gruppe möglicherweise sicherer vor Fressfeinden als alleine. Im Unterschied zu den meisten anderen Fledermausarten, bei denen der Nachwuchs sich nach etwa einem Monat selbst versorgt, kümmert sich der Gemeine Vampir neun Monate lang um seine Jungen.