Verhaltensbiologie Trösten beschwichtigt den Verlierer

Doch eins ist allen animalischen Trostspendern gemeinsam: Sie leben in sozial sehr komplexen Gruppen. "Für Gruppentiere", so Bugnyar, "ist es überlebenswichtig, dass alle Mitglieder miteinander auskommen." Ein unbesänftigter Verlierer kann nämlich gefährlich werden und sich etwa bei der nächstbesten Gelegenheit auf den Gewinner stürzen oder das Futter nicht mehr mit ihm teilen.

Trösten beschwichtigt den Verlierer und stellt die überlebenswichtige Gruppenharmonie wieder her. Dadurch kommt es zu weniger Kämpfen in der Gruppe, wodurch ihre Mitglieder sich seltener verletzen und weniger Energie verlieren. Und genau aus diesen Gründen dürfte es sich im Verlauf der Evolution durchgesetzt haben: Mitglieder von Gruppen, in denen getröstet wurde, hatten eine größere Chance, ihre Gene weiterzugeben.

Doch wer spendet den so wichtigen Trost? Ein Verwandter? Ein Leittier? Oder der beste Freund? Erstaunlicherweise spielt Verwandtschaft selten eine Rolle. Am häufigsten tröstet der beste Gefährte des Verlierers. Derjenige, mit dem sie am meisten Zeit verbringen, oft das Futter teilen und am häufigsten gegenseitige Körperpflege betreiben.

So greift bei den monogam lebenden Saatkrähen stets der Lebenspartner besänftigend ein. Und bei den promiskuösen Bonobos meist der Partner, der am häufigsten zur gegenseitigen Körperpflege ausgewählt wird. Insofern lässt sich auf das Trostverhalten die "Freundschafts-Hypothese" anwenden: Je besser die Bindung, desto höher die Trost-Wahrscheinlichkeit.

Daraus folgern die meisten Forscher, dass die Tiere nicht etwa deshalb Beistand leisten, weil sie sich selbst schützen wollen. Immerhin könnte es ja sein, dass sie den Unterlegenen nur beruhigen, damit der seine aufgestauten Aggressionen nicht an ihnen auslässt.

Tiere, die getröstet werden, sind weniger gestresst

Tatsächlich kommt ein solches Besänftigen des Verlierers des öfteren vor, beispielsweise in Schimpansengruppen, in denen der Haussegen schief hängt und Mitglieder zur Aggression neigen. In einer solchen Umgebung wird der Verlierer häufig von jenen aufgemuntert, die er sonst mit Vorliebe vermöbelt. Doch in den meisten Fällen scheint hinter dem tierischen Trost echtes Mitgefühl zu stehen, das aus einer engen Bindung erwächst.

Wie wirkungsvoll dieser Beistand tatsächlich ist, fragte sich die britische Anthropologin Orlaith Fraser. "Trost erfüllt ja vor allem den Zweck, dass der Getröstete hinterher weniger aggressiv und gestresst ist und zum Alltag übergehen kann."

Im Schimpansen-Gehege des nordenglischen Chester-Zoos prüfte sie, ob jene Tiere, die Zuwendung erhalten, auch weniger Stress-Symptome zeigen. Tatsächlich lausten und kratzten sich Unterlegene, die eine Schulter zum Anlehnen hatten, selbst deutlich seltener als jene, die ihre Niederlage allein verkraften mussten.

Im Lichte dieser Forschungsergebnisse wird klar, wie tiefe Wurzeln das Mitgefühl des Menschen hat. Schon der gemeinsame Vorfahr von Schimpanse und Mensch vor fünf Millionen Jahren konnte wahrscheinlich den Kummer seiner Artgenossen erspüren und lindernd eingreifen.

Auf dieser Basis brachte der Mensch es nach und nach zum unangefochtenen Meister-Tröster. Während Tiere nur ihre besten Gefährten aufrichten, stehen Menschen gelegentlich auch Wildfremden zur Seite.

"Das ist eine ganz neue Qualität des Mitgefühls", sagt Psychologin Amanda Seed. "Und evolutionär betrachtet ist es ein enormer Schritt nach vorn."