Unbekannte Natur H-Milch aus acht Zitzen

Für viele Kinder geht die Sonne im Norden auf und Hühner legen bis zu elf Eier - am Tag. Eine Umfrage unter Elf- bis Fünfzehnjährigen offenbart erhebliche Wissensmängel im Bereich Natur.

Kinder und Jugendliche haben immer weniger Ahnung von der Natur. Für viele geht die Sonne im Norden auf, Kühe geben H-Milch und brauchen dafür bis zu acht Zitzen - solche und andere schräge Ansichten unter dem Nachwuchs belegt der Jugendreport Natur 2010.

Für den Jugendreport befragte der Natursoziologe Rainer Brämer von der Universität Marburg 3000 Sechst- bis Neuntklässler im Alter von elf bis 15 Jahren in sechs Bundesländern.

Die Antworten auf die mehr als 150 Fragen zur Natur waren teilweise erschreckend: Elf Prozent der Jugendlichen verorteten den Sonnenaufgang nach Norden, zehn Prozent nach Süden und neun Prozent nach Westen. Aber immerhin: 59 Prozent wussten die richtige Antwort. Wie viele Wochen zwischen zwei Vollmondnächten liegen, wussten 40 Prozent, manche vermuteten, es seien fünf bis zehn, ein Viertel der Befragten hatte überhaupt keine Ahnung.

Und dass Hühner am Tag drei und mehr Eier legen, meinten viele der Jugendlichen, während nur ein Drittel wusste: Mehr als ein Ei schafft keine Henne. Auf die Frage, wie die Früchte der Rose heißen, blieben sogar neun von zehn Kindern die richtige Antwort "Hagebutte" schuldig. Lediglich 20 Prozent kannten die Farbe der Fichtenblüte. Besonders erstaunlich: Nur ein Fünftel der Kinder wusste, dass Milchvieh keine H-Milch gibt.

Nur sechs Prozent war klar, dass das Junge vom Hirsch mit einem Reh nur entfernt verwandt ist und Kalb heißt - weder Rehkids noch Rehkitz, aber auch nicht Hirschling oder Bambi, wie tatsächlich einige antworteten.

"Dank Hollywood geht vielen Jugendlichen 'Tyrannosaurus rex' flüssiger über die Lippen als 'Rehkitz', das auch mal schnell zum Hirschling wird", kommentierte Jochen Borchert, Präsident des Deutschen Jagdschutz-Verbandes (DJV). Der DJV gehört zusammen mit dem Landwirtschaftsverband Information-Medien-Agrar (i.m.a) und der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald zu den Initiatoren des Berichts.

"Was für viele früher selbstverständlich war, nämlich im Sommer auf dem Bauernhof zu helfen oder selbst im Garten zu arbeiten, fällt heute unter die Rubrik exotisch", sagte Bauerverbands-Präsident und i.m.a-Vorsitzender Gerd Sonnleitner.

Bedenklich erscheinen auch die Ergebnisse zum Thema Nachhaltigkeit: Immer das neueste Handy zu besitzen, hat für knapp jeden zweiten Befragten keine schädlichen Auswirkungen auf die Natur. Der immense Rohstoff- und Energiebedarf ist vielen nicht bewusst. Brämer beschreibt dies als "Bambi-Syndrom": Natur werde zur "heilen Welt", zum Erholungsraum von hohem Deko-Wert, in der man keine Pflanzen ausreißen dürfe (71 Prozent) und natürlich auch keinen Müll ablade (86 Prozent).

Nachhaltigkeit durch Hege und Pflege - also das Fällen von Bäumen und das Jagen von Rehen und Wildschweinen halten jedoch viele generell für schädlich für die Natur. "Wir müssen das immer abstrakter werdende Naturbild bei Jugendlichen umkehren. Sonst scheitern wir mit der Zukunftsaufgabe Nachhaltigkeit", bilanziert der Wissenschaftler.

Immerhin sagten rund zwei Drittel der Kinder, sie wollten gern unbekannte Landschaften entdecken. Und mehr als die Hälfte würde gern einmal "quer durch den Wald gehen". Die an der Studie beteiligten Verbände riefen dazu auf, Kinder öfter in die Natur zu führen.

Landkinder schnitten bei der Befragung übrigens nicht besser ab als Stadtkinder. Und begleitende Umfragen Marburger Studenten ließen ein mangelhaftes Wissen auch unter vielen Erwachsenen erkennen.

Schon seit Mitte der neunziger Jahre wird die Befragung in regelmäßigen Abständen gemacht. Und die Unkenntnis der Kinder und Jugendlichen ist offenbar in den letzten Jahren gewachsen. Die Kritik am Nachwuchs ist allerdings auch nicht neu. So verwies Brämer auf eine ältere Studie, die zu dem Schluss gekommen war, "dass die Klagen über den Verlust biologischen Grundwissens bei Kindern bereits eine hundertjährige Tradition haben".