Überdüngung "Stickstoff ist die zweitgrößte Umweltbelastung der Welt"

Dünger aus der Landwirtschaft ist neben Kraftwerken eine der Quellen für die Stickstoffbelastung

(Foto: dpa)

Gedüngte Felder bringen reiche Ernten - und verheeren die Umwelt mit Stickstoff. Die Überdüngung ist zu einer der größten Umweltbedrohungen der Erde ausgeufert, warnt der Biologe Manfred Niekisch. Reaktiver Stickstoff kann auch der menschlichen Gesundheit schaden.

Von natur-Autor Jan Berndorff

Frankfurt an einem Samstag im Dezember. Ein frostiger Wind weht auf dem Lohrberg im Norden der Stadt. Wo sich sommers jeden Tag Hunderte Städter erholen, spazieren heute nur wenige. Der Hügel ist eine Oase in der Finanzmetropole am Main: Gut 200 Meter hoch erhebt er sich über die Umgebung, sein Plateau wird von der Grünanlage Lohrpark geschmückt, an seinen Hängen liegen Schrebergärten, ökologisch bewirtschaftete Streuobstwiesen und der einzige Weinberg der Stadt.

Herr Niekisch, das Stadtzentrum liegt nah. Ist da auf dem Lohrberg überhaupt ökologischer Landbau möglich?

Manfred Niekisch: Natürlich besteht für Biobauern hier das gleiche Ärgernis wie sonst auch: Auf die diffusen Einträge von Schadstoffen durch die Luft haben sie keinen Einfluss. Immerhin gibt es hier in unmittelbarer Nähe keine intensive Landwirtschaft, von wo Pestizide herüber wehen könnten. Und auf dem Lohrberg sind viele Naturschützer aktiv. Insofern sind die Bedingungen relativ gut.

Auch keine Stickstoffüberfrachtung der Böden?

Jedenfalls weniger als in intensiv landwirtschaftlich genutzten Gebieten.

Zu diesem Thema haben Sie im Sachverständigenrat für Umweltfragen ein neues Gutachten veröffentlicht. Eigentlich ein alter Hut, dass wir die Umwelt durch zu viel Dünger mit Stickstoff belasten. Wozu brauchen wir ein solches Gutachten?

Manches ist vielleicht nicht neu, aber die Gesamtschau macht deutlich, dass dieses Problem bisher weit unterschätzt wurde. Das Gutachten war daher dringend notwendig. Obwohl das Problem seit zig Jahren bekannt ist, hat sich in Sachen Bewältigung fast nichts getan. Und das, obwohl zuletzt eine Studie des Stockholmer Resilience Center ganz klar dargelegt hat, dass Stickstoff die zweitgrößte Umweltbedrohung der Welt ist - nach dem Verlust der Biodiversität.

Manfred Niekisch Der Biologe Manfred Niekisch, Jahrgang 1951, ist Professor für Internationalen Naturschutz an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, Direktor des Frankfurter Zoos und Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen der deutschen Bundesregierung. Er war 17 Jahre erster Vizepräsident des Deutschen Naturschutzrings, heute gehört er dem Verwaltungsrat der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung sowie zahlreichen Beiräten und Vorständen verschiedener Organisationen an.

Noch vor dem Klimawandel?

Offensichtlich ja! Wobei die Probleme natürlich zusammenhängen. Stickstoff hat erheblichen Einfluss auf Naturschutzgebiete, Wiesen und Wälder. Die Böden und Gewässer versauern, eutrophieren - sie sind überdüngt und kippen um. Das wirkt sich auf die Artenvielfalt und das Klima aus. Nachdem wir uns als Umweltrat in den vergangenen Jahren sehr viel zum Thema Klima und Energie geäußert haben, konzentrieren wir uns in diesem Gutachten auf Biodiversität und menschliche Gesundheit.

Wie wirkt sich Stickstoff konkret auf Artenvielfalt und Gesundheit aus?

Da überlagern sich viele Faktoren - von Stickstoffoxiden in der Luft, die zur Feinstaubbelastung beitragen, bis hin zu Nährstoffen im Meer, die dort zu Überdüngung führen.

Welche weiteren Schäden gibt es?

Viele Nutzpflanzen brauchen zusätzlichen Stickstoff für ein optimales Wachstum, darum ist er ein wichtiger Bestandteil unserer Düngemittel - ob organisch oder künstlich. Wir fordern deshalb nicht, auf Dünger ganz zu verzichten. Aber wir könnten ihn weitaus effizienter einsetzen. Denn viele andere Pflanzen, die zum Beispiel nebenan auf Magerrasen wachsen, vertragen den Stickstoffüberschuss nicht oder werden von Gewächsen wie Brombeeren, Brennnesseln und Löwenzahn verdrängt. Gehen sie verloren, finden Insekten nicht mehr ausreichend Nahrung, weil nur noch die stickstofftoleranten Pflanzen blühen. Dadurch sinkt die Bestäubungsleistung für unsere Nutzpflanzen und die Zahl der Singvögel, denn beide brauchen Insekten. Auch große Vögel wie die Störche verschwinden, weil sie auf den Wiesen keine Amphibien mehr finden, die ebenfalls Insekten fressen. Oder nehmen Sie die Gelbbauchunke, über die ich promoviert habe. Dieser kleine Lurch lebt in Pfützen und braucht eher schüttere Vegetation. In überdüngten, dichten Krautwerken und Pfützen, die sofort veralgen, kommt er nicht mehr zurecht.

Aus natur 03/2015

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  • natur 03/2015

    Der Text stammt aus der März-Ausgabe von natur, dem Magazin für Natur, Umwelt und nachhaltiges Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation. Mehr aktuelle Themen aus dem Heft 03/2015 auf natur.de...

Wie steht es um größere Gewässer?

Nährstoffe gelangen von den Feldern ins Grundwasser, in die Flüsse und weiter ins Meer, wo sie zu Algenblüten führen. Die Algen entziehen dem Wasser am Grund den Sauerstoff, so dass dort kein höheres Leben mehr möglich ist. Die berühmten Todes­zonen entstehen. Wir sehen das in der Ost­see. Auf Dauer brechen ganze Ökosysteme zusammen. Das kann Auswirkungen auf unsere Nahrungsmittelversorgung haben. Wasser etwa muss aufwendig von Nitrat befreit werden, um es zu Trinkwasser aufzubereiten.

Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung beziffert die Stickstoffschäden in Europa mit ein bis vier Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. Das wären Hunderte Milliarden Euro pro Jahr.

Diese grobe Größenordnung zeigt bereits, wie immens das Problem ist.

Wir durchschreiten den kleinen Weingarten des Lohrbergs. Er ist das Überbleibsel einer jahrhundertelangen Tradition. 2003 pachtete die Bürgerinitiative "Mainäppelhaus Lohrberg" die zwei Hektar große Fläche von der Stadt. Hier geschieht noch alles in traditioneller Handarbeit. Doch jetzt im Dezember sind die Reben kahl, die Arbeit ruht. Nur in dem kleinen Hofladen und im Bistro nebenan ist Betrieb.

Welche gesundheitlichen Folgen hat Stickstoff für den Menschen?

Stickstoff als natürlicher Bestandteil unserer Atemluft schadet natürlich nicht. Aber der reaktive Stickstoff ist problematisch, also die verschiedenen Stickstoffverbindungen wie Stickstoffoxide, Nitrat, Nitrit oder Ammoniak.

Inwiefern?

Wir nehmen sie auf verschiedenen Wegen auf: Nitrat gelangt durch den Dünger in unsere Lebensmittel, Nitrite sind Salze, die wir unserer Nahrung - vor allem Fleisch - zusetzen. Und nicht zuletzt bilden sich im Magen-Darm-Trakt Nitrosamine aus Nitrit, Nitrat und Aminen, die ebenfalls im Essen stecken. Nitrit oxidiert das Eisen im Blutfarbstoff Hämoglobin. Dadurch reduziert sich dessen Transportfähigkeit für Sauerstoff im Körper. Nitrosamine haben sich bei Tierversuchen als krebserregend erwiesen. Ob das auch für Menschen gilt, ist noch fraglich. Einige Studien legen nahe, dass Nitrosamine zudem Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson und Diabetes verursachen.

Wie verhält es sich mit unserer Luft?

Stickstoffverbindungen belasten auch im Feinstaub die Luft und sie fördern die Bildung bodennahen Ozons. Das alles schadet unseren Atemwegen. Außerdem lösen Mikroben im Boden Lachgas aus dem reaktiven Stickstoff, ein hochpotentes Treibhausgas.