Trotz Super-GAUs in Fukushima Japan setzt wieder voll auf Atomkraft

Die Regierung in Tokio hängt so sehr an der Atomkraft, dass sie unbedingt zeigen will, dass selbst die Folgen einer Groß-Katastrophe wie die von Fukushima zu bewältigen sind. Dabei bekommt der Betreiber Tepco die Reaktorruinen von Fukushima 1 noch immer nicht in den Griff.

Von Christoph Neidhart

Nur wenig mehr als zwei Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima wollen vier Betreiber japanischer Atomkraftwerke im Juli die ersten Meiler wieder anfahren.

Ermutigt von Premier Shinzo Abe bereiten sie derzeit ihre Gesuche vor. Zugleich ließ der Premier die Sperrzone Futaba nördlich des im März 2011 havarierten Kraftwerks Fukushima 1 aufheben.

Die Gemeinde Futaba, in der 7000 Menschen lebten, ist damit wieder zugänglich. Abes Regierung tut alles, um den Anschein zu erwecken, die Krise nähere sich ihrer Überwindung - und Japan könne zu seiner früheren Nuklearpolitik zurückkehren.

Allerdings dürfen die Bewohner von Futaba nicht in ihren Häusern wohnen, zumeist auf Jahrzehnte nicht: Die Strahlung ist viel zu hoch. Die "Sperrung aufzuheben" bedeutet nur, dass sie in Stippvisiten von dort Sachen holen dürfen. Bislang war auch das in Futaba untersagt. Dennoch lässt Tokio das Kommunalgebäude von Futaba wieder aufbauen.

Einige weniger verstrahlte Nachbargemeinden sind aufwendig dekontaminiert worden. Die Häuser wurden mit Druckwasser abgespritzt, die oberste Erdschicht abgetragen. Die Strahlung reduzierte sich dadurch aber nur geringfügig.

Die Regierung drängt die Evakuierten dennoch, in ihre Häuser zurückzukehren, auch Familien mit Kindern. Bei Kindern, die nicht sofort evakuiert oder nach der Katastrophe in der Präfektur Fukushima blieben, auch in Dörfern, die als "sicher" eingestuft worden waren, beobachten die Ärzte inzwischen eine hohe Rate an Knötchen in der Schilddrüse.

Der russische Biologe Alexej Jablokow, ein Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Moskau, erwartet, in einem Jahr werde man die ersten Krebsfälle feststellen.

Zur Dekontaminierung von Dörfern und ganzen Gegenden sagte der Russe jüngst in Tokio, das sei gar nicht möglich. Was in Fukushima geschehe, schaffe mehr Probleme, als es löse. Das Wasser mit den radioaktiven Isotopen fließt in den Boden oder die Kanalisation, die abgetragene Erde wird in Deponien gelagert. In Tschernobyl sei man zu dem Schluss gelangt, dass man die verstrahlte Gegend auf Jahrzehnte sich selber überlassen müsse.

Doch das widerspricht dem Konzept der Regierung Abe, die unbedingt zeigen will, dass selbst die Folgen dieser Groß-Katastrophe zu bewältigen sind - mithin, dass Atomkraft beherrschbar ist. Nur so konnte Premier Abe als Handlungsreisender für die japanische Nuklearindustrie Vietnam, die Türkei oder die Vereinigten Arabischen Emirate besuchen. Auch Indien will er Meiler verkaufen.