Tierschutz Grundrechte für Menschenaffe Hiasl

Zunehmend erkennt der Mensch, wie ähnlich er seinen Verwandten, den Menschenaffen, ist. Tierschützer fordern deshalb, diesen endlich Grundrechte auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit zuzugestehen. Ein Fall spielt in Wien.

Von Karin Christmann und Kristin Haug

Als Hiasl noch ein gewöhnlicher Schimpanse war, zehn Monate alt, Bewohner des afrikanischen Dschungels, erschossen Wilderer seine Mutter. Tierhändler verschleppten ihn aus seinem Heimatland Sierra Leone. Sie brachten das Schimpansenbaby illegal nach Österreich. Dort wurde Hiasl vom Zoll beschlagnahmt, kam später in ein Wiener Tierschutzhaus.

Heute ist er 29, isst gerne Schokowaffeln und Mozartkugeln. Hiasl ist zum Symbol geworden in einem Kampf, von dem er selbst wohl nichts ahnt. Für seine Rechte sind Tierschützer vor Gericht gezogen.

Schimpansen teilen 99,4 Prozent ihrer Erbanlagen mit dem Menschen. Sie ähneln ihm zu stark, als dass er sie beherrschen dürfte, so sehen es Martin Balluch und seine Mitstreiter vom "Verein gegen Tierfabriken".

Die Tierschützer tauften den Wiener Schimpansen nach dem wissenschaftlichen Namen seiner Spezies Pan troglodytes: Matthias Pan, Spitzname Hiasl. Balluch fordert, dass Hiasl juristisch als Person anerkannt wird, dass ihm die Grundrechte auf Leben, Freiheit und körperliche Unversehrtheit von einem Gericht zuerkannt werden.

Ein erwachsener Schimpanse sei in vielerlei Hinsicht so intelligent wie ein dreijähriges Kind, sagt Judith Benz-Schwarzburg, die an der Universität Tübingen Kultur und Sprache von Menschenaffen erforscht. Zu dieser Familie gehören auch Gorillas, Orang-Utans und Bonobos, die Zwergschimpansen. Der Gewöhnliche Schimpanse aber ist dem Menschen am ähnlichsten. "Es deutet vieles darauf hin, dass Schimpansen sich ihrer eigenen Gedanken und Gefühle bewusst sind. Sie wissen, dass auch ihre Artgenossen denken und fühlen", sagt Benz-Schwarzburg.

Auch mit ihrem Sprachtalent haben Menschenaffen Forscher beeindruckt. Berühmt wurde das Gorillaweibchen Koko. Forscher der US-amerikanischen Universität Stanford brachten ihr mehr als 1000 Zeichen der Gebärdensprache bei. Koko versteht rund 2000 gesprochene Wörter. Ihr Intelligenzquotient liegt nach Angaben ihrer "Ausbilderin" Francine Patterson zwischen 70 und 90 - menschlicher Durchschnitt ist ein Wert von 100.

Hoffen auf eine gesellschaftliche Revolution

Und auch das Sozialleben von Menschenaffen hat Forscher staunen lassen. Schimpansen etwa gehen nicht nur geschickt mit Werkzeugen um, sie haben auch viele Traditionen - und damit eine Kultur. Schimpansen, die unter ähnlichen Bedingungen leben, haben trotzdem ganz unterschiedliche Techniken, Nüsse zu knacken oder Termiten zu angeln. "Eltern geben den Jungtieren Wissen weiter und zwar nicht genetisch, sondern sozial, im Gefüge der Gemeinschaft", sagt Benz-Schwarzburg.

Schimpansen kennen ihr Selbst, sie sind intelligent und sozial. Deshalb ist Tierschützer Martin Balluch überzeugt: Schimpansen sind Personen und haben Rechte. Nicht in ferner Zukunft, sondern heute - nach den Paragraphen des österreichischen Gesetzes.

Ende 2006 geriet das Wiener Tierschutzhaus, in dem Hiasl lebt, in finanzielle Schwierigkeiten. Die Zukunft des Schimpansen schien in Gefahr. Balluch wurde aktiv, zog vor Gericht, um einen Sachwalter, also einen Vormund, für Hiasl durchzusetzen. Die österreichischen Gerichte wiesen ihn ab.

Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte lehnte es in letzter Instanz ab, sich inhaltlich mit dem Fall zu beschäftigen. Hiasl kann sich nicht ausweisen und äußern, und das Gericht erkannte Balluch als Antragsteller nicht an. Solange der Schimpanse vor dem Gesetz als Sache gelte, sei niemand legitimiert, für ihn Rechte zu erstreiten.

Balluch hält das Vorgehen des Gerichtshofs für reine Taktik - doch er resigniert nicht. Der Hiasl-Prozess sei nur formaljuristisch gescheitert, nicht aber aus inhaltlichen Gründen. "Wir stehen sehr nah an einer Revolution im Denken", sagt Balluch. Er hofft auf den großen Durchbruch, eine gesellschaftspolitische Revolution im Tierrecht, einen Wandel des Zeitgeistes.