Spinnen mit Persönlichkeit Draufgänger oder Netzhocker

Die Draufgänger unter den Spinnen der Art Stegodyphus sarasinorum machen sich ans Werk.

(Foto: Virginia Settepani)

Bei Spinnen finden Wissenschaftler deutliche Unterschiede im Verhalten, die zeigen: Auch diese Tiere weisen Merkmale von Persönlichkeit auf.

Von Katrin Blawat

Der eine ist ein Erbsenzähler, der stets das Budget für jedes einzelne Projekt im Kopf hat. Der andere ist der Chaot, der sich weder um Kosten noch Zeitpläne schert, dafür viele gute Ideen hat. Von einer derartigen Mischung profitiere jede Gruppe, predigen Ratgeber zum Teammanagement unverdrossen.

Wer auf solche Bücher keine Lust hat und trotzdem etwas über Gruppendynamik lernen will, kann sich auch Spinnen als Lehrmeister nehmen.

Spinnen? Sind die nicht dafür bekannt, dass sie Artgenossen ausschließlich für den Paarungsakt dulden und sich ansonsten gegenseitig bekämpfen und aufessen?

Es gibt Ausnahmen, zum Beispiel in Indien. Dort lebt Stegodyphus sarsinorum in Kolonien, die mehrere Hundert Tiere umfassen können. Außerdem gehört zum Lebenskonzept dieser Spinnen, dass sie zwei verschiedene Arten von Netzen bauen. Eines, das Nest, dient als eine Art Wohnzimmer. Daran angeschlossen ist das Fangnetz, in dem die Beute hängen bleibt und dann von den Spinnen attackiert wird.

Doch nicht von allen. Angesichts der im Netz klebenden Beute zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Tieren. Die einen preschen unverzagt voran, die anderen halten sich lieber zurück. Entscheidend für das Verhalten der Spinne ist: ihre Persönlichkeit. Die Tiere zeigen nämlich deutliche Charakterunterschiede, haben Biologen um Lena Grinsted von der Universität Aarhus in Dänemark ermittelt (Proceedings of the Royal Society B, online).

Manche der Spinnen gehören eindeutig zu den Unerschrockenen. Sie waren in den Versuchen stets die Ersten, die sich auf die Beute stürzen wollten. Allerdings simulierten die Forscher deren Anwesenheit bloß durch künstlich erzeugte Vibrationen. Dies ließ während der zehn Tage, über die sich die Versuche erstreckten, stets die selben Tiere als Erste aktiv werden. Zugleich konnten die Forscher mit der Zeit ausgemachte Hasenfüße unter ihren Probanden erkennen, die sich immer zaghaft zurückhielten.

Genetik spielt offenbar keine Rolle

Ist es nicht etwas gewagt, verschiedene Persönlichkeitstypen bei Spinnen ausmachen zu wollen? Wer Letzteres behauptet, wird durch einen Blick in die wissenschaftliche Literatur eines Besseren belehrt. Zum Beispiel haben auch Biologen der Uni Hamburg Persönlichkeitsunterschiede bei Spinnen ausgemacht. Und sogar Blattläuse lassen eine Art individuellen Charakter erkennen, hat die Verhaltensforscherin Wiebke Schütt gezeigt.

Grinsted und ihre Kollegen überprüften die verschiedenen Persönlichkeiten ihrer Spinnen zudem in einem weiteren Versuch. Dazu setzten sie die Tiere sanften Luftstößen aus einer Art winzigem Blasebalg aus. Das sollte einen sich in der Luft nähernden Räuber imitieren. Auf eine solche Bedrohung reagieren viele Spinnen, indem sie sozusagen einfrieren in ihren Bewegungen.

Wie lange diese Starre dauerte, diente den Forschern als Maß für die Unerschrockenheit. Forsche Spinnen berappelten sich nach nur wenigen Sekunden wieder, die zaghaften warf der Schreck länger aus der Bahn. Wer sich in diesem Test als Hasenfuß zu erkennen gab, der zeigte auch in den anderen Versuchen wenig Neigung, sich als Erster auf die simulierte Beute zu stürzen - und umgekehrt.

Wie sich die verschiedenen Charaktertypen herausbilden, ist noch unklar. Die Genetik jedenfalls scheint kaum eine Rolle zu spielen, da die einzelnen Mitglieder einer Kolonie eng miteinander verwandt sind und sich genetisch nur wenig unterscheiden. Unabhängig von der Entstehung aber, so vermuten die Forscher, komme es der gesamten Kolonie zugute, wenn sie sich aus unterschiedlichen Persönlichkeitstypen zusammensetzt. Ein Gruppe ausschließlich unerschrockener Tiere schlage sich wohl ebenso schlecht wie ein Haufen Angsthasen.