Seen unter Eis Wett-Bohren in der Antarktis

Russen, Briten und Amerikaner wollen zu unberührten Seen tief unter dem antarktischen Eispanzer vordringen - in ein noch vollkommen unbekanntes Universum.

Von Ute Kehse

Die Rivalen tun alles, um die Konkurrenz herunterzuspielen. "Es gibt kein Wettrennen", sagt John Woodward von der Northumbria University in Newcastle. Der britische Polarforscher bereitet zurzeit zusammen mit Kollegen den ersten Vorstoß in ein aufregendes und noch vollkommen unbekanntes Universum vor: einen See unter dem kilometerdicken Eispanzer der Antarktis.

Auch Forscher aus Russland und den USA arbeiten an ähnlichen Projekten. Doch von Konkurrenzkampf keine Spur, die Teams beschwören die Vielseitigkeit der drei Bohrungen: "Es ist, als würde man in den Everglades, in den Rocky Mountains und in Nordkanada fischen gehen", sagte etwa die amerikanische Polarforscherin Robin Bell von der Columbia University in New York kürzlich in der Zeitschrift Nature.

"Die drei Seen sind so unterschiedlich, dass sich nur durch alle drei zusammen ein vollständiges Bild vom Leben unter dem antarktischen Eisschild ergeben wird", bestätigt der russische Mikrobiologe Sergej Bulat von der Universität Joseph Fourier in Grenoble. Zudem komme es darauf an, die unberührten Ökosysteme nicht zu verschmutzen, betont John Woodward: "Dabei darf es keine Hektik geben."

Doch gleichzeitig kann es keins der drei Teams erwarten, zum subglazialen Wasser vorzudringen. "Die Exploration kann nun mit voller Kraft losgehen", sagt Andy Smith vom britischen Antarktischen Dienst, nachdem ein Team um Woodward die optimale Stelle für die britische Bohrung ausgesucht hat.

Auch US-Forscherin Robin Bell fiebert dem Erfolg entgegen: "In den nächsten Jahren werden wir ein riesiges Ökosystem erforschen, das noch nie untersucht wurde. Das ist eine wahnsinnig aufregende Sache." Und für die Russen ist der Vorstoß in die geheimnisvolle Unterwelt ohnehin ein nationales Prestigeprojekt, dem sie ähnliche Bedeutung zumessen wie den Mondflügen in den 1960er Jahren.

Auf den ersten Blick hat das russische Team dieses Mal die besten Chancen. Nur etwa hundert Meter trennt die russische Bohrung am Wostoksee derzeit noch vom Wasser. "In der letzten Saison sind wir um 50 Meter bis auf 3650 Meter Tiefe vorgestoßen, das war ein großer Fortschritt", sagt Sergej Bulat.

In der kommenden Sommersaison, im Februar 2011, soll der See endlich angebohrt werden. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt allerdings, dass die Russen seit Jahren nicht vorankommen. Schon 1992 senkten Forscher an der Wostok-Station in der Ostantarktis eine Tiefbohrung in das fast 4000 Meter dicke Eis ab, um Eiskerne für die Klimaforschung zu gewinnen.

Etwa gleichzeitig wurde klar, dass sich darunter ein riesiges Gewässer befindet: der 280 Kilometer lange, bis zu 80 Kilometer breite und maximal 800 Meter tiefe Wostoksee.

1998 wurde die Bohrung etwa 120 Meter über dem Dach des Sees gestoppt. Der Bohrer hatte inzwischen Eis erreicht, das aus gefrorenem Seewasser bestand. 2004 verkündete Valery Lukin, der Leiter des russischen Teams, man wolle nun in den See vorstoßen.

Bohrung im Schneckentempo

Doch technische Probleme verzögerten den Plan. Die Bohrung kam nur noch im Schneckentempo voran, weil das relativ warme Eis über dem See den Kernbohrer immer wieder verklebte. 2006 brach der Bohrer ab, und 2008 riss auch noch das Stahlseil, an dem das Bohrgerät hing. "Nun haben wir ein neues Bohrloch und ein neues Kabel. Die technischen Probleme sind vollständig behoben", sagt Bulat.

Ein Schmelzbohrer soll die letzten Meter über dem See durchdringen. Direkten Kontakt zwischen Bohrer oder Messgeräten und See soll es nicht geben: Kurz vor dem Durchbruch wird der Bohrer zurückgezogen und der Druck im Loch gesenkt. Seewasser schießt dann etwa hundert Meter hoch hinein.

Ein Jahr später, wenn es gefroren ist, will das russische Team dann Proben aus dem frischen See-Eis nehmen. Zudem wird Silikonöl den verwendeten Kerosin-Mix als Bohrflüssigkeit ersetzen, damit der See nicht mit organischen Stoffen kontaminiert wird.

"In meinen Augen ist es so relativ sicher, dass nichts in den See hineinläuft", sagt Christoph Mayer, Geophysiker bei der Kommission für Glaziologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Allerdings bezweifelt er, dass den Russen der Triumph tatsächlich in der nächsten Saison gelingt.

"Mit ihrem Kernbohrer haben sie in den letzten Jahren immer nur 15 oder 20 Meter pro Jahr geschafft. Alles hängt davon ab, ob der Schmelzbohrer rechtzeitig fertig wird."