Psychologie Spannt den Lügnern das Publikum aus!

Fake News im Netz ARCHIV - ILLUSTRATION - Ein Mauszeiger ist am 01.12.2016 auf einem Computermonitor auf einem Button zu sehen, mit dem man eine gefälschte Nachricht melden kann. (zu dpa vom 10.02.2017: ´Fake News": Auf der Suche nach dem Gegengift) Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

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Sogar eine offensichtliche Lüge ist eine wirksame Waffe. Wer sie widerlegt, verbreitet sie weiter. Dennoch kann man Falschmeldungen wirksam begegnen.

Kommentar von Sebastian Herrmann

Es hat einmal eine Zeit gegeben, in der sich mehr Amerikaner vor Bananen als vor ihrem Präsidenten gefürchtet haben. Die E-Mails klangen aber auch beängstigend. Wer kürzlich Bananen gegessen habe, hieß es, solle bei den geringsten Anzeichen von Unwohlsein einen Arzt aufsuchen. Es seien mit Bakterien verseuchte Früchte in den Handel geraten, die Gewebe großflächig absterben lassen könnten. Ein dreistes Märchen, natürlich. Doch der Vorgang aus dem Jahr 2000 liefert in einer Zeit, in der US-Präsident Donald Trump die Mauer zwischen Wahrheit und Lüge einreißt und die Demokratie dafür bezahlen lässt, wertvolle Anhaltspunkte: dafür, was im Umgang mit Unwahrheiten, Fake News und sogenannten alternativen Fakten dringend zu vermeiden ist.

Die Behörden begingen bei den Bananen-E-Mails einen fatalen Fehler: Sie wiederholten die Räuberpistole. Auf diese Weise verschafften sie ihr ein größeres Publikum. Nur dadurch konnte die Geschichte damals aus dem Ruder laufen. Klar, als sich immer mehr Menschen ängstigten, war die Seuchenschutzbehörde CDC gezwungen, auf das Gerücht zu reagieren. So wie seriöse Medien gegenwärtig verpflichtet sind, Fake News zu korrigieren und für die Wahrheit zu streiten. Doch sie müssen vermeiden, eine Lüge zu wiederholen. Als die CDC ein Statement zur Bananen-Angst veröffentlichte, schilderte sie darin das Gerücht und wies es als falsch zurück.

Das reicht nicht. Das befeuert eine Lüge und kann ein Gerücht zu einer Gefahr anwachsen lassen. Die CDC verbreitete die Angst, die aus der Welt geschafft werden sollte, Zeitungen berichteten nun, die Zahl der Verängstigten vervielfachte sich. Jetzt hieß es: Sogar die seriöse CDC äußere sich zu den E-Mails, dann müsse ja etwas daran sein. Genau das muss vermieden werden.

Immun gegen Unsinn

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Der Kontext einer Nachricht und ihr exakter Inhalt verblassen schnell. Zurück bleibt ein diffuses Gefühl, etwas schon mal gehört oder gelesen zu haben. Fühlt sich eine Aussage aber vertraut an, erzeugt alleine das eine Illusion von Wahrheit - unabhängig von ihrem Inhalt. Es kostet geringere geistige Mühe, eine bekannte Information zu verarbeiten. Je weniger Anstrengung nötig ist, desto leichter akzeptieren Menschen eine Aussage als zutreffend. Der US-Comedian Stephen Colbert hat dieses Gefühl einmal treffend als "Truthiness" bezeichnet - in etwa: Wahrheitlichkeit. Fake News zu wiederholen ist daher Gift.

Lügen müssen natürlich als Lügen benannt werden. Nur ist die Arbeit damit nicht erledigt. Selbst diskreditierte Informationen wirken auf das Denken. Deshalb ist auch die offensichtliche Lüge eine wirksame Waffe. Psychologen haben diesem Phänomen den sperrigen Namen "Belief Perserverance" gegeben. In einem Versuch zu diesem Effekt schilderten Wissenschaftler Probanden einen Brand. Dieser sei ausgebrochen, weil entzündliche Lacke Feuer gefangen hätten. Dann widerriefen sie die Aussage, ohne aber eine neue Ursache zu benennen. Fragten sie ihre Probanden später, warum der Brand ausgebrochen war, antworteten diese mit deprimierender Verlässlichkeit: wegen der entzündlichen Lacke. Dabei wussten doch alle, dass das nicht stimmte.

Lücken im Geist füllen

Die Korrektur von Fehlinformationen hinterlässt immer eine Lücke im Geist. Diese muss mit neuen Information überschrieben werden, andernfalls bleibt die Lüge haften. Um die widerrufene Begründung zu löschen, hätten die Psychologen eine neue Ursache für den Brand liefern müssen. Ohne neues Narrativ bleibt auch die Korrektur von Fake News wirkungslos - so wie etwa der Verdacht an einem Angeklagten haften bleibt, der vor Gericht freigesprochen wird, ohne dass der wahre Täter identifiziert wurde.

Die Berichterstattung über Lügen und Gerüchte sollte deshalb die strategischen Interessen hinter diesen Behauptungen beleuchten. Sie sollte Motive der Trolle erklären und, wo möglich, tatsächliche Zusammenhänge beschreiben. Das ist schwer, sehr schwer, weil auch hier gilt: Eine simple Behauptung ist für das Gehirn attraktiver und fühlt sich eher wahr an als deren komplexe Korrektur.

Lügner verfügen über die effektiveren Waffen. Sie können Behauptungen in den Raum schleudern, ihre Gegner vor sich hertreiben und Anker in den Köpfen ihrer Zuhörer auswerfen. Welcher Gedanke etwa blitzt als erster auf, wenn der Name Bowling Green genannt wird? Dass der Ort in Kentucky das National Corvette Museum beherbergt? Dass der Horrorfilm-Regisseur John Carpenter aus der Stadt stammt? Nein, natürlich das Massaker, das dort nie stattgefunden hat, aber von Trump-Beraterin Kellyanne Conway als alternativer Fakt in die Welt geblasen wurde. Was einem als Erstes zu einem Thema in den Sinn kommt, wird in der Regel als richtig oder wenigstens wahrscheinlich empfunden.

Eine zuverlässige Therapie gegen die Verbreitung von Lügen und Fake News können Psychologen nicht anbieten. Etwas Hoffnung immerhin spenden die Reaktionen, als Trump kürzlich von einem schrecklichen Vorfall in Schweden orakelte, der nie stattgefunden hatte. Die Schweden wiesen diese Lüge nicht nur zurück, sondern fluteten das Internet mit Geschichten darüber, was an besagtem Tag tatsächlich passiert war: Die Polizei habe in Stockholm einen alkoholisierten Autofahrer verfolgt; ein 87-jähriger Singer-Songwriter namens Owe Thörnqvist habe mit technischen Problemen auf der Bühne bei einem großen Musikfestival zu kämpfen gehabt; in Lappland hätten die Behörden eine Straße wegen Lawinengefahr gesperrt und so weiter. Sie wiederholten die Lüge so selten wie möglich und boten stattdessen eigene Geschichten an.

Aus psychologischer Sicht ist die Reaktion aus Skandinavien ein gelungenes Beispiel im Wettstreit um die Wahrheit mit einem fabulierenden US-Präsidenten. So sollte es funktionieren: Statt nur den Lügen der Populisten hinterherzuputzen und ihre Behauptungen zu überprüfen, müssen diesen Kräften eine eigene Vision, ein eigenes Versprechen und eine eigene inspirierende Idee entgegengesetzt werden. Lügen sind nicht aus der Welt zu schaffen. Es geht daher darum, den Lügnern das Publikum auszuspannen.

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