Natural History Museum London Mit Gebrüll und Federkleid

Das Skelett eines gigantischen blauen wals ist im Natural History Museum in London zu sehen.

(Foto: Hannah McKay/Reuters)

Der Begriff Dinosaurier wurde von einem Briten geprägt. Kein Wunder also, dass das Natural History Museum bei der Darstellung die Nase vorn hat.

Von Alexander Menden

Jeder Londoner mit Kindern im Grundschulalter kennt das Natural History Museum wie seine Westentasche. Das kathedralenhafte, neuromanische Riesengebäude an der Exhibition Road ist für Eltern, selbst wenn sie sonst nie ein Museum betreten, Pflichtprogramm an regnerischen Wochenenden. Und obwohl es hier unendlich viel zu sehen gibt, übt die Dinosaurierausstellung die größte Anziehung auf Kinder wie Erwachsene aus. Das hat Tradition, denn man kann ohne Übertreibung sagen, dass hier, in South Kensington, die Begeisterung für Dinosaurier ihren Ausgang nahm.

Hervorgegangen aus der naturhistorischen Sammlung des British Museum, wurde das Haus Mitte des 19. Jahrhunderts als eigenständiges Institut etabliert. Der Umzug an die Exhibition Road wurde Anfang der 1860er-Jahre beschlossen und war 1883 vollendet. Die treibende Kraft dahinter war Richard Owen, der heute, nach seinem Intimfeind Charles Darwin, als bedeutendster britischer Naturforscher der viktorianischen Ära gilt. Neben Gideon Mantell, einem weiteren Rivalen (Owen war ein schwieriger Charakter), war er einer der Mitbegründer der Paläontologie und prägte auch den Begriff "Dinosaurier".

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Schon 1954 hatte er mit dem Bildhauer Benjamin Waterhouse Hawkins die ersten Saurier-Modelle geschaffen. Anatomisch waren sie völlig verunglückt, vor allem der berühmte Iguanodon, der auf allen vieren lief, und dessen verknöcherten Daumen Owen zum Nasenhorn umwidmete. Aber diese Modelle waren der erste Schritt auf dem Weg zur virtuellen und animatronischen Wiederbelebung der "Schrecklichen Echsen".

Heute bietet das Natural History Museum, das wie alle großen Londoner Museen freien Eintritt gewährt, einen sehr umfassenden Überblick über Geologie und Biologie der Erde. Eine der Hauptattraktionen der "Earth Galleries" ist ein nachgebauter japanischer Supermarkt, in Wahrheit ein Erdbebensimulator: Besucher können hier erleben, wie es ist, wenn Tokio von Erdstößen erschüttert wird. Im Darwin Centre werden Abermillionen von Exemplaren aller lebenden Spezies gesammelt. Die ersten hat Darwin selbst gesammelt, und sie wurden von ihm per Hand beschriftet; eins der spektakulärsten ist ein mehr als achteinhalb Meter langer Riesenkalmar, der den Spitznamen Archie trägt. Beeindruckend ist auch die gigantische Baumscheibe aus dem Stamm einer 1300 Jahre alten Sequoia, die 1893 gefällt und in die Eingangshalle gestellt wurde.

Dort stand bis zum vergangenen Jahr auch ein weiterer Publikumsliebling, die "Dippy" genannte Gipskopie eines Diplodocus-Skeletts. Sie wurde durch ein nicht weniger beeindruckendes, von der Decke hängendes Blauwalskelett ersetzt.

Neben einem Iguanodon-Skelett finden sich Schädel und Schwanzkeule anderer Saurier

Doch die Dinosaurierfans kommen noch immer auf ihre Kosten. Eine große Galerie im Westflügel des Erdgeschosses ist für die Stars des Museums reserviert. Es ist eine gelungene Mischung aus Fossilien, animatronischen Nachbildungen und paläontologischen Erklärungen, die eine gute Balance zwischen Unterhaltung und Information halten. Iguanodon ist als - korrekt zusammengesetztes - Skelett zu sehen, ebenso wie Baryonyx, ein großer Fleischfresser, der wohl auf Fischfang spezialisiert war, der Schädel eines Triceratops und die Schwanzkeule eines Euoplocephalus.

Zwei animierte Deinonychus-Modelle hatten früher schuppige Haut, sind aber mittlerweile auf den aktuellen Stand der Forschung gebracht und mit einem Federkleid ausgestattet worden. Der Höhepunkt jedes Museumsbesuchs ist allerdings der T. rex, dessen Gebrüll und Zähnefletschen schon seit 17 Jahren besonders den Kindern wohlige Schauer über den Rücken jagt. Mit vier Metern Höhe und sieben Metern Länge ist er zwar nur etwa zwei Drittel so groß wie ein echtes, ausgewachsenes Tiers. Aber im Halbdunkel der Galerie wirkt er, wenn er sein Maul aufreißt, auch so bedrohlich genug.

Weitere Informationen: www.nhm.ac.uk