Mord im Krankenhaus "Die Täter glauben zu wissen, was das Beste ist"

Die Psyche mordender Pflegekräfte: Der Arzt Karl Beine geht seit 20 Jahren der Frage nach, warum Menschen Hilfsbedürftige töten.

Interview Berit Uhlmann

Karl Beine ist Chefarzt an der Klinik für Psychiatrie am Sankt-Marien-Hospital in Hamm und Lehrstuhlinhaber an der Universität Witten/Herdecke. Seit 20 Jahren geht er der Frage nach, warum Menschen Hilfsbedürftige töten. Die Antworten hat er nun in seinem Buch "Krankentötungen in Kliniken und Heimen. Aufdecken und Verhindern" (Lambertus Verlag) veröffentlicht. Dafür hat er alle seit 1970 bekanntgewordenen Tötungsserien untersucht.

SZ: Seit 1970 sind nach Ihrer Kenntnis weltweit 35 Tötungsserien bekanntgeworden. Wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer?

Beine: Allgemein gilt, dass die Zahl unentdeckter Verbrechen zwei- bis dreimal so hoch wie die der aufgedeckten Fälle ist. Bei den Krankentötungen liegt die Dunkelziffer mindestens in diesem Bereich, wahrscheinlich sogar darüber.

SZ: Weshalb sollte das so sein?

Beine: Zunächst sind diese Fälle nicht leicht aufzuklären. Die Pfleger töten in der Regel durch Medikamente. Das sieht nicht aus wie ein Verbrechen, sondern wie eine pflegerische Routinehandlung. Außerdem erwartet man solche Taten nicht an einem Ort, der für Schutz- und Hilfsbedürftige geschaffen wurde.

SZ: Wie kommt es dennoch dazu, dass Pfleger ihnen anvertraute Menschen töten?

Beine: Dafür ist in erster Linie eine bestimmte psychische Konstellation der Täter verantwortlich. Ihnen - es sind meist Männer - fehlt es zunächst einmal an Selbstsicherheit. Vieles deutet darauf hin, dass mangelndes Selbstwertgefühl auch das Motiv für ihre Berufswahl war. Helfen und Heilen sind hochangesehen. Die Täter hoffen, durch ihre Tätigkeit die Wertschätzung zu erfahren, die ihre Unsicherheit kompensieren könnte.

Doch wenn der Erfolg ausbleibt, weil alte und todkranke Menschen eben oft nicht gerettet werden können, weil auch die Gesellschaft die Pflege immer mehr als Belastung und Kostenfaktor sieht, dann kommt die alte Selbstunsicherheit zurück.

Die eigene Unzufriedenheit, das eigene Leiden an der beruflichen Situation wird auf die Patienten projiziert. Fachleute sprechen von projektiver Identifikation, ich nenne es verschobenes Selbstmitleid. Die Grenzen zwischen den Patienten und Pflegern verwischen. Die Täter glauben irgendwann genau zu wissen, was das Beste für die vermeintlich Leidenden ist: der Tod, der sie erlöst.

SZ: Wie kommt es dann zur Wiederholung der Tat?

Beine: Nach der ersten Tat sinkt die Hemmschwelle. Die gefühlte Entlastung ist nur kurz und das Missempfinden der Täter nimmt zu. In ihren Augen werden das Leiden der Patienten und die eigene Berufstätigkeit zunehmend sinnloser. Und so töten sie weiter gegen das Leiden: das eigene und das fremde.

SZ: Spielt die Situation in Heimen und Kliniken eine Rolle? Vielerorts fehlt es an Personal. Die Pflegekräfte sind oft überfordert.

Beine: Sicher, aber objektiv gesehen war die Arbeitsbelastung der Täter nicht größer als in anderen Einrichtungen, zum Teil sogar geringer. Ich halte die Arbeitsbedingungen nicht für die Ursache der Taten. Wohl aber ein individuelles Gefühl von Überforderung. Ein Täter brachte es auf den Punkt: "Ich war überfordert, weil ich auf Unzufriedenheit stieß. Außerdem war die Pflege aufwendig und ich kam an meine Grenzen. Es überforderte mich und ich sah keinen Ausweg."

SZ: Erschreckend an Ihrer Untersuchung ist, dass die Täter schon lange vor ihrer Festnahme Spitznamen wie "Todesengel" oder "Vollstrecker" trugen. Gab es da eine stillschweigende Duldung von Seiten der Kollegen?

Beine: Ja. Die Reaktionen der Kollegen reichten von mangelnder Aufmerksamkeit bis hin zu verdeckten Handlungsanweisungen. So sagte ein Kollege zu einer der späteren Täterinnen: "Geh du mal zu dem Patienten, vielleicht stirbt er dann eher." Die Täter ihrerseits verbargen ihre Haltung kaum. Sie verwendeten häufig rohe Ausdrücke wie "krepieren" und drohten Patienten mit dem Tod. Ihre Taten hätten von den anderen Mitarbeitern schon eher bemerkt werden können.

SZ: Unserer Gesellschaft fällt ganz allgemein eher schwer, sich mit dem Alter und dem Tod auseinanderzusetzen. Trägt diese Haltung zur Ignoranz in den Einrichtungen bei?

Beine: Wenn Kollegen bei verdächtigen Handlungen wegschauen, ist dies eine Extremvariante dessen, was wir auch in der Gesellschaft erleben. Bestenfalls interessiert uns der Tod nicht. Die meisten Menschen sagen, sie wollen einmal zu Hause sterben. Tatsächlich aber verbringen viele von ihnen ihre letzten Stunden in Heimen und Kliniken. Wir wollen den Tod nicht sehen, sondern delegieren ihn an Institutionen - und heucheln dann Erstaunen, wenn Menschen dort vernachlässigt oder getötet werden.

SZ: Bestenfalls interessiert uns der Tod nicht, und schlimmstenfalls?

Beine: Schlimmstenfalls meinen wir bestimmen zu dürfen, was lebenswert ist und was nicht. Die Pfleger, die Patienten töteten, haben sich ja häufig gar nicht mit der Sicht der Patienten auseinandergesetzt. Oft brachten sie Patienten schon kurze Zeit nach der Einlieferung um. Sie kannten sie also gar nicht, meinten aber zu wissen, was für sie das Beste sei. In der Diskussion um die aktive Sterbehilfe sehe ich ähnliche Muster. Wir führen diese Debatte aus Sicht der Gesunden und Jungen. Was die Menschen empfinden, die an der Schwelle zum Tod stehen, wissen wir gar nicht. Wollen sie im Ernstfall wirklich, dass ihnen die Entscheidung über den eigenen Tod aus der Hand genommen wird?

SZ: Wie kann man Krankentötungen in Zukunft verhindern?

Beine: Ein Teil dieser Taten kann vermieden werden, wenn Frühwarnzeichen beachtet werden. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Anwesenheit bestimmter Pfleger und häufigeren Todesfällen? Herrscht eine rohe Sprache in der Einrichtung? Häufen sich Beschwerden von Angehörigen? Auch eine gründliche Medikamentenkontrolle kann vorbeugen, ebenso wie die Möglichkeit, verdächtige Vorkommnisse anonym zu melden.

Karl H. Beine

Krankentötungen in Kliniken und Heimen

Aufdecken und Verhindern

Lambertus Verlag, Freiburg

ISBN 978-3-7841-1973-1

Kartoniert/Broschiert, 400 Seiten

29,90 € (D)