Meeresökologie Unterwasserkrach löst Schockstarre aus

Eine Quelle für den Wasserkrach: der Bau von Offshore-Windparks

(Foto: dpa)

Lärm von Booten, Bohrinseln und Windparks beeinträchtigt Meeresbewohner viel stärker als gedacht.

Von Christian Endt

Meeresbewohner leiden auf vielfältige Art und Weise unter vom Menschen erzeugten Lärm. Das zeigen zwei aktuelle Studien. Die Schallbelastung stört nicht nur einzelne Arten, sondern kann ganze Ökosysteme durcheinanderbringen. Quellen von menschlich verursachtem Unterwasserlärm sind unter anderem Schifffahrt, Ölindustrie und der Bau von Offshore-Windkraftanlagen.

Der von Motorbooten erzeugte Lärm führt dazu, dass kleine Fische deutlich häufiger von Raubfischen gefressen werden. Das berichten britische, kanadische und australische Forscher um den Meeresbiologen Stephen Simpson von der Universität Exeter in Nature Communications. Der Krach vorbeifahrender Boote versetzt die Beutetiere demnach in eine Art Schockstarre, und sie versuchen gar nicht erst, näher kommenden Räubern davonzuschwimmen.

Für ihre Studie setzten Simpson und Kollegen Ambon-Demoisellen (Pomacentrus amboinensis) als Beute- und Braune Zwergbärsche (Pseudochromis fuscus) als Raubfische am australischen Great Barrier Reef aus. In der Region sind etwa 100 000 Boote für Freizeit und Tourismus registriert. Wenn keine Motorboote in der Nähe waren, überlebten 79 Prozent der Beutefische die ersten 72 Stunden. Von den mit Motorlärm beschallten Fischen waren nach drei Tagen nur noch 27 Prozent am Leben. Die Forscher beobachteten, dass die Lärmbelastung das Fluchtverhalten der Fische deutlich herabsetzte. Während sie dem Krach ausgesetzt waren, verbrauchten die Fische außerdem etwa ein Drittel mehr Sauerstoff. "Bei unserem Versuch verschaffte der Bootslärm dem Räuber einen Vorteil", schreiben die Forscher. Je nach Hörvermögen und Lärmempfindlichkeit der beteiligten Arten könne es aber auch andersherum sein. In beiden Fällen gerät die Nahrungskette durcheinander.

Wenn ein Motorboot vorbeifährt, fallen Fische in eine Schockstarre und werden zur leichten Beute

Eine zweite Studie in der Fachzeitschrift Scientific Reports untersucht die Auswirkungen von Unterwasserlärm auf Tiere, die den Meeresgrund bevölkern. Ein Team der Universität Southampton um den Meeresökologen Martin Solan setzte Muscheln, Hummer und Schlangensterne in Aquarien und beschallte sie je sieben Tage mit künstlich erzeugten Geräuschen. Die Kaiserhummer (Nephrops norvegicus) bewegten sich bei Lärm deutlich weniger als ohne Beschallung und gruben den sandigen Boden weniger um. Auch die Japanischen Teppichmuscheln (Ruditapes philippinarum) wurden passiv und verschlossen ihre Klappen. Bei den Schlangensternen (Amphiura filiformis) stellten die Forscher dagegen keine signifikante Verhaltensänderung fest. Bei allen drei Arten gab es erhebliche Abweichungen in der Reaktion einzelner Individuen.

"Die gezeigten Schwankungen bieten auch eine Chance", schreiben die Wissenschaftler: Die Belastung hänge offenbar nicht nur vom Lärm selbst, sondern auch von der jeweiligen Situation ab. "Die ökologischen Auswirkungen lassen sich minimieren, wenn bestimmte Vorgaben beachtet werden."

Die untersuchten Arten spielen für das Ökosystem am Meeresgrund eine wichtige Rolle. Sie lockern den Boden auf und sorgen so für einen Austausch von Sauerstoff, Kohlenstoff und Nährstoffen. Wenn die Tiere dieser Funktion nicht mehr nachkommen, verdichtet sich der Grund, der Sauerstoffgehalt nimmt ab. "Es wurde viel darüber diskutiert, wie Wale, Delfine und Fische von Geräuschen gestört werden", sagt Tim Leighton, einer der Autoren. "Bodentiere wurden lange ignoriert, dabei sind sie ausschlaggebend für gesunde Ozeane." Und im Gegensatz zu den Großtieren könnten sie vor dem Lärm nicht fliehen, so Leighton.