Medizin des Schreckens Operiert bei vollem Bewusstsein

Es ist eine Horrorvorstellung, aber real: Trotz aller Bemühungen von Anästhesisten werden immer wieder Patienten während der Narkose wach.

Von Werner Bartens

Der Eingriff verlief erfolgreich - zumindest aus Sicht der Ärzte. Wie der Patient die Operation verkraftete, ist nicht genau überliefert. Der 20-jährige schwindsüchtige Buchdrucker Gilbert Abbott gilt als der erste Kranke, der eine Vollnarkose bekam. Am 16. Oktober 1846 ließ ihn der Zahnarzt William Morton im Massachusetts General Hospital zu Boston Äther inhalieren - und Abbott verfiel in einen Dämmerschlaf.

Der Chefarzt der Chirurgie, John Collins Warren, nahm den Eingriff selbst vor und entfernte dem Patienten vor Publikum im Hörsaal eine Zyste am Hals. Gegen Ende der fünfminütigen Operation regte sich Abbott jedoch und gab unklare Laute von sich. Anschließend berichtete er, dass er während des Eingriffs zwar schmerzfrei war, aber Geräusche und "undeutlich das Schaben eines Messers gehört" habe.

Seit ihren Anfängen kämpft die Anästhesie damit, dass Patienten während der Betäubung wach werden und sich noch lange danach an grausige Details erinnern können. Dies ist keineswegs nur ein Problem aus den Pioniertagen der Disziplin, als die Narkosetiefe oft Glückssache war und manche Patienten Qualen litten, weil sie zu wenig Betäubungsmittel erhielten, während andere zu viel bekamen und nie wieder das Bewusstsein erlangten.

Auch heute noch werden jährlich bis zu 16.000 Patienten in Deutschland während einer Vollnarkose wach, für kurze Phasen oder auch über einen längeren Zeitraum. Im Extremfall erleben sie die ganze Operation bei vollem Bewusstsein mit - ohne sich bewegen, reden oder anderweitig äußern zu können.

"Das ist eine der schlimmsten Befürchtungen von Patienten und trifft eine Urangst", sagt Martin Sack, Oberarzt für Psychosomatik an der TU München und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychotraumatologie. "Das möchte man auf keinen Fall erleben." Mit dem Anästhesisten Gerhard Schneider hat Sack ein Buch über unerwünschte intraoperative Wachheit geschrieben - darin geht es um Wahrnehmungen während der Anästhesie und mögliche Folgen wacher Phasen auf die Psyche, die eine traumatherapeutische Behandlung erforderlich machen können.

Bekannt ist das Problem Ärzten schon lange. In den 1970er und 1980er Jahren nahmen Anästhesisten an, dass ein Prozent der Patienten während eines chirurgischen Eingriffs während der Narkose wache Momente hatte. Bezogen auf jährlich ungefähr acht Millionen Operationen mit Vollnarkose allein in Deutschland würde dies bedeuten, dass bis zu 80.000 Patienten während der Betäubung nicht durchgängig in den wahrnehmungslosen Dämmerschlaf verfielen, der ihnen Schmerzfreiheit garantieren sollte.

Jährlich 500 Menschen sind nach einer OP traumatisiert

Mittlerweile haben aktuelle Studien aus Skandinavien, Australien und den USA gezeigt, dass wohl "nur" 0,1 bis 0,2 Prozent der Patienten die von Medizinern als Awareness bezeichneten Wachphänomene erleben. Beständig wurden Narkosemittel verbessert und Dosierungen verfeinert. Anästhesisten wissen um das Risiko zu leichter Narkosen und bestimmter Betäubungsmittel.

Doch für den Narkosearzt ist es nicht leicht, Phasen der Wachheit während der Operation zu erkennen. Der Patient bewegt womöglich die Zehen ein wenig, die Narkose ist dann etwas flacher und der Anästhesist dosiert das Betäubungsmittel nach. Doch was bekommt der Patient gerade mit? Es wird Ärzten empfohlen, die Narkosegaskonzentration und das EEG eng zu überwachen, um zu verhindern, dass die Betäubten etwas spüren. Eine allgemein anerkannte Maßeinheit für die Tiefe der Narkose oder gar Normwerte existieren jedoch nicht. Blutdruck, Herzfrequenz und Schwitzen zeigen nur ungenau an, ob Patienten keine Schmerzen empfinden, ihre Muskeln nicht mehr angespannt sind und wie hoch der Grad ihres Bewusstseinsverlusts gerade ist.

Kinder scheinen doppelt so häufig wie Erwachsene von wachen Phasen während der Operation betroffen zu sein, was daran liegt, dass sich Medikamente schneller in ihrem Körper umverteilen und eine konstante Konzentration daher schwieriger zu erreichen ist. Auch bei Notoperationen, Eingriffen in der Nacht und Entbindungen per Kaiserschnitt kommt unerwünschte Wachheit statistisch häufiger vor, denn in allen drei Fällen wird öfter eine zu geringe Dosis Betäubungsmittel gewählt.