Gluten und Laktose gelten als krankmachende Bösewichte in unseren Lebensmitteln. Und immer mehr Menschen bilden sich ein, Diätnahrung täte ihnen oder ihren Kindern gut. Doch über Lebensmittelunverträglichkeiten kursieren jede Menge falsche Gerüchte und Annahmen.
Der Berliner Starkoch Tim Raue hat alle Register gezogen. Er verwendet in seinem neuen Restaurant nur noch Milchprodukte ohne den Milchzucker Laktose. Auch Gluten hat er aus seiner Küche verbannt - jenes Eiweiß, das in Weizen, Gerste und Roggen steckt. Er habe sich gegen Laktose und Gluten entschieden, weil fast jeder zweite Gast das so wünsche und es zu seinem leichten, asiatischen Kochstil passe, sagte Raue der taz.
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Cappuccino minus L: Zum Lifestyle-Getränk wird heute oft die Lifestyle-Milch bestellt - ohne Laktose, auch wenn man den Milchzucker gut verträgt. (© ddp)
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Die Menschen wünschen dies nicht von ungefähr. Waren es vormals Zucker und Fett, gelten nun Gluten und Laktose als die krankmachenden Bösewichte in unseren Lebensmitteln. Auf dem Ratgeber-Markt finden sich neuerdings unzählige Bücher, die vorführen, wie ein Leben ohne gewöhnliches Brot oder normale Milch aussehen kann. Diese sollen nämlich für allerlei Beschwerden im Darm verantwortlich sein, aber auch für andere diffuse Symptome wie Müdigkeit oder Kopfschmerzen. Gluten wird sogar als Dickmacher gehandelt.
Der sich immer weiter verbreitende Glaube an die Feinde in Milch und Brot wirkt sich bereits auf das Wohlbefinden von Gesunden aus. "In unserer Praxis erscheinen immer häufiger Menschen, die fälschlicherweise glauben, Laktose oder Gluten nicht zu vertragen", sagt Doris Steinkamp, Präsidentin des Verbands der Diätassistenten. Mehr als jeder zweite Bundesbürger glaubt inzwischen, an einer Laktoseunverträglichkeit zu leiden, wie eine Befragung der Landesvereinigung Milch in Nordrhein-Westfalen im August ergab.
Ohne dass die Unverträglichkeit zuverlässig diagnostiziert worden wäre, greifen Menschen vermehrt zu Diätnahrung: So wächst das Unternehmen Schär, Deutschlands größter Hersteller für glutenfreie Lebensmittel, jährlich um zehn bis 15 Prozent. In den USA sollen im Jahr 2009 sogar 75 Prozent mehr solcher Diätprodukte verkauft worden sein als noch vier Jahre zuvor.
Auch die Aufschrift "laktosefrei" taugt als Verkaufsschlager: Laut dem Verband der Milchindustrie wächst der Markt jedes Jahr um 20 Prozent. Laktosefreie Milchprodukte findet man nicht mehr nur im hintersten Winkel des Reformhauses, sondern an prominenter Stelle im Supermarkt.
Tatsächlich ist laktose- oder glutenfreie Ernährung in manchen Fällen nötig. Etwa zehn Prozent der Bevölkerung leiden laut der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten unter Laktoseintoleranz. Andere Schätzungen gehen von 15 bis 20 Prozent Betroffenen aus. Sie können den Milchzucker wegen einer genetischen Besonderheit nicht gut verdauen; schon nach einem Glas Kakao leiden sie unter Übelkeit, Schmerzen, Durchfall oder Blähungen.
In jedem Fall aber breitet sich das Phänomen der echten Laktoseunverträglichkeit nicht aus. Denn es handelt sich nicht um eine Allergie, sondern um eine genetische Eigenschaft, die rezessiv weitervererbt wird. Die Symptome treten bei einer Person also nur auf, wenn ihre beiden Eltern eine Anlage zur Laktoseintoleranz besitzen. Nur in Ausnahmefällen, etwa nach einer Krebstherapie, erwerben Menschen noch als Erwachsene die Laktoseintoleranz.
Bei den Betroffenen arbeitet das Enzym Laktase, das im Dünndarm den Milchzucker spaltet, nicht richtig. Laktose gelangt so unverdaut in den Dickdarm, wo Bakterien sie unter der Bildung von Gasen abbauen, was zu Beschwerden führt. In den laktosefreien Milchprodukten hat künstlich zugesetzte, meist gentechnisch hergestellte Laktase den Abbau des Milchzuckers bereits vorgenommen.
Dadurch schmeckt die Milch erheblich süßer, weil ein Molekül Milchzucker in zwei andere Zucker mit ähnlicher Süßkraft aufgespalten wird. "Selbst die Betroffenen aber müssen nicht komplett auf Milchprodukte verzichten oder zwingend auf laktosefreie Lebensmittel zurückgreifen", betont Silke Restemeyer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). "Sie können meist eine gewisse Menge an Laktose vertragen." Ohnehin stecke in gereiftem Käse oder in Joghurt kaum mehr Milchzucker.
Für Gesunde sind laktosefreie Produkte völlig unnötig: "Wenn ein Mensch keine Laktoseunverträglichkeit hat, ergibt es keinen Sinn, Milchzucker zu meiden", sagt Andreas Stallmach, Gastroenterologe an der Universität Jena. Dennoch kaufen rund 40 Prozent der Deutschen bereits regelmäßig laktosefreie Lebensmittel, wie die Befragung der Landesvereinigung Milch ergab.
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Was mich an diesem Artikel am meisten gestört hat, war, dass er so tut, als wäre Zöliakie kein Problem, das es rechtfertigt, dass Hersteller wie Schär und Köche wie Tim Raue dafür "Extrawürste" braten. Ich würde die Autorin gerne einladen, beispielsweise in unserer Familie mal mitzuerleben, was passiert, wenn bei einem Kind Zöliakie festgestellt wird - dem Kind geht es nach der Nahrungsumstellung besser, die Familie zahlt dafür den Preis entweder einer vollständigen Umstellung der Ernährung aller zuhause oder einer peniblen Trennwirtschaft in der Küche (da kleinste Spuren glutenhaltiger Nahrungsmittel im Essen des Kindes die ganze Diät zunichte machen). Entweder also Dauerstress für alle, oder Verzicht auf Brot, Kuchen, Kekse, Nudeln oder Einkauf der deutlich teureren glutenfreien Produkte. Aber das ist ja nur der kleinste Aspekt - wer sich glutenfrei ernähren MUSS, kann außerhalb der eigenen vier Wände praktisch nichts mehr ohne Nachfrage und Prüfung in den Mund stecken - Gluten findet sich nämlich in vielen Produkten, in denen es eigentlich nichts zu suchen hat (z. B. vielen Wurst- und Käsesorten), taucht aufgrund der industriellen Lebensmittelproduktion in Spuren in den meisten Fertigprodukten (und da rede ich nicht von Fertiggerichten, sondern von Schokolade, Dosengemüse, Milchprodukten mit Fruchtzusatz...) auf oder kann wenigstens vom Hersteller nicht ausgeschlossen werden. Ich für meinen Teil gönne der Firma Schär und allen Herstellern glutenfreier Produkte jeden Cent Umsatz und wünsche ihnen noch kräftige Umsatzsteigerungen in der Hoffnung, dass dies zu noch schmackhafteren und für alle bezahlbaren Produkten führt. Ich bin jedem Gastronom dankbar, der sein Unternehmen so aufstellt, dass von Zöliakie und Allergien betroffene Menschen dort einigermaßen normal essen können, also ohne lange Nachfragen, Diskussionen mit dem Service- und Küchenpersonal und ohne Angst vor Nebenwirkungen. Ich finde es schade, dass solche integrativen Bemühungen in diesem Artikel eher abwertend behandelt werden - das haben sie nicht verdient.
in einem Artikel, das ist ja fast so wie Sommersprossen und Krebs zusammenzuwerfen. Das eine (Laktoseintoleranz) ist global gesehen der Normalfall, das andere (Zöliakie) eine ernste chronische Erkrankung.
Bei der Laktoseintoleranz wirkt Laktose wie ein Abführmittel (bei mir reicht ein Glas Milch oder ein Stück Torte). Man kann damit ganz gut leben - so wie die anderen Betroffenen: das sind immerhin 75 % der erwachsenen Weltbevölkerung. Hier unterschlägt der Autor ein wichtiges Faktum in dem er so tut als sei das eine Randerscheinung. Die Aussage "In jedem Fall aber breitet sich das Phänomen der echten Laktoseunverträglichkeit nicht aus." ist deshalb offensichtlich falsch. Im Zeitalter der Migration bleibt natürlich der Anteil der Menschen mit Laktoseintoleranz nicht konstant sondern muss schon aus rein statistischen Gründen aufgrund der Zuwanderung "laktoseintoleranter" Menschen zunehmen (D war bisher eine Insel der glückseligen Laktoseverdauer).
Schlimm finde ich übrigens die Nahrungsmittelindustrie, die dann noch dieses Abführmittel völlig unnötig in Produkte wie z.B. Kartoffelsalat mischt (Am Durchfall erkennt man dann, ob der Gastwirt Fertig-Kartoffelsalat einkauft oder ihn selbst macht). Die +L-Produkte sind übrigens viel häufiger als die -L-Produkte (man lese die Packungsangaben genau).
Im Zeitalter der globalen Migration scheint mir der Schritt hin zu laktosearmen Lebensmitteln nur konsequent. (Zumindest würde ja schon eine Abkehr von der Laktose als Billig-Wunderwaffe der Lebensmittelchemie schon helfen)
es gibt auch eine erworbene Laktoseintoleranz. Meine Tochte wurde nach einer Behandlung mit Antibiotika und zerstörter Darmflora massiv allergisch gegen Laktose. Selbst geringe Mengen in der Nahrung lösen bei ihre erhebliche und andauerende Verdauungsstörungen aus.
Ohne -L Lebensmittel könnte meine Tochter nicht normal leben. Der Artikel verharmlost das Problem, die Betroffenen werden nicht ernst genommen.
Da hat sich tatsächlich ein Fehler eingeschlichen, der jetzt korrigiert wurde. Bei einer rezessiven Vererbung müssen beide Eltern mindestens eine entsprechende Anlage (ein rezessives Gen) besitzen, aber nicht selbst laktoseintolerant sein. Das sind sie nur, wenn sie zwei entsprechende Gene (Allele) besitzen. Vererben Mutter und Vater jeweils das rezessive Gen an ein Kind, so ist dieses laktoseintolerant. Bekommt es nur eines der rezessiven Gene, ist das nicht der Fall.
mir ist das eigentlich voellig wurscht ob laktose intollerant oder nicht. Ich kauf das nur manchmal weil ich den Verdacht hab, dass ich deswegen oefter pupse. Bloederweise ist mir das eigentlich egal und zum anderen weis ich nichtmal ob meine pupsrate im Durchschnitt liegt.
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