Krebs-Früherkennung Der Geruch des Tumors

Manche Krebsarten erkennen Ärzte erst, wenn es für den Patienten schon zu spät ist. Bei der Entwicklung neuer Tests setzen Forscher nun auf Tiere und ihre erstaunliche Wahrnehmung.

Von Tina Baier

Krankheit riecht. Das wusste schon der griechische Arzt Hippokrates, der vom süßlich-fruchtigen Geruch im Atem von Diabetikern berichtete oder von der modrigen Ausdünstung der Leberkranken. Wissenschaftler des Monell Center in Philadelphia, das sich auf die Erforschung von Gerüchen spezialisiert hat, haben jetzt gezeigt, dass sich auch Krebs erschnüffeln lässt.

Tumore stehen schon länger im Verdacht, Duftsubstanzen wie etwa Alkane freizusetzen; allerdings in Konzentrationen, die die menschliche Nase nicht riechen kann. Viele Tiere dagegen schon. 1989 berichtete das britische Medizinjournal The Lancet erstmals über einen Hund, der ständig an einem Muttermal an der Wade seiner Besitzerin schnüffelte. Als die Frau schließlich beunruhigt zum Arzt ging, stellte sich heraus, dass es sich um ein bösartiges Melanom handelte.

Auch Brust-, Nieren- und Lungenkrebs sollen Hunde am Geruch des Atems oder des Urins erkennen können. Eindeutig bewiesen wurden diese Berichte aber nie. Und niemand weiß, welche Substanzen genau die Tiere erschnüffeln.

Die Geruchsspezialisten aus Philadelphia haben das Phänomen jetzt nach streng wissenschaftlichen Kriterien untersucht. Sie machten ihre Experimente nicht mit Hunden, bei denen es große individuelle Unterschiede im Geruchssinn und im Verhalten gibt, sondern mit Labormäusen, die unter identischen Bedingungen aufgezogen wurden und einander genetisch sehr stark ähneln.

Als Erstes brachten sie den Mäusen bei, den Urin-Geruch von Artgenossen zu erkennen, die einen Tumor in der Lunge hatten. In einem Folgeexperiment konnten die Tiere mit hoher Treffsicherheit krebskranke Mäuse von gesunden unterscheiden. Als die Forscher die chemische Zusammensetzung des Urins kranker und gesunder Mäuse verglichen, fanden sie große Unterschiede. Unter anderem waren viele Substanzen im Urin der krebskranken Tiere weniger stark konzentriert als bei gesunden Mäusen. Aufgrund ihrer Erkenntnisse entwickelten die Wissenschaftler eine chemische Analysemethode, mit deren Hilfe sie 47 von 50 krebskranken Mäusen von gesunden Artgenossen unterscheiden konnten.

Hoffnung auf elektronische Nasen

Als Nächstes wollen die Forscher im Urin von Menschen, die viel rauchen, nach chemischen Substanzen suchen, die einen Hinweis auf einen Tumor in der Lunge geben könnten. Ihr Ziel ist es, eine Früherkennungsmethode zu entwickeln, mit der Risikogruppen wie Raucher routinemäßig ohne allzu großen Aufwand untersucht werden können.

"Ideal wäre ein Gerät, in das Risikopatienten hineinblasen und das dann anhand der Zusammensetzung der Atemluft anzeigt, ob ein Verdacht besteht", sagt Hubert Wirtz, Leiter der Abteilung Pneumologie am Universitätsklinikum in Leipzig. Der Mediziner arbeitet selbst an der Entwicklung solcher elektronischer Nasen. "Derzeit gibt es keine Früherkennungsmethode für Lungenkrebs", sagt er. Bei den meisten Patienten werde die Krankheit erst diagnostiziert, wenn es für eine Operation schon zu spät ist, weil sich der Tumor bereits zu weit ausgebreitet oder Metastasen gebildet hat. Die Heilungschancen sind dann sehr schlecht.

Doch im Frühstadium verursachen Tumore in der Lunge oft keinerlei Beschwerden, sodass die Menschen gar keinen Anlass sehen, zum Arzt zu gehen. Unter anderem aus diesem Grund ist Lungenkrebs eine der tödlichsten Krebsarten beim Menschen. Jedes Jahr sterben weltweit 1,3 Millionen Menschen an dieser Krankheit.

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