Klimawandel Welche Rolle spielt die Sonne wirklich?

Die Klimaforschung geht davon aus, dass die Erderwärmung durch menschengemachte Treibhausgase verursacht wird. Zwei deutsche Buchautoren schieben nun der Sonne die Hauptverantwortung für die Klimaveränderungen zu und sagen, dass "die Klimakatastrophe nicht stattfindet". Doch ihre Behauptungen sind mehr als fragwürdig.

Von Christopher Schrader

Die Sonne ist ein großer, brodelnder Gasball, 150 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Ihre Strahlung im Zusammenwirken mit den Treibhausgasen in der Erdatmosphäre haben das Leben auf diesem Planeten erst möglich gemacht.

Zwei Deutsche behaupten, die schwankende Aktivität der Sonne könne die Temperatur der Erde im Bereich von einem Grad Celsius oder noch mehr verändern. Die Klimaforschung geht von Zehntelgraden aus.

(Foto: dpa)

Doch die Balance der Faktoren ist durcheinander geraten, wofür die Klimaforschung menschengemachte Treibhausgase als Ursache nennt.

Zwei Buchautoren hingegen schieben nun der Sonne die Hauptverantwortung zu. Fritz Vahrenholt ist Chemiker und leitet beim Stromversorger RWE eine Tochterfirma für erneuerbare Energien; Sebastian Lüning ist Geologe und bei den Öl- und Gassuchern des gleichen Konzerns beschäftigt. Ihr Buch heißt "Die kalte Sonne" und erklärt angeblich, "warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet" (Hoffmann und Campe, 24,99 Euro).

Die beiden Autoren leugnen den Klimawandel nicht. Sie bekräftigen sogar, dass die vom Menschen freigesetzten Treibhausgase für die eingetretene und zu erwartende Erwärmung mit verantwortlich sind. Nur geben Sie daran der Sonne eben weit mehr Verantwortung als etwa dem Kohlendioxid.

Der Streit, den das Buch auslösen wird, lässt sich daher so zusammenfassen: Die Autoren behaupten, die schwankende Aktivität der Sonne könne die Temperatur der Erde im Bereich von einem Grad Celsius oder noch mehr verändern; für ihre Gegner geht es allenfalls um Zehntelgrade.

Für die Erwartung an die Zukunft bedeutet das: Laut Vahrenholt und Lüning wird "in diesem Jahrhundert mit hoher Wahrscheinlichkeit die 2-Grad-Grenze (. . .) nicht überschritten". In den kommenden 25 Jahren werde sich die Erde sogar noch etwas abkühlen.

Dagegen sagt zum Beispiel Georg Feulner vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung: "Selbst wenn die Aktivität der Sonne stärker zurückgeht als während der kleinen Eiszeit im 17. Jahrhundert, bremst das die Erwärmung höchstens um 0,3 Grad - das ist nicht einmal ein Zehntel der zu erwartenden Zunahme." Viele Wissenschaftler sehen das genauso.

Politisch ist der Streit brisant. Hätten Vahrenholt und Lüning Recht, wäre ein globales Abkommen zum Klimaschutz nicht dringend und der Weltklimarat IPCC diskreditiert. Der Einsatz der Autoren ist geringer: Sie sind nicht als zentrale Figuren der Klimadebatte aufgefallen.

Immerhin sind sich beide Seiten in einer Beobachtung einig: Die Aktivität der Sonne, die sich zum Beispiel an ihren Flecken zeigt, ist variabel und schlägt sich in der Temperaturkurve der Erde nieder. Der bekannteste Aktivitätszyklus, des Zentralgestirns dauert elf Jahre, aber es gibt auch längerfristige Schwankungen, über die die Wissenschaft weniger weiß.

"Es gab in den 50er- und 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Maximum in der Aktivität, seither nimmt sie ab, und damit auch die Helligkeit", sagt Sami Solanki vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Katlenburg-Lindau. Laut Mike Lockwood von der University of Reading dürfte die Abschwächung 90 Jahre dauern.

Dann könnte die Sonne das Niveau erreichen, das sie im Maunder-Minimum besaß. In dieser Phase, etwa von 1645 bis 1715, waren viel weniger Sonnenflecken zu beobachten als davor und danach. In Europa gab es in dieser Zeit extrem kalte Winter, Gletscher in Norwegen und den Alpen wuchsen, die Themse und niederländische Kanäle froren regelmäßig zu.