Klimakonferenz in Doha Katastrophe voraus

Überschwemmung in Bangladesch. Der Klimawandel werde das Land unbewohnbar machen, warnte schon 1995 Atiq Rahman, Direktor der Nichtregierungsorganisation Bangladesh Center for Advanced Studies, auf der ersten UN-Klimakonferenz in Bonn.

(Foto: dpa/dpaweb)

Uns droht eine schreckliche Welt, wenn wir nicht das Klima retten. Doch die Klimaschutzpolitik steht und fällt mit der Energiepolitik - und über die notwendigen Grundsatzentscheidungen können die Delegierten in Doha nicht verhandeln. Es sind die nationalen Entscheidungsträger, die die Energieunternehmen in die Pflicht nehmen müssen. Die Instrumente liegen auf der Hand.

Ein Gastbeitrag von Erich Vogt

Sichtlich genervt sprang Atiq Rahman von seinem Stuhl und fixierte die ihm gegenübersitzenden Delegierten, Wissenschaftler, Lobbyisten und Journalisten. Die Zeit, den Klimawandel kleinzureden, sei vorbei, warnte der Mann aus Bangladesch. Sein Land werde unbewohnbar werden, "und dann werden wir mit unseren nassen Füßen in eure Wohnzimmer kommen", drohte er. Der Ort des Wutausbruchs: das Berliner Kongresszentrum. Die Veranstaltung: die erste UN-Klimawandelkonferenz im April 1995. Die Präsidentin der Konferenz: Angela Merkel, damals Bundesumweltministerin.

Seit 1995 ringt die Weltgemeinschaft nun schon um ein weltweites Klimaschutzabkommen. Alljährlich trifft sie sich zu zweiwöchigen Klimakonferenzen, um rechtsverbindlich verbindliche Klimaziele sowie die notwendigen Strategien und Instrumente zur Umsetzung festzulegen. Nun ist es wieder so weit. Delegierte aus 200 Ländern treffen sich zur inzwischen achtzehnten UN-Klimawandelkonferenz und nehmen in Katar einen erneuten Anlauf.

Gleichwohl: Große Hoffnungen auf ein Abkommen macht sich niemand. Wenn es gut läuft, wird man den Themenkatalog abarbeiten und konkretisieren, den man im vergangenen Jahr im südafrikanischen Durban vereinbart hat - zum Beispiel, wie lange die zweite Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls gehen soll, wie ein bis 2015 auszuhandelndes Abkommen aussehen könnte, das dann alle Staaten einschließen und 2020 in Kraft treten soll. Die Delegierten werden wohl auch noch einmal das Ziel bestätigen und bekräftigen, den weltweiten Temperaturanstieg auf zwei Grad Celsius zu beschränken.

Und trotzdem wird die Weltgemeinschaft diesen Kampf verlieren. Wir werden es nicht schaffen, diese Zwei-Grad-Obergrenze bis zum Jahr 2050 zu halten. Es wird nichts helfen, dass sich jene 167 Länder, die insgesamt für 87 Prozent des weltweiten Kohlendioxidausstoßes verantwortlich sind, auf dieses Ziel verständigt haben. Die globale Durchschnittstemperatur auf der Erdoberfläche steigt weiter, durch die zunehmende Konzentration von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen in der Atmosphäre. Weltweit sind die Emissionen im vergangenen Jahr laut Berechnungen der Internationalen Energieagentur (IEA) auf fast 32 Gigatonnen gestiegen, das sind 3,2 Prozent mehr als im Vorjahr. China, inzwischen der größte Emittent der Welt, verbuchte gar eine Steigerung von fast zehn Prozent.

Fatih Birol, der Chefökonom der Agentur, hat gesagt, dass wir uns bei diesem Trend auf eine Erderwärmung von sechs Grad bis zum Jahr 2050 einrichten müssen. Wenn das so kommt, werden wir in 40 Jahren auf einem Science-Fiction-Planeten leben.

Die Klimaforscher im Umfeld des UN-Klimarates haben mit neuen, verfeinerten Computersimulationen errechnet, dass die Zwei-Grad-Obergrenze nur erreicht werden kann, wenn wir bis zum Jahr 2050 nicht mehr als insgesamt 565 Gigatonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre pumpen. Wenn wir aber weiterhin weltweit jedes Jahr die jetzigen 32 Gigatonnen emittieren, dann ist unser Treibhausgasbudget bereits in etwa 17 Jahren erschöpft - im Jahr 2030. Wenn wir so weitermachen wie bisher, befinden wir uns also schon 20 Jahre früher als lange angenommen im "roten Bereich".

Bremsende Börsenwerte

Doch es ist ja selbst zweifelhaft, dass wir den Ausstoß von Treibhausgasen konstant halten können. Die Energiewirtschaft sitzt auf bislang nachgewiesenen Öl-, Kohle- und Gasvorkommen, die, wenn sie zum Einsatz kämen, mindestens weitere 2500 Gigatonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre blasen würden - das Fünffache dessen, was eigentlich zum Jahr 2050 in die Luft gehen würde, wollten wir die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzen. Aus der Perspektive des Klimaschutzes müssten also 80 Prozent der nachgewiesenen fossilen Brennstoffvorkommen in der Erde bleiben.

Von sich aus aber wird sich die Energiewirtschaft darauf nicht einlassen. Ihr Börsenwert hängt vor allem von den bekannten Energiereserven ab - und von der Annahme, dass diese Reserven auch genutzt werden. John Fullerton, einst Managing Director beim Finanzhaus JP Morgen, hat errechnet, dass die bekannten, aber noch nicht realisierten Vorkommen derzeit 27 Billionen Dollar wert sind. Bei diesen Zahlen ist nachvollziehbar, warum zwei so unterschiedliche Länder wie Kanada und Venezuela ihre Ölsandreserven unbedingt zu Geld machen wollen. Dabei genügt allein die Nutzung dieser Vorkommen, um den Grenzwert von 565 Gigatonnen Kohlendioxid zu überschreiten, und die Klimaziele der Welt zu pulverisieren.

Jede vernünftige Klimaschutzpolitik steht und fällt also mit der Energiepolitik. Die dafür notwendigen Grundsatzentscheidungen aber können die Delegierten der UN-Klimawandelkonferenz weder verhandeln noch verbindlich vereinbaren. Es müssen also die nationalen Entscheidungsträger helfen, das Erdklima zu retten. Sie müssen die Energieunternehmen auf eine Wirtschaftsweise verpflichten, die klima- und umweltverträglich ist. Und falls es nötig wird, müssen sie klare und strenge Regeln aufstellen, um dieses Ziel zu erreichen.

Die Instrumente liegen auf der Hand. Steuererleichterungen für klimaschädliches Verhalten müssen gestrichen werden, ebenso alle offenen und verdeckten Subventionen. Die Energieunternehmen müssten alle Folgekosten der durch sie verursachten Umweltschäden tragen. Dies würde endlich zu realen Energiepreisen für Kohle, Öl und Gas führen und die Nachfrage bremsen. Außerdem müssen sie zur Zahlung von Treibhausgasabgaben verpflichtet werden, die umso höher wird, je näher man der Zwei-Grad-Obergrenze kommt.

Die Gesetze und Verordnungen müssten auf die bewusste wirtschaftliche und politische Schwächung der fossilen Energiewirtschaft abzielen - aber auch Anreize bieten, neue Ziele zu erarbeiten und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Die komplette Neuausrichtung und Umstrukturierung sowie vorübergehende De-facto-Verstaatlichung der einst allmächtigen amerikanischen Automobilindustrie während der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise könnte ein durchaus brauchbares Modell für die notwendige Umkrempelung der fossilen Energiewirtschaft sein. Auch für sie muss gelten, dass angesichts der drohenden Klimakatastrophe bisher Undenkbares nötig wird.

Klimakonferenzen werden unverbindlich und ohne Wirkung bleiben, solange die nationalen Entscheidungsträger nicht diese notwendige Grundsatzentscheidung treffen. Erst dann könnten diese Treffen richtig relevant werden.

Der Umwelt- und Entwicklungsexperte Erich Vogt, 62, lehrt Klimawandel an der School of Environment und Munk School of Global Affairs der University of Toronto.