Klimagipfel in Warschau Greenpeace gegen die Kohlelobby

90 Prozent der Elektrizität werden in Polen aus Kohle gewonnen. Umweltschützer demonstrieren in Warschau gegen die Energiepolitik des Landes

(Foto: AFP)

Ausgerechnet während des UN-Klimagipfels findet in Warschau auch ein Treffen der internationalen Kohleverbandes statt. Das nehmen Umweltaktivisten zum Anlass, gegen die "die schmutzigste aller Industrien" zu protestieren, die in Polen traditionell großen Einfluss hat.

Von Klaus Brill, Warschau

Mit einer spektakulären Protestaktion haben Umweltschützer bei der Internationalen Klimakonferenz in Warschau den Gastgeber Polen als Umweltsünder an den Pranger gestellt. 43 Aktivisten der Organisation Greenpeace kletterten am Montagmorgen in der Warschauer Innenstadt auf das Dach des Wirtschaftsministeriums und winkten von dort mit weiß-roten polnischen Fahnen herab. Sie demonstrierten damit gegen eine Konferenz des Internationalen Kohleverbandes im selben Gebäude und gegen die polnische Regierung, die in ihrer Energiepolitik nach wie vor der Ausbeutung der Kohle Vorrang vor anderen Energiearten gibt.

"Wer regiert Polen? Die Kohleindustrie oder das Volk?", stand auf einem weiß-roten Transparent, das die Greenpeace-Truppe vom flachen Dach des Ministeriums an der Hausfront herunterließ. Polizei und Feuerwehr brachten später zwei große Kräne in Stellung und entfernten das Spruchband wieder. Die Besetzer, die 20 verschiedenen Nationen angehören, wurden zum Verlassen des Gebäudes veranlasst und zum Verhör auf ein Polizeikommissariat gebracht. Sie waren kurz nach sechs Uhr im Morgengrauen mit einem Lkw vorgefahren und hatten über eine ausgefahrene Feuerwehrleiter das Dach erklommen. Mehr als eine Stunde lang konnten sie demonstrieren, ehe die Polizei einschritt.

Andere Aktivisten veranstalteten danach noch am Boden ein Happening. Mit Atemschutzmasken und einer aus Plastikteilen gefertigten überdimensionalen Lunge wiesen sie darauf hin, dass die Verbrennung von Kohle wegen des Ausstoßes von Kohlendioxid das Klima belaste und zur Erderwärmung beitrage.

Der im Wirtschaftsministerium abgehaltene Internationale Kohle- und Klimagipfel wird vom Weltkohle-Verband (World Coal Association) in Zusammenarbeit mit der Regierung veranstaltet und dauert zwei Tage. Schon im Vorfeld hatten Umwelt-Organisationen wie Greenpeace, Oxfam und World Wildlife Fund es als skandalös und provokativ bezeichnet, dass die Tagung parallel zur zweiwöchigen Weltklima-Konferenz der Vereinten Nationen terminiert wurde, die derzeit ebenfalls in Warschau stattfindet und noch bis zum nächsten Wochenende dauert. "Wir möchten nicht, dass Veranstaltungen, bei denen die schmutzigste aller Industrien gefördert wird, mit einer Lösung des Klimawandels in Verbindung gebracht wird", erklärte Greenpeace auch am Montag.

Hingegen erklärte der polnische Umweltminister Marcin Korolec, der Gipfel sei nur eine von hundert Veranstaltungen, die parallel zur Klimatagung stattfinde. Polens Wirtschaftsminister Janusz Piechocinski sagte auf dem Kohle-Gipfel, die Kohlebranche müsse an den Gesprächen und Vereinbarungen über eine Verbesserung des Klimas beteiligt werden. Ihre Vorschläge sollten auch in das für 2015 beim Pariser Klimagipfel geplante Klimaschutzabkommen einfließen.

"Wir erkennen an, dass wir Teil des Problems sind", erklärte namens des Weltkohleverbands der Manager Godfrey Gomwe. "Genau deshalb müssen wir auch Teil der Lösung sein." Gomwe sagte weiter, derzeit würden 40 Prozent der Elektrizität in der Welt aus Kohle gewonnen, und viele Entwicklungsländer wollten ihre Kohlelager nutzen.

Elektrizität aus Kohle sei auch Teil des Kampfes gegen die Armut, deshalb dürfe die Kohle aus dem globalen Energiemix nicht verschwinden. Außerdem gebe es hoch effiziente moderne Technologien, mit denen die Umweltbelastungen erheblich reduziert werden könnten.

Schadstoffreiche Kraftwerke stilllegen, auf den Abbau von Kohlelagern verzichten

Christiana Figueres, die Generalsekretärin der UN-Klimakonvention, rief die Kohleindustrie auf, "schnelle und dramatische Veränderungen" herbeizuführen, um die übelsten Auswirkungen des Klimawandels zu vermeiden. Die jüngsten Erkenntnisse über eine Verschärfung des Treibhauseffektes dürften nicht ignoriert werden, sagte sie auf der Konferenz. Die Kohleindustrie solle schadstoffreiche Kraftwerke stilllegen, auf den Abbau von Kohlelagern verzichten und außerdem in erneuerbare Energien investieren, wie dies auch Energiefirmen in anderen Branchen schon täten.

Im Gastgeberland Polen stößt das Thema Kohle auf große Aufmerksamkeit, weil dort mehr als 90 Prozent der Elektrizität aus Kohle erzeugt werden. Ministerpräsident Donald Tusk hatte mit Hinweis auf die großen Kohlereserven im Land noch vor zwei Monaten erklärt: "Die Zukunft der polnischen Energie liegt in der Braun- und Steinkohle und ebenso im Schiefergas." Die Unabhängigkeit in der Energieversorgung verlange nicht nur die Diversifikation der Energiequellen, sondern auch die maximale Nutzung der eigenen Ressourcen.

Die polnische Regierung bereitet derzeit den Abbau neuer Braunkohle-Lagerstätten sowie den Ausbau eines großen Kohlekraftwerks in Oppeln (Opole) in Schlesien vor. Außerdem werden im ganzen Land, vor allem in Ostpolen, zahlreiche Lagerstätten von Schiefergas untersucht. Die Pläne für den Bau eines ersten Atomkraftwerks an der Ostsee werden von Experten mittlerweile wegen der hohen Investitionskosten sehr skeptisch betrachtet. Ein Hauptziel polnischer Energiepolitik ist es, unabhängiger von russischen Lieferungen an Gas und Öl zu werden, die bisher 70 beziehungsweise 90 Prozent der verbrauchten Mengen ausmachen.