Kampf gegen Tierseuchen Neuer Erreger aus dem Impfstoff

Um Hühner vor einer Atemwegskrankheit zu schützen, werden sie mit abgeschwächten Herpesviren geimpft. Aus diesem Vakzin hat sich in Australien nun ein neuer, gefährlicher Erreger entwickelt. Kann so etwas auch bei Impfstoffen für Menschen vorkommen?

Von Christina Berndt

Eng geht es zu in modernen Hühnerställen. Von Tier zu Tier überzuspringen ist für Viren dort ein Leichtes. Deshalb werden Hühner gegen eine ganze Reihe von Krankheiten geimpft - auch gegen die Infektiöse Laryngotracheitis (ILT), eine schwere Atemwegserkrankung, die von Hühner-Herpesviren verursacht wird. Betroffene Tiere fangen an zu keuchen und husten blutigen Schleim aus. Kleinere Eier legen sie auch noch.

Um das zu verhindern, wird seit Jahren mit ILT-Viren geimpft, die abgeschwächt sind, sich aber immer noch vermehren können. Ebenso lange aber hegen Fachleute Bedenken: Könnten sich diese Impfviren womöglich mit natürlichen Herpesviren zu neuen, gefährlichen Erregern kombinieren und das Geflügel kränker machen als die ursprünglichen Keime?

Genau dieses Szenario ist wahr geworden, belegen jetzt Genetiker um Joanne Devlin von der University of Melbourne (Science, online). In Australien grassieren demnach Herpesviren unter Federvieh, die aus drei dort verwendeten Impfstoffen hervorgegangen sind. In manchen Ställen haben diese Viren schon so gewütet, dass 18 Prozent des Geflügels starben. Die neue Seuche sei entstanden, weil "verschiedene abgeschwächte Herpesvirus-Impfstoffe in denselben Hühnerpopulationen verwendet wurden", schreiben die Autoren. Es müsse verhindert werden, dass so etwas in Zukunft wieder geschieht.

Das sieht man auch am Friedrich-Loeffler-Institut so, dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. Solche Impfstoffe müssten mit Vorsicht eingesetzt werden, betont Institutsleiter Thomas Mettenleiter, der selbst an ILT-Impfstoffen arbeitet. Es sei ein Charakteristikum von Herpesviren, dass sie lebenslang im Körper bleiben - sowohl nach einer Impfung als auch nach einer natürlichen Infektion. Dabei ziehen sie sich in Nervenzellen zurück und können später - etwa durch Stress - wieder ausbrechen.

Dies gilt auch für jene Herpeserreger, die beim Menschen Bläschen im Mundbereich verursachen, oder für die ebenfalls zu den Herpesviren gehörenden Windpockenviren, die sich als Gürtelrose zurückmelden können. Auf solche schlafenden Krankheitserreger könnten die Impfviren im Körper treffen und sich mit ihnen zu neuen, unangenehmen Erregern vermischen, erläutert Mettenleiter.

Auch Menschen werden lebendige Herpesviren gespritzt - und zwar bei der Impfung gegen Windpocken. Seit 1995 erhalten Kinder in den USA diese Impfung, in Deutschland seit 2004. Ob dabei aus abgeschwächten Impfviren und natürlichen Windpockenerregern ebenfalls bislang unbekannte Erreger entstehen können?

"Die Frage ist seit einigen Jahren Gegenstand unserer Forschung", sagt Andreas Sauerbrei, der das Konsiliarlabor für Herpes- und Windpockenviren am Universitätsklinikum Jena leitet. "Bislang gibt es aber absolut keine Hinweise für die Entstehung gefährlicher Virusrekombinanten durch die Windpockenimpfung", betont der Virologe. Weil das Windpockenvirus äußerst stabil sei, seien nur sehr vereinzelt Viruskreuzungen beschrieben worden.

Dabei seien die Neukombinationen nicht krankmachender gewesen als die natürlichen Erreger. "Aber natürlich sollte die Epidemiologie der Windpockenviren weiterhin überwacht werden", sagt Sauerbrei.

Viele Impfstoffe für den Menschen enthalten heutzutage abgetötete Viren (wie gegen Hepatitis A), nur die Gifte der Erreger (Tetanus und Diphtherie) oder Proteinschnipsel (Hepatitis B). Gegen zahlreiche Krankheiten seien aber noch Impfstoffe nötig, die vermehrungsfähige Viren enthalten, sagt Susanne Stöcker, Sprecherin des für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts. Denn mit den Lebendimpfstoffen lässt sich auch ohne chemische Zusätze ein starker Impfschutz erreichen.

In der Massenhühnerhaltung sind solche Vakzine die Regel. "Die Mehrzahl der Impfungen erfolgt mit Lebendimpfstoffen über das Trinkwasser", schreibt der Tierarzt und Geflügelexperte Werner Lüthgen in der Zeitschrift Geflügel-Börse. Eine Impfung jedes einzelnen Tieres wäre zu aufwendig. Weil den Hühnern über das Wasser aber nur geringe Mengen an Viren zugeführt werden können, sei es Voraussetzung, dass sich der Impfstoff "im Organismus des Wirtstieres noch vermehrt".

Die ILT-Impfstoffe, die in deutschen Tierställen verwendet würden, seien andere als die in Australien eingesetzten, beruhigt der Tierseuchenexperte Mettenleiter. Um die Entstehung neuer Viren zu verhindern, rät er davon ab, mehrere verschiedene Impfstoffe in derselben Region zu verwenden. Auch sollten diese genau untersucht sein, um mögliche Neuschöpfungen und deren Folgen abschätzen zu können. Das sei bei den ILT-Vakzinen im Tierstall nicht immer der Fall, wohl aber beim Windpockenimpfstoff für den Menschen.