JahreswechselLärm macht süchtig

In der Silvesternacht wird es wieder zu spüren sein: An ohrenbetäubender Lautstärke kann sich der Mensch berauschen. Zeit für die interessantesten Fakten zum Krach.

Es sind knapp 2000 Meter vom Brandenburger Tor bis zum Großen Stern in Berlin. Es ist eine Strecke, auf der schon an normalen Tagen ein reger Autoverkehr rauscht. Hier ein Hupen, dort eine Trabbi-Safari, und über allem die akustische Haube des ewigen Flughafens Tegel, das Herz der Stadt hört nie auf zu schlagen.

Man kann dann fragen: Warum ausgerechnet hier Bands wie die Höhner auftreten müssen, warum die Spider Murphy Gang, warum Rednex, wenn der Pegelauf dieser vermeintlichen "Meile" zum Jahreswechsel noch mal so richtig hochgefahren wird? Eine Million Partygäste, verteilt auf zwei Kilometer, um Mitternacht dann Geböller und Raketengepfeife, ist das nicht zu viel Krach in einer Stadt, deren hörbares Profil selbst von den eigenen Bewohnern bloß als "laut" beschrieben wird?

Doch das ist es eben, nicht genug. Der Mensch ist süchtig nach Lärm. Das leuchtet nicht sofort ein, gerade wenn man an die Nachbarn über einem denkt und das Bobbycar des Kindes, das dort wohnt. Oder wenn man sich an die Warnungen erinnert, sich zu lange zu großem Lärm auszusetzen. Aber es gibt ja viele Dinge, die unangenehm und schädlich sind, und von denen der Mensch trotzdem nicht lassen kann. Nikotin, Alkohol, Fernsehen, Gummibärchen, alles nicht so gut, man will es trotzdem.

Die Frage nach dem Warum stellt sich beim Lärm aber wohl eher als beim Bier, schließlich ist der akustische Rausch kein offenkundiger, höchstens vielleicht, wenn man ihn über gute Musik erfährt. Aber sicher nicht auf der Sonnenallee in Neukölln, wenn der mattschwarz lackierte, tiefergelegte Sportwagen einschlägigen Fabrikats vor der Ampel steht und im Leerlauf brüllt wie Godzilla, während man daneben auf dem Fahrrad sitzt und hofft, es möge rasch vorbeigehen. Aber doch, Autolärm ist offenkundig ein Rausch, zumindest für die Fahrer und für Motorsport-Fans. Als der akustische Ausstoß der Formel-1-Wagen 2014 durch den Verbau moderner Motoren reduziert werden sollte, ging ein Aufschrei durch die Anhängerschaft des Sports. Man vermisste "emotionalisierenden Auspufflärm", der australische Promoter der Formel 1 verlangte "Geld zurück" und Sebastian Vettel beklagte, man sei doch nicht auf dem ADAC-Übungsplatz, und wollte seinen V12-Motor wiederhaben. Schließlich wurden die Boliden wieder lauter gemacht, es war ein Sieg der Abhängigen.

Lärm ist ein Ausdruck von Stärke, ein Zeichen von Macht, vor der Digitalisierung war er gewiss auch ein herausragendes Merkmal der technischen Zivilisation. Alexander Graham Bell steht für diesen zivilisatorischen Lärm wie kaum ein anderer Name aus der Wissenschaft. Das Telefon, dieser penetrante Apparat, geht auf seine Kappe, der Vorläufer des Grammofons als Beschallungsquelle auch, und nicht zuletzt trägt die Einheit, in der Lärm gemessen wird, Bells amputierten Namen: das Bel. Die Skalierung dieser Einheit sagt viel aus, auch wenn sie sich den meisten Menschen schwer erschließt: Das Bel beschreibt die logarithmische Änderung des Schalldrucks. Man zählt in Zehnteln, Dezibel, weil sich das Getöse sonst nicht fein genug unterscheiden ließe.

Ein Presslufthammer ist der Dezibelskala zufolge viermal so laut wie ein Fernseher. Das ist von der menschlichen Schmerzgrenze zwar noch ein Stück entfernt, aber schon schwer erträglich und ein gutes Beispiel für die Macht des Lärms, hier: die Macht des Bauarbeiters über die Befindlichkeit der Anwohner. Dann nämlich, wenn morgens um sieben erst mal der Kompressor angeworfen wird, obwohl um halb acht schon wieder Frühstückspause ist. Dieses Spiel mit der Macht bleibt nicht folgenlos. Wie die Sozialpsychologie schon in den 1970er-Jahren erschöpfend gezeigt hat, kompromittiert die Ohnmacht eines unfreiwillig Hörenden erheblich auch dessen Sozialverhalten.

Was zum Jahreswechsel bedenkenswert, aber wohl weniger relevant ist, denn Lärm ist zwar Macht, er kann aber auch sozialer Klebstoff sein. An keinem Tag im Jahr ist das so offenkundig wie an Silvester, wenn wildfremde Menschen es gemeinsam mächtig krachen lassen. Selbst wenn sie dabei gemeinsam ohnmächtig der Spider Murphy Gang lauschen müssen. Das aber zum Glück nur in Berlin.

Nehmen Sie sich die Ruhe und lesen Sie unter den folgenden Bildern weitere interessante Aspekte zum Thema "Lärm". Von Kathrin Zinkant

31. Dezember 2017, 14:402017-12-31 14:40:43 © SZ.de/beu