Hochwasser in Deutschland Vorsorgemaßnahmen für gefährliche Anlagen greifen

Bundeswehrsoldaten errichten einen Hilfsdamm gegen das Hochwasser der Mulde in Bitterfeld-Wolfen

(Foto: Getty Images)

Wenn die Wasserpegel steigen, wächst auch das Risiko, dass Heizöl und Chemikalien aus Tanks und Industrieanlagen in die Umwelt geraten. In Deutschland ist es bislang noch zu keiner größeren Katastrophe gekommen. Noch ist die Gefahr aber nicht vorbei.

Von Markus C. Schulte von Drach

Hochwasser wie jetzt in Süd- und Ostdeutschland überschwemmen nicht nur Städte und Dörfer, zerstören Teile der Infrastruktur und zwingen mancherorts die Menschen zur Flucht. Ein Hochwasser bedroht auch Chemieindustrieanlagen, wo Gift- oder Gefahrenstoffe gelagert werden, Sondermülldeponien, Öltanks oder Kläranlagen.

So war 2002 zum Beispiel das tschechische Chemiewerk "Spolana" vom Wasser der Elbe überflutet worden. Einem offiziellen Untersuchungsbericht zufolge wurden dabei 80 Tonnen Chlor, zehn Tonnen Schwefelsäure sowie geringere Mengen von Dioxin, Quecksilber und anderen Chemikalien in die Elbe geschwemmt.

Bis jetzt gibt es zum Glück keine Hinweise darauf, dass die Bevölkerung in Deutschland sich auch noch mit diesen Problemen herumschlagen muss.

Während das sächsische Innenministerium erklärte, Industrieanlagen und Sondermülledponien seien nicht gefährdet, hüllte sich das bayerische Umweltministerium in Schweigen. Aber auch die Umweltschützer von Greenpeace, die die besonders heiklen Objekte wie Chemieindustrieanlagen und Sondermülldeponien im Auge behalten, sind bisher auf keine größeren Vorfälle gestoßen.

Es sieht demnach so aus, als ob die in den Ländern geltenden Gefahrenpläne und die im Vorfeld ergriffenen Schutzmaßnahmen für gefährliche, gefährdete Anlagen gegriffen hätten. Oder diese wurden vom Hochwasser schlicht und einfach verschont.

Auch Wohnungs- und Hausbesitzer waren vorgewarnt worden und hatten so die Tanks der Ölheizungen sichern können. Mancherorts kam es trotzdem zu Problemen, etwa im völlig überfluteten Passau, wo das zurückweichende Wasser eine braune, nach Öl stinkende Brühe hinterlassen hat.

In Gschwend bei Schäbisch Gmünd überschwemmte das Wasser unterirdische Heizöltanks, das auslaufende Öl verseuchte eine Fischzucht. Und im niederbayerischen Kirchroth überflutete der Starkregen ausgerechnet den Heizöltank der Feuerwehr und warf ihn um. Aus dem umgestürzten Tank floss eine unbekannte Menge Öl aus.

In solchen Fällen werden das Öl und das verseuchte Wasser von der Feuerwehr abgesaugt, verunreinigter Boden wird abgetragen.

"Auch an Tankstellen wird bei so einem Hochwasser immer etwas Öl ausgespült", sagt Kai Britt von Greenpeace in Hamburg. Es werde bei diesen Wassermassen aber relativ stark verdünnt. Auch Alfons Weinzierl, Vorsitzender des Landesfeuerwehrverband Bayern, hat nichts von Fällen gehört, wo Tausende oder Zehntausende Liter Öl ausgelaufen wären, so dass eine Umweltkatastrophe drohen würde.

"Offenbar gut vorbereitet"

Was das Wasser mitnimmt, sind vor allem Hausmüll oder Einrichtungsgegenstände, die zwar auch entsorgt werden müssen - aber keine große Umweltbelastung darstellen. "Unsere Leute in Bayern und Thüringen haben den Eindruck, dass die Behörden und Helfer diesmal gut vorbereitet und gut ausgestattet waren", sagte Britt.

Zu den Vorbereitungen auf Hochwasser gehört in Bayern die Einrichtung von sogenannten Hilfeleistungskontingenten, von denen jeder der 96 Landkreise einen stellt. "So ein Hochwasser-Hilfskontingent besteht aus 100 bis 120 Leuten und technischem Gerät", erklärt Weinzierl. "Betroffene Landkreise können jetzt der Regierung sagen, wie viele Kontingente gebraucht werden - die stehen dann innerhalb weniger Stunden bereit. Das hilft." Den Bayern sei es gelungen, innerhalb relativ kurzer Zeit 20.000 bis 25.000 Feuerwehrleute in den betroffenen Landkreisen einzusetzen, schätzt Weinzierl.

Auch um das Trinkwasser sorgen sich die Behörden nicht besonders. "Die Trinkwasserschutzgebiete, aus denen das Wasser stammt, sind sehr großflächig ausgewiesen", erklärt ein Sprecher der Münchner Stadtwerke. Dass ungewöhnliche, gefährliche Stoffe ins Wasser gelangen, fürchtet man hier deshalb kaum. Dass die Münchner das Wasser zurzeit mit einer geringen Menge Chlor versetzen, hat einen anderen Grund. "Der Druck, den das Hochwasser auf den Boden ausübt, sorgt dafür, dass das Wasser schneller zum Grundwasserspiegel sinkt und dabei in der Erde nicht so gut gefiltert wird wie sonst", heißt es bei den Stadtwerken. "Das Chlor wird vorsorglich eingesetzt, da die Möglichkeit besteht, dass das Wasser deshalb etwas stärker mit Mikroben belastet ist als sonst."

Auch in Passau wurde die Trinkwasserversorgung durch die Stadtwerke (SWP) nicht wegen einer möglichen Verschmutzung des Wassers unterbrochen, betont Geschäftsführer Gottfried Weindler. Vielmehr war eine Trafostation im Donauwasser abgesoffen, die die Trinkwasserpumpen auf der Insel Soldatenau mit Strom versorgt. "Wir hatten uns auf das Hochwasser vorbereitet und auch die Chlordosieranlage war schon in Betrieb gegangen", sagte Weindler SZ.de. "Die Station und das Pumpwerk sind auf das Hochwasser von 1954 ausgelegt. Diesmal waren es aber 70 Zentimeter mehr."

Da sich das Hochwasser über Elbe, Saale und Donau weiter nach Osten und Norden ausweitet, ist zu hoffen, dass die Anlagen der chemischen Industrie zum Beispiel in Bitterfeld durch den von Bundeswehrsoldaten erichteten Hilfsdeich tatsächlich ausrreichend gesichert sind.

Mehr Sorgen machen sich Umweltschützer derzeit allerdings wegen des Donau-Hochwassers in Österreich und Ungarn, wo Ministerpräsident Viktor Orbán inzwischen den Notstand für die Hochwassergebiete ausgerufen hat. So geht Greenpeace von einem hohen Risiko für die Rotschlamm- und Giftmülldeponie im ungarischen Almasfüzitö aus sowie für Chemieanlagen in Österreich. "Für Almasfüzitö könnte das Donau-Hochwasser eine echte Gefahr darstellen", sagte Greenpeace-Experte Herwig Schuster. "Sollte die Deponie wie bereits 2002 vom Donauwasser umflutet werden, könnte der Randwall brechen." Dann drohe eine Umweltkatastrophe.