Großbritannien und die Atomkonzerne Fukushima? Kein Problem!

Zum Schutz der nationalen Nuklearwirtschaft: Die britische Regierung hat laut Recherchen des "Guardian" das Ausmaß der Atomkatastrophe in Japan systematisch heruntergespielt. Die Industrie gibt in geheimen, aber jetzt veröffentlichten E-Mails auch zu, wie sicher die AKWs wirklich sind.

Von Andreas Oldag, London

Der Beamte sah das Werk der Atomwirtschaft in Gefahr. "Wir müssen sicher gehen, dass anti-nukleare Freunde und Freundinnen nicht in diesem Bereich an Boden gewinnen", heißt es in seiner flapsig formulierten E-Mail aus dem Wirtschaftsministerium. Der Name des Schreibers wurde unkenntlich gemacht. Adressat des elektronischen Brandbriefs aber war offenbar der Verband der britischen Atomkraftwerksbetreiber, Nuclear Industry Association (NIA).

Die Korrespondenz zeigt: Britische Regierungsstellen haben offenbar versucht, das Ausmaß der Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima-1 systematisch herunterzuspielen. Dabei ging es darum, die Reputation der eigenen Nuklearwirtschaft zu schützen. Die britische Zeitung Guardian veröffentlichte jetzt lauter interne E-Mails aus den Londoner Wirtschafts- und Energieministerien. Der brisante Stoff zeigt, dass die Staatsbediensteten vor allem über einen möglichen Stimmungsumschwung in der Bevölkerung besorgt waren.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace spricht von einem Skandal. "Dies macht die blinde Obsession der Regierung deutlich und zeigt, dass weder ihr noch der Industrie zu trauen ist", erklärt eine Greenpeace-Sprecherin. Sogar Abgeordnete der konservativ-liberalen Regierungskoalition zeigen sich empört. Die Regierung dürfe sich nicht zum PR-Beauftragten der Atomindustrie machen, kritisiert der konservative Politiker Zac Goldsmith. Es sei skandalös, dass in den Mails das Ausmaß der japanischen Katastrophe verharmlost werde.

"Die entwichene Strahlung ist unter Kontrolle - der Reaktor ist in Sicherheit", heißt es in einer weiteren Mail, datiert vom 13. März aus dem Wirtschaftsministerium. Das war zwei Tage nach dem Ausfall der Reaktorkühlung in Fukushima. In diesen dramatischen Tagen kam es offenbar auch zur intensiven E-Mail-Korrespondenz zwischen dem britischen Energieministerium und der Atomindustrie. Der Kernkraftwerksbauer Westinghouse gab dabei in einer Mail zu erkennen, dass seine neu konzipierten Reaktoren nicht gegen ein starkes Erdbeben wie in Japan geschützt seien. Der französische Stromversorger EDF, der in Großbritannien neue Reaktoren bauen lassen will, versprach, das Thema "sensibel" zu handhaben. Es dürfe nicht im Zusammenhang mit Japan gesehen werden.

Sprecher der Ministerien spielen die Bedeutung der Mails herunter. Sie seien unter anderem von einem Junior-Beamten geschrieben worden, der nicht verantwortlich für die Atomenergie-Politik sei. Die konservativ-liberale Regierung lässt keinen Zweifel daran, dass sie trotz der Atomkatastrophe in Japan am Ausbau der Nuklear-Energie festhalten will. In den nächsten Jahren sollen mindestens acht neue Kraftwerke gebaut werden. Diese sollen im wesentlich die Uraltmeiler ersetzen, die bereits einige Jahrzehnte auf dem Buckel haben und als pannenanfällig gelten. Die Insel deckt derzeit etwa 20 Prozent ihres Energiebedarfs aus Atomkraft. 19 Reaktoren in zehn Kraftwerken sind am Netz. Nach Meinung der Regierung spielt die Atomkraft eine Schlüsselrolle bei der Reduzierung klimaschädigender Treibhausgase. Die Grünen, die gegen Atomenergie sind, spielen in der britischen Politik nur eine Statistenrolle. Umfragen zeigen, dass die meisten Briten die Atomkraft befürworten.

Kein Zufall, dass internationale Energiekonzerne gern im atomfreundlichen Großbritannien investieren. Die französische Firma EDF übernahm vor zwei Jahren für 12,5 Milliarden Pfund (14 Milliarden Euro) den britischen Atomkraftwerksbetreiber British Energy. Nun planen die Franzosen in Hinkley Point im Südwesten Englands, den Bau zweier Reaktoren, die 2017 in Betriebe gehen sollen. Und die deutschen Konzerne RWE und Eon haben das Gemeinschaftsunternehmen Horizon Nuclear Power gegründet: Es hat sich Bauflächen an den Kraftwerksstandorten Wylfa in Wales und Oldbury in den West Midlands gesichert.

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