Gemischte Gefühle: Weihnachten Das weiße Rauschen

Reine Vorfreude auf Weihnachten haben nur die kleinen Kinder. Erwachsene hingegen erleben häufig einen extremen Gefühls-Mix. Warum die meisten trotzdem nicht auf das Fest verzichten wollen.

Von Christian Weber

Die gute Nachricht lautet, dass die Suizidrate vor Weihnachten entgegen einer weit verbreiteten Annahme nicht steigt. Laut Statistik ist in dieser Hinsicht der Mai der gefährlichste Monat. Vielleicht, weil die Schwärze im eigenen Herzen besonders schmerzt, wenn Andere in Frühlingsgefühlen baden. In der Adventszeit hingegen leiden die meisten Menschen unter gemischten Gefühlen, so wie sonst nur selten im Jahr. Da fühlt sich auch der Traurige der Gemeinschaft näher.

Mit der Unterstützung von 50.000 Lämpchen demonstriert ein Haushalt in Dortmunder Ortsteil Brakel weihnachtliche Stimmung. Viele Menschen tun sich allerdings schwer damit, in der Adventszeit nur hell gestimmt und glücklich zu sein.

(Foto: dpa)

Reine Vorfreude auf das Fest haben allerdings nur die kleinen Kinder, allenfalls getrübt von der leisen Befürchtung, dass der Weihnachtsmann nicht so ganz kapiert haben könnte, welche Version der bestellten Playstation er liefern soll.

Erwachsene hingegen erleben häufig einen extremen Gefühls-Mix: Wenn sie die Kerzen anzünden und in den Lebkuchen beißen, erinnern sie sich voller Nostalgie und Sehnsucht an die Weihnacht ihrer Kindheit, sie hoffen darauf, dass es diesmal keinen Krach in der Familie geben und die erwarteten Gefühle rechtzeitig eintreffen werden - Geborgenheit, Harmonie, vielleicht sogar ein bisschen Erhabenheit bei der Weihnachtsmesse.

Sie ahnen zugleich, dass sie enttäuscht sein könnten von uninspirierten Geschenken, gelangweilt von Gesprächen mit entfernten und entfremdeten Verwandten, angeekelt vom süßlichen Weihnachtsgesumme in den Einkaufszonen.

Unter den Erwachsenen bekundet jeder Vierte, die Feiertage setzten ihn massiv unter Druck oder Stress, wie das Nürnberger Marktforschungsinstitut GfK in der vergangenen Saison repräsentativ ermittelte. Jeder Sechste berichtete von dicker Luft unterm Tannenbaum. Viele werden dem US-Autor Ambrose Bierce zustimmen, der Weihnachten wie folgt definierte: "Festtag der Völlerei, der Trunksucht, klebrigen Gefühle, der Entgegennahme von Geschenken und öffentlichen Langeweile mit häuslichem Frieden geweiht." Verständlich, dass jeder Fünfte erklärte, dass er Weihnachten am liebsten ganz abschaffen würde.

Sie tun es dann doch nicht, vermutlich, weil sie die Aussichtslosigkeit des Unterfangens einsehen. Die genervten Anwohner des Münchener Oktoberfestes versuchen ja auch nicht ernsthaft, Bierzelte durch Teesalons zu ersetzen. Naturgewalten wie das Weihnachtsfest kann man nur erdulden.

Die vor Jahrhunderten nach Sibirien ausgewanderten deutschen Bauern begehen Weihnachten ebenso unverdrossen wie die lutheranischen Auswanderer im Dörfchen Lobethal in Südaustralien. Mitten im Sommer der Südhalbkugel zelebrieren sie ihr "Festival of Lights", das jährlich 250.000 Besucher anzieht. Man hat sich natürlich angepasst: In dem australischen Weihnachtslied "Six White Boomers" ziehen halt sechs Kängurus an den Schlitten des Weihnachtsmanns.

Die Symbole der Weihnachtszeit sind so resistent und wandlungsfähig wie unangenehme Viren; Weihnachtsbäume verbreiten sich invasiv wie jene weißen Stapelstühle aus Weichplastik, die mittlerweile auf allen Sonnenterrassen der Welt stehen. Mit solchen Phänomenen muss man leben. Es geht ums Coping.