Fakten-Check Beschneidung Ist die Beschneidung ein unverzichtbarer Bestandteil des Judentums und des Islam?

Die Antwort auf diese Frage können nur Juden und Muslime selbst geben. Die meisten, die sich öffentlich geäußert haben, betonen, nicht auf die Beschneidung von Kindern verzichten zu können. Aber wenn man Geschichte und Kultur der Juden und Muslime betrachtet, überrascht es, dass sie sich so sicher sind.

Juden

Zum Judentum gehören neben der Religion die Kultur, die Tradition und die Geschichte des jüdischen Volkes. Das Ritual der Beschneidung hat seinen Ursprung in einer Stelle der hebräischen Bibel (Tanach), dem ersten Buch Mose (Genesis), wo Gott sagt, er werde einen Bund mit Abraham und dessen Nachkommen eingehen. Das Zeichen dieses Bundes soll der Bibel zufolge sein, dass jeder männliche Säugling im Alter von acht Tagen beschnitten wird.

Als jüdisch gilt allerdings auch jedes Kind, das von einer jüdischen Mutter geboren wird. Die Frage ist also, ob Juden sich vor allem über den Glauben an einen Gott und an einen besonderen Bund mittels Beschneidung definieren, oder über die Volkszugehörigkeit aufgrund der Abstammung.

Es gibt etliche Juden, die an den Gott der Bibel nicht glauben, und die demnach auch keinen Bund mit ihm eingehen wollen. Trotzdem identifizieren sie sich mit dem jüdischen Volk und werden von diesem auch nicht ausgeschlossen. Es gibt auch Juden, die ihre Kinder nicht beschneiden lassen - und der Nachwuchs gehört weiterhin dem jüdischen Volk an. Manche Juden haben das Beschneidungsritual Brit Milah durch ein anderes mit dem Namen Brit Schalomersetzt, bei welchem die Vorhaut des Säuglings nicht abgeschnitten wird.

Diskutiert wurde die Frage nach der Notwendigkeit der Beschneidung im Judentum bereits im 19. Jahrhundert unter den Juden in Deutschland. So gab es zum Beispiel den - kleinen - Frankfurter Verein der Reformfreunde, die bereits damals überzeugt davon waren, dass die Beschneidung keine Bedingung des Judentums sei. 1843 wurde in Frankfurt der Vorschlag eines Bar Amithai (Pseudonym) veröffentlicht, die Beschneidung durch eine andere Zeremonie zu ersetzen. Und in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung war es zum Judentum konvertierten Männern freigestellt, sich beschneiden zu lassen.

Die Erklärungen, ohne Beschneidung gebe es kein Judentum (Dieter Graumann vom Zentralrat der Juden) oder die Beschneidung sei die Wurzel der jüdischen Seele (Israels Oberrabbiner Yoni Metzger), sind vor diesem Hintergrund fragwürdig.

Es scheint so zu sein, dass die Beschneidung als Teil des Judentums nicht für alle Juden völlig unverzichtbar ist, sondern nur für jene, die fest an einen Bund des jüdischen Volkes mit Gott glauben, die überzeugt sind, dass Abraham tatsächlich existierte - was Historiker bezweifeln - und die die entsprechende Stelle im Tanach im Gegensatz zu vielen anderen Passagen wörtlich nehmen.

Auch gläubige Juden halten übrigens nicht daran fest, dass ein Säugling unbedingt am achten Tag beschnitten werden muss. "Triftige Gründe" können dem Zentralrat der Juden zufolge rechtfertigen, das Ritual zu verschieben. Das können zum Beispiel gesundheitliche Faktoren sein.

Muslime

Im Koran gibt es kein Gebot der Beschneidung. Die Muslime betrachten jedoch zum einen ebenfalls Abraham (Ibrahim) als ihren Stammvater, der sich der Bibel zufolge selbst beschnitten hat. Außerdem gibt es zum Beispiel einen Bericht des islamischen Gelehrten al-Buchari, der mehr als zweihundert Jahre nach Mohammed lebte. Al-Buchari zitierte einen der Gefährten des Propheten, Abu Huraira, der wiederum Mohammed zitierte. Demnach hätte Mohammed die Beschneidung als eines von fünf Dingen beschrieben, die zur Natur des muslimischen Menschenbildes gehören. Ilhan Ilkilic zufolge, einem Mitglied des Deutschen Ethikrates, gibt es weitere "zahlreiche Prophetenaussprüche, die das Thema Beschneidung von Jungen zum Gegenstand haben und diese für die Muslime als religiöse Pflicht erklären".

Dazu kommt die Bedeutung des Rituals im muslimischen Gemeinschaftsleben. Die Beschneidung markiert laut Ilkilic den Übergang von der Kindheit zur Adoleszenz, die auch mit neuen Rechten und Pflichten verbunden ist. Allerdings werden muslimische Kinder meist bereits im Alter von bis zu zehn Jahren beschnitten - also nicht erst beim Übergang zur Jugend. Dem deutschen Gesetz über die religiöse Kindererziehung zufolge steht dem Kind die Entscheidung über das eigene religiöse Bekenntnis nach der Vollendung des vierzehnten Lebensjahres zu. Da es im Islam keine Vorschrift für einen bestimmten Zeitpunkt der Beschneidung gibt, stellt sich die Frage, ob Muslime die Entscheidung über das Ritual nicht - dem Gesetz entsprechend - dem Jugendlichen überlassen könnten, zugleich mit seiner Entscheidung zur Religion überhaupt.

Eine weitere Frage, mit der sich alle Gesellschaften vor diesem Hintergrund beschäftigen müssten, ist: Wie geht man mit jenen um, die eigentlich dazugehören - aber nicht beschnitten sind? Werden sie ausgegrenzt? Und muss das so sein? Berichte aus Israel deuten darauf hin, dass unbeschnittene Männer dort nicht diskriminiert werden.