Eurovision Songcontest Selbst der Erfolglose beglückt seine Landsleute

Slavko Kalezic aus Montenegro gehörte im vergangenen Jahr nicht zu den Gewinnern.

(Foto: Efrem Lukatsky/dpa)

Nun hat auch die Wissenschaft den ESC analysiert und schlussfolgert: Wer teilnimmt, steigert die Zufriedenheit in seinem Land - egal wie er abschneidet.

Von Christian Gschwendtner

Niemand blamiert sich gerne. Schon gar nicht auf offener Bühne, wenn wie beim Eurovision Song Contest halb Europa am Fernseher zuschaut. Aus wissenschaftlicher Sicht könnte aber selbst eine Blamage durchaus sinnvoll sein. Nicht für den Musiker, der am Geschmack des Publikums vorbei zielt, wohl aber für das Land, das den Künstler ins Rennen schickt. Denn aus medizinischer Sicht ist eine Blamage immer noch gesünder als gar nicht teilzunehmen. Forscher vom Imperial College in London haben beobachtet, dass Menschen zufriedener mit ihrem Leben sind, wenn sich ein Aspirant stellvertretend für die eigene Nation mit Teilnehmern aus anderen Ländern misst. Sogar die Selbstmordrate liegt in Ländern, die am Wettbewerb teilnehmen, offenbar niedriger als in jenen, die beim Sängerwettstreit nicht vertreten sind.

Man darf das durchaus auch als Warnung an das eigene Land verstehen, falls es auf die Idee kommen sollte, von Vornherein eine Teilnahme auszuschließen oder einen Wettkampf zu boykottieren. In Großbritannien wurden jüngst Überlegungen laut, nach dem Brexit auch aus dem europäischen Gesangswettbewerb auszuscheiden. Auch wenn die Erfolgsaussichten bescheiden sind, warnen die Wissenschaftler davor, deswegen auf eine Teilnahme zu verzichten. Eine schlechte Performance sei immer noch besser als gar keine Performance, schreiben sie in ihrer Studie.

Ob Musik, Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften - sofern es nicht um den Titel geht, spielt die Platzierung bei einem Wettstreit offenbar nicht die entscheidende Rolle für die Lebenszufriedenheit. Ob der Vertreter eines Landes ehrenvoll im vorderen Drittel landet oder sich bis auf die Knochen blamiert, ist nahezu egal. Nur wenn sich ein Teilnehmer im Vergleich zum Vorjahr deutlich verbessere, wirke sich das noch vorteilhafter auf das Wohlbefinden der Landsleute aus, so die Forscher. Völlig überraschend ist diese Erkenntnis nicht. In den USA konnte nachgewiesen werden, dass sich das Pro-Kopf-Einkommen und die Produktivität einer Stadt erhöhen, wenn das heimische Footballteam den Super Bowl gewonnen hat. Ähnliches gilt für den Sieg bei einer Fußballweltmeisterschaft. Ein Land scheint attraktiver zu sein, wenn es den Weltmeisterpokal gewonnen hat als ohne - was sich in sich dann positiv auf den Tourismus auswirkt. Ähnliche Effekte können sich auch nach anderen erfolgreich absolvierten Wettbewerben einstellen.

Interessanterweise muss man nicht mal glühender Fan des eigenen Teams, des Musikers oder anderer Vertreter der Landesfarben sein. Auch ohne Begeisterung für die Sportart oder die künstlerische Darbietung verbessert es die Lebenszufriedenheit, wenn jemand aus dem eigenen Land an den Start geht. Tatsächlich findet offenbar nur einer von fünf Zuschauern Gefallen an der musikalischen Darbietung beim ESC. Wenig untersucht ist zudem der Langzeiteffekt einer Teilnahme, heißt es in der Studie. Gut möglich, dass die Zufriedenheit wieder abnimmt, wenn der Wettbewerb ein paar Wochen zurückliegt. Dann hilft nur eines: immer wieder antreten.

The Boy from Buxtehude

Michael Schulte ist 28 Jahre alt, ein Ex-Zivi mit Vorliebe für graue Jeans und dunkle Pullis. Ist der Prototyp des norddeutschen Normalos die Rettung für den Eurovision Song Contest? Ein Treffen. Von Thomas Hahn mehr...